Rundschau: Die Geheimeinträge der Wikipedia

    Ansichtssache10. August 2013, 10:13
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    Vorwärts, rückwärts, seitwärts in der Zeit mit Lavie Tidhar, Joe Haldeman, Eleanor Arnason, Warren Ellis und den Strugatzkis

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    coverfoto: aqueduct press

    Eleanor Arnason: "Big Mama Stories"

    Broschiert, 164 Seiten, Aqueduct Press 2013

    Endlich gibt es die beliebten "Big Mama Stories", die Eleanor Arnason in den vergangenen zehn Jahren geschrieben hat, auch in gesammelter Form! Arnason ist eine mittlerweile 70-jährige, mehrfach preisgekrönte US-amerikanische Autorin isländischer Abstammung, an der ich vor allem ihren Sinn für trockenen Humor schätze. (Ein schönes Beispiel war die SF-Novelle "Tomb of the Fathers".) Schade, dass der deutschsprachige Markt sie bislang nicht für sich entdecken wollte.

    Wer sind nun diese Big Mamas, die mit der Hand in ein Schwarzes Loch greifen und es umstülpen oder nonchalant über die Milchstraße spazieren und dabei nur achtgeben müssen, dass kein unterlichtschnelles Raumschiff sie in den Knöchel pikst? Oder die gar echte Galaxien als Ohrschmuck tragen? Auf nähere Erläuterungen verzichtet Arnason, doch offenbar handelt es sich bei den Big Mamas - Big Poppas gibt's auch - um keine eigene Spezies von Superwesen, sondern um Menschen auf einer höheren Entwicklungsstufe. Unklar bleibt, ob dies eine Errungenschaft der Zukunft ist, oder ob die BMs und BPs - zusammen mit ihren Äquivalenten bei anderen Spezies - schon immer etwas Besonderes waren. Spielt letztlich auch keine Rolle, denn die Zeit bereisen sie ebenso freizügig wie den Raum.

    Alles auf streng wissenschaftlicher Basis

    Wenn einem mitteleuropäischen SF-Leser diese Geschichten zunächst allesamt ein wenig seltsam vorkommen mögen, dann liegt das daran, dass es sich explizit um sogenannte Tall Tales handelt: Eine vor allem in den USA beheimatete Erzähltradition, in der vollkommen unglaubwürdige Begebenheiten so geschildert werden, als wären es nüchterne Faktenwiedergaben. Und nicht genug damit, dass Arnason haarsträubende Unmöglichkeiten beschreibt, sie stößt einen auch noch mit der Nase auf die missachteten wissenschaftlichen Grundlagen. Etwa wenn sich eine Big Mama vom Megaformat auf interaktionstaugliche Menschengröße zurechtschrumpelt ... und Arnason extra auf Massen- und Energieerhaltungssatz hinweist. Schön auch, wie ein Chor aus Big Mamas und Big Poppas "One hundred theoretical particles on the wall!" schmettert und eine dazugehörige Fußnote auf die Teilcheneigenschaft der stickiness hinweist.

    Ernst gemeint ist also nur die Botschaft (mehr dazu später), nicht aber das Setting. Und Arnason versteht es, mit ihrem oh so schlichten Witz eine prekäre Balance zu halten. Manche Sätze wirken geradezu kindlich - etwa wenn man bekümmert auf die Überreste einer Alien-Zivilisation blickt, die sich in Bio-Kriegen selbst ausgelöscht hat, und resümiert: One cannot train a microbe to be patriotic. Aber wer fälschlicherweise annimmt, Arnasons Schreibe wäre einfach nur naiv, soll sich mal diesen Satz auf der Zunge zergehen lassen: Like many intelligent species, the skwork had fought wars; and as they became more civilized (...), the wars became more horrific.

    R-E-S-P-E-C-T

    Das Generalthema der Geschichten lautet: Respekt. Nicht nur, aber vor allem gegenüber Frauen. Sowohl in "Big Black Mama And Tentacle Man" als auch in "Big Red Mama In Time And Morris, Minnesota" kommt es zur Begegnung zwischen einer BM und einem eher unausstehlichen Mannsbild - keine Frage, wer den Kürzeren ziehen wird. In "Big Ugly Mama And The Zk" schockt die imposante Erscheinung der Titelheldin einen armen insektoiden Außerirdischen derart, dass er gleich zwei Metamorphosenstadien zurück in die Pubertät fällt (na, wenn das mal nicht symbolisch ist ...). Der Zk ist allerdings ein Netter und wird daher von BUM wieder aufgepäppelt. Die übrigens von der primeval ugliness eines Schlammplaneten ist - was der allgemeinen Perfektion der Big Mamas zu widersprechen scheint. Aber in diesem Fall nur bedeutet, dass BUM das verkörperte Potenzial ist und ihr Idealzustand immer in der Zukunft liegt. Sehr schöner Gedankengang.

    Überhaupt Schönheit: Big Black Mama ist zwar so umwerfend, dass das ganze Universum keucht. Doch lässt es sich Arnason nicht nehmen, mehrfach anzumerken: The best part of her was her brain. Eitelkeit hingegen hat Folgen: Als sich in "Big Green Mama Falls In Love" BGM im Spiegel eines Weltraumteleskops erblickt, wird sie derart von Lust gepackt, dass sie auf einem Planeten niedergeht und sich zweiteilt. Und immer so weiter, bis das Ganze komplett aus den Fugen gerät: "This is becoming positively Malthusian." So ganz nebenbei werden in der Geschichte auch noch biologische Diskussionen mit dem Big Virus und der Big Microbe geführt - während Big Red Mama in ihrer Zeitreise-Geschichte auf zumindest eine originelle Lösung des Großvaterparadoxons stößt. Wie gesagt: Wissenschaft.

    Arnasons Geschichten sind in einem Verlag erschienen, der sich auf feministische Genreliteratur spezialisiert hat. Was mich zu der interessanten Frage führte, ob ein Werk zwar feministisch, aber nicht emanzipatorisch sein kann. Immerhin handelt es sich bei den quasi-allmächtigen Big Mamas ja um hochprivilegierte Wesen. Weit und breit keine Rechte mehr, die ihnen jemand vorenthalten könnte.

    Das Highlight

    Ganz konnte ich diese Frage nicht klären, aber die längste und für mich beste Story der Sammlung unterstreicht Arnasons humanistischen Ansatz. In "Big Brown Mama And Brer Rabbit" bleibt BBM lange Zeit auf die Rolle einer Zuhörerin beschränkt. Im Vordergrund steht eine hierzulande kaum bekannte Figur der US-amerikanischen Folklore: Eben Brer Rabbit, ein gewitzter Hase, der sich durchs Leben trickst und manchmal auch auf die Schnauze fällt. Hier wird er in die Gestalt eines Menschen gezwungen und kann sich nicht mehr daraus befreien.

    In dieser Geschichte kommt vieles zusammen: Arnason greift nicht nur afrikanische und indianische Mythologien auf, Brer Rabbits Lebensweg ist auch das Mittel, eine kurze Geschichte des 20. Jahrhunderts zu schildern: Von Depression, Fordismus, Gewerkschaften und Bürgerrechtsbewegung ... und von Jazz. Und später dann vom Niedergang der Solidargesellschaft und ökologischen Problemen, Arnason macht aus ihrer politischen Haltung keinen Hehl. "Big Brown Mama And Brer Rabbit" wirft letztlich die alte Frage auf, was den Menschen ausmacht und welche Rolle er im Gesamtgefüge spielen will. Oder darf, wenn man ihn lässt. Also doch emanzipatorisch.

    Lese-Tipp

    Und noch eine Frage wird in "Big Brown Mama And Brer Rabbit" gestellt: Nämlich ob es in der heutigen Zeit noch Platz für Archetypen und alte Erzählformen gibt. Diese fünf Geschichten, die Arnason ausdrücklich als Tall Tales fürs Weltraumzeitalter deklariert hat, geben darauf die schönste Antwort.

    Für mich waren die "Big Mama Stories" ein großes Vergnügen, vermutlich wird es vielen anderen auch so ergehen. Ich kann aber auch verstehen, wenn der eine oder andere darauf genauso reagiert wie der gezähmte Allosaurus in "Big Red Mama In Time And Morris, Minnesota". Nämlich mit: "What the heck?"

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