Studie: Hundertjährige erfreuen sich am Leben

19. Juli 2013, 10:22
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Trotz vielfältiger Leiden erfreuen sich sieben von zehn am Leben - dies ergab eine repräsentative Umfrage unter 112 Hundertjährigen

Fast drei Viertel der 100-Jährigen in Deutschland möchten nach einer aktuellen, repräsentativen Studie mit 112 Teilnehmern unbedingt weiterleben. 72 Prozent der befragten Senioren verspürten keinerlei Todessehnsucht, berichteten Forscher der Universität Heidelberg. Nur jeder zehnte Hundertjährige wünsche sich, zu sterben.

Psychisches Wohlbefinden am wichtigsten

Die Zahl der Hundertjährigen hat sich in Deutschland innerhalb von zehn Jahren mehr als verdoppelt, diese sind heute aber geistig und körperlich fitter sind als diejenigen früherer Generationen. Die Studie zeigt, dass für die Lebensqualität und Zufriedenheit von Senioren mit sehr hohem Alter psychisches Wohlbefinden wichtiger ist als die geistige Leistungsfähigkeit oder Gesundheit.

Inzwischen gibt es mit 52 Prozent deutlich mehr Hundertjährige, die keine oder nur geringe geistige Einschränkungen aufweisen. 2001 lag diese Zahl noch bei 41 Prozent. "Allerdings sind die Fortschritte nicht so ausgeprägt, dass sie sich in einer geringeren Pflegebedürftigkeit niederschlagen", betont Studienleiterin Daniela Jopp. Weiterhin ist nur jeder fünfte Hundertjährige gesundheitlich so fit, dass keine Leistungen der Pflegeversicherung nötig sind.

 Mehr als 80 Prozent mit Leben zufrieden

"Trotz vielfältiger Einschränkungen und Verluste erleben die meisten Hundertjährigen ihr Leben als lebenswert, und mehr als 80 Prozent sind mit ihrem Leben zufrieden", erklärt Christoph Rott, Co-Leiter der Studie. Neben einer optimistischen Einstellung, Lebenssinn und Lebenswillen sei auch die sogenannte Selbstwirksamkeit essenziell – die Überzeugung, das, was man tun möchte, auch wirklich zu können.

"Wir haben Menschen befragt, deren Leben sich dem Ende zuneigt, dennoch zeigen sie sogar einen durchschnittlich höheren Optimismus als 80-Jährige. Diejenigen, die trotz des nahen Lebensendes weiterhin optimistisch in die Zukunft schauen, zeigten sich zufriedener mit ihrem Leben", sagt Rott. Im Vergleich dazu seien Gesundheit, kognitive Leistungsfähigkeit und soziale Aspekte mit wenigen Ausnahmen deutlich unwichtiger für die Lebensqualität, so der Forscher.

Mehr Privathaushalte

Der Studie zufolge leben heute 59 Prozent der Hundertjährigen in Privathaushalten. Die Anzahl der Hundertjährigen, die alleine leben, hat sich im Vergleich zur ersten Untersuchung verdoppelt. Bei der großen Mehrheit der Befragten, die eine private Unterkunft haben, leisten Kinder oder andere Familienangehörige Unterstützung. Professionelle Hilfe nutzen die Senioren vor allem im Haushalt, bei der Pflege wird Hilfestellung dieser Art dagegen deutlich seltener in Anspruch genommen als in der amerikanischen Vergleichsstudie.

Zusammenfassend zeigen die Ergebnisse der Studie, dass das Erleben von Verlusten durch Einschränkungen beispielsweise im gesundheitlichen Bereich sich nur bedingt auf das Wohlbefinden auswirkt und dass ein sehr hohes Alter auch positive Seiten hat.

Entwicklung alternativer Pflegestrukturen

Für die zukünftige Unterstützung sehr alter Menschen haben die Heidelberger Wissenschaftler Handlungsempfehlungen in den Bereichen Gesundheit, Pflege und Psychologie sowie für soziale und gesellschaftliche Aspekte ausgearbeitet. Dazu gehört insbesondere die Entwicklung alternativer Pflegestrukturen. "Dass die Pflege weiterhin hauptsächlich durch die Kinder wahrgenommen wird, ist in der Zukunft nicht realistisch", sagt Jopp. Außerdem sollten Maßnahmen entwickelt werden, die bei Hochbetagten die Bereitschaft erhöhen, professionelle Pflegeleistungen zu nutzen.

Eine weitere wichtige gesellschaftliche Aufgabe wäre ihm zufolge, mobilitätssteigernde Maßnahmen gezielt zu fördern, da diese zentral für den Erhalt der Selbstständigkeit seien. Nach den Worten der Wissenschaftler ist es ebenso wichtig, Menschen in hohem Lebensalter zu ermutigen, an sinnstiftenden Aktivitäten teilzunehmen, und ihnen Möglichkeiten zur Teilhabe am sozialen Leben zu bieten. (red, derStandard.at, 19.7.2013)

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