Lerchenfelder Straße

2. Juni 2003, 18:00
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Wenn die U2 2005 ein bisserl fertiger ist, wird die Station aufgelassen. Die Züge werden länger sein als jetzt

Großmutter hat in der Nähe gewohnt. Aber das ist über zehn Jahre her. In ihre Wohnung sind längst andere Leute eingezogen. Leute, die – natürlich – alles verändert haben. Und dass ihnen wohl fast alles – oder eigentlich alles – was an Großmutter erinnert hat, altmodisch, unzeitgemäß oder hässlich vorkommen musste, kann ihnen kein Mensch vorwerfen.

Bloß: Ich erinnere mich an Menschen über Orte, die ich mit ihnen verbinde. Ein anonymer Stein zwischen tausend anderen am Zentralfriedhof hat für mich keine Bedeutung. Und im Falle von Großmutter ist eben ihre Wohnung einer dieser Erinnerungsorte. Oder die von den Hunden der Umgebung komplett zugeschissene Neudeggergasse. Und die U-Bahn-Station in der Lerchenfelder Straße. Aber auch von der werde ich mich wohl verabschieden müssen.

Absurde Distanz

Denn wenn die U2 2005 ein bisserl fertiger ist, wird die Station aufgelassen. Die Züge werden länger sein als jetzt. Weil zwischen Happel-Stadion und Karlsplatz mehr Menschen transportiert werden sollen, als auf der derzeitigen Route. Dann stünden die hinteren Türen noch beim Volkstheater offen, wenn man vorne schon zum Justizpalast oder ins Palais Auersperg kommt. So ungefähr. Und die Distanzen zwischen Rathaus, Lerchenfelder Straße und Volkstheater sind ja wirklich ein Witz. Aber meiner Großmutter war das egal. Für sie hieß die U2 auch immer Untergrundstraßenbahn.

Was aus der Station nach 2005 werden soll, weiß aber kein Mensch. Zur Unterführung taugt das Loch nicht. Schließlich fährt hier die U-Bahn durch. Und zweitens sind die Zeiten, in denen sich Fußgänger zum Wohle des flüssigen Autoverkehrs unter die Erde verbannen ließen sogar aus Planersicht vorbei. Wie gut unterirdische Geschäfte ohne Zwangs-Frequenzbringer gehen, kann jeder und jede beim Durchqueren der Passage in der Operngasse selbst überprüfen: Ohne Stricherklo hätte wohl nicht einmal die kleine Kneipe daneben mehr Gäste. Und über das Thema Betonfüllung hat man auch bei der Bellariapassage jahrzehntelang ohne Ergebnis diskutiert.

Geisterstationen

Die Lerchenfelder Straße dürfte also eine Geisterstation werden. Aber sie wäre damit keineswegs allein. In London gibt es – auf der Northern Line unmittelbar vor Camden – einen Halt, der praktisch seit Menschengedenken durchfahren wird. Trotzdem ist er in jedem Linienplan (durchstrichen) angeführt. Trotzdem brennen Lichter. Trotzdem vermeint man bei der Durchfahrt die unvermeidliche Warnung vor dem Gap zu hören. Und kein Mensch weiß, wieso.

Angeblich – aber vielleicht ist das ja auch nur spätnächtliches Thekengelabere – gibt es auch in Salzburg eine vergessene U-Bahn Station. Weil man, erzählt die Legende, dort – ähnlich wie beim Bau der U3-Station Stephansplatz in Wien – einmal ein großes Loch im Boden hatte und sich dachte, irgendwann könnte ja hier vielleicht einmal eine U-Bahn gebaut werden. Und wenn, dann hätte man dann schon eine fix und fertige Station – man würde sich also das neuerliche Aufgraben eines zentralen Platzes ersparen. In Wien – dort ist die Geschichte verbürgt - ging die Rechnung auf. In Salzburg nicht. Aber weil kein Mensch durch die Geisterstation durchfährt, zählt sie nicht. Meint jedenfalls P.

Möbius-U-Bahn

P. behauptet nämlich, dass die Lerchenfelder Straße noch einmal zur berühmtesten U-Bahn Station der Welt werden wird. Schließlich, behaupten P. und eine ganze Menge anderer Leute, die Londoner Northern Line-Station sei geschlossen worden, nachdem dort vor etlichen Jahren ein Zug ganz normal abgefahren, und dann auf Nimmerwiedersehen verschwunden sei. In einer Art Möbiusschleife rattere die voll besetzte Garnitur seither durch ein Paralleluniversum, das nur ganz knapp neben unserem Wahrnehmungsspektrum liege. Wenn man – egal wo auf der Welt – in einer U-Bahn-Station stehe und in den Schacht hineinlausche, könne man – manchmal – den fliegenden Holländer des unterirdischen Nahverkehrs vorbeirauschen hören. Das Problem, sagt P., sei, dass es für den verlorenen Zug einfach keine Zielstation gibt.

Deswegen setzt P. auf 2005. Und plädiert dafür, dass die U2-Station Lerchenfelder Straße aufgelöst, aber auf keinen Fall aus den U-Bahn-Plänen entfernt werden soll. Auch das Licht dürfe man dort nicht abschalten. Und nach Möglichkeit soll die Station auch weiterhin angesagt werden. P. wird deshalb demnächst Unterschriftenlisten auflegen. Ich werde unterzeichnen. Weil ich die Idee charmant finde. Und auch noch aus einem anderen Grund.

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