Türkische Leitzinserhöhung: Erdogans Fabelwelt

Kommentar23. Juli 2013, 18:40
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Der Markt will vernünftige Vorgaben hören, keine wilden Verschwörungstheorien

Demonstranten kann man einmal in der Woche von der Straße wegspritzen, unliebsame Journalisten kündigen und Twitterschreiber zur Not auf die Polizeiwache einbestellen, aber mit Finanzmärkten - so muss der türkische Premier Tayyip Erdogan feststellen - ist es schwieriger. Sie haben ihr eigenes Leben und kalkulieren mit Schwarz-auf-Weiß-Zahlen und Zukunftsprognosen.

Erdogans Planierraupenstrategie gegen die Protestbewegung in seinem Land hat das Image der Türkei als optimistisches Boomland beschädigt, ebenso wie die Attacken auf Banken und Investoren. Dabei wissen die unabhängiger denkenden Köpfe in Erdogans Umfeld: Ohne wirtschaftliche Stabilität ist seine konservativ-muslimische Regierung nichts. Ihre bisher elf Jahre an der Macht hat sie durch einen Aufschwung verdient, der die Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung der Türken mehr als verdreifacht hat.

Der Markt will vernünftige Vorgaben hören, keine wilden Verschwörungstheorien. In der Türkei geht es aber nun eher in Richtung Fiktion. Ali Babacan, der besonnene Staatsminister für Wirtschaft, sieht dem Ende seiner politischen Karriere entgegen. Erdogans Wahl für seinen neuen Wirtschaftsberater fiel auf den TV-Mann Yigit Bulut: Der schwadroniert über Leute, die den türkischen Premier mit Telekinese umbringen wollen, und über die deutsche Lufthansa, die aus Furcht vor dem geplanten neuen Flughafen in Istanbul die Gezi-Proteste angezettelt haben soll. (Markus Bernath, DER STANDARD, 24.7.2013)

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