Rundschau: Die Geheimeinträge der Wikipedia

    Ansichtssache10. August 2013, 10:13
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    Vorwärts, rückwärts, seitwärts in der Zeit mit Lavie Tidhar, Joe Haldeman, Eleanor Arnason, Warren Ellis und den Strugatzkis

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    coverfoto: ps publishing

    Lavie Tidhar: "Martian Sands"

    Gebundene Ausgabe, 214 Seiten, PS Publishing 2013

    "There is no timetravel. (...) This is an Einsteinian universe," Miriam said. And therefore, she thought, it is also a Jewish one. "Martian Sands" ist ein schöner Beleg dafür, wie belebend es für die Science Fiction sein kann, wenn nicht-angloamerikanische Perspektiven und Traditionen ins Genre eingebracht werden. Was im Falle des israelischen Autors Lavie Tidhar nicht nur die SF-Geschichte seines eigenen Landes meint (sein jüngster Roman enthält zum Beispiel Verweise auf den hierzulande vermutlich völlig unbekannten israelischen Genetiker und SF-Autor Ram Moav), sondern auch das, was Tidhar auf seinen extensiven Weltreisen aufgeschnappt hat. Siehe "Osama".

    Tidhar ist, wie schon öfter gesagt, nicht auf ein bestimmtes Genre festzulegen. Das illustrieren frühere Werke wie "The Tel Aviv Dossier", "Cloud Permutations" oder die "Bookman"-Serie; letztere vor "Osama" bislang als einziges ins Deutsche übersetzt und meiner Meinung nach eigentlich Tidhars schwächstes Werk. Von Steampunk bis Fantasy war da alles dabei. In letzter Zeit hat sich der überaus schreibfreudige Autor aber verstärkt der Science Fiction zugewandt. Er veröffentlichte unter dem Schlagwort "Central Station" eine ganze Reihe Erzählungen rund um eine Art Weltraumbahnhof in Tel Aviv. "Martian Sands" gehört zwar nicht dazu, handelt aber in einer ähnlichen Zukunft.

    Das Szenario

    Ein paar Jahre nach der Besiedelung des Mars herrscht immer noch ein gewisser Pioniergeist, aber die Gentrifizierung schreitet voran. So wurde ein abgestürztes Raumschiff zum schicken Apartment-Komplex umgewandelt und ein Neureicher weist stolz auf ein paar Rostflecken an der Decke hin: "The impact of the landing killed the entire crew. This is all that's left of them." Mit kleinen Details wie diesem versteht es Tidhar, den gegenwärtigen Zustand der marsianischen Gesellschaft wunderbar verdichtet zu beschreiben. Ein anderes wären die offenbar nicht mehr gebrauchten Roboter, die in Hauseingängen um Ersatzteile betteln. Generell ist der Roman in einem ruhigen Ton voller aufmerksamer Beobachtungen geschrieben. Wenn es die Handlung verlangt, können sich die Eindrücke aber auch zum Hochtempo-Kaleidoskop verdichten.

    Nationalstaaten gibt es noch, auf der Erde ebenso wie auf dem Mars. Wie etwa New Israel, das Simulacra historischer MinisterpräsidentInnen anfertigen lässt und wegen ihrer ikonischen Wirkung als "Avatare der Macht" einsetzt. Als aktuelle Bauchrednerpuppe fürs Volk agiert David Ben-Gurion, aber eine Golda Meir steht bereits in den Startlöchern. Dann wären da noch die mysteriösen Others: Deren Identität wird einigermaßen früh geklärt - aber spät genug, dass ich es hier nicht tue, um den Suspense nicht zu untergraben. Und schließlich die Born Again Martians (herrliche Idee!), die nach individuellen Erweckungserlebnissen glauben, reinkarnierte UreinwohnerInnen des Mars zu sein. Und sich daher entsprechend chirurgisch verändern lassen: nämlich mit einem zusätzlichen Paar Arme.

    Die Born Again Martians träumen von einem grünen Mars der Vergangenheit, überzogen mit üppiger Vegetation, schiffbaren Kanälen und eleganter Architektur. Diese Visionen entsprechen ganz den "Barsoom"-Romanen von Edgar Rice Burroughs und sind nur ein Beispiel von vielen für das Tidhar-typische Spiel mit Literaturverweisen. Wir betreten eine Marihuana-Bar, die sich nach einem James-Tiptree-Jr-Titel passenderweise "Her Smoke Rose Up Forever" nennt. Und wenn man ganz genau hinschaut, erkennt man sogar das Stück "Oz", das Tidhar in "Martian Sands" eingebaut hat.

    Die Figuren

    Vor diesem Hintergrund lernen wir ein knappes halbes Dutzend ProtagonistInnen kennen, deren Wege sich an einem entscheidenden Punkt kreuzen werden. Josh Chaplin ist ein junger Call-Center-Mitarbeiter, der der Kundschaft Dünger andrehen soll. Selling shit, das fasst sein bislang recht unbefriedigendes Leben zusammen. Carl Stone bzw. "K't'Amin" ist ein Roboter-Konstrukteur und zugleich ein "wiedergeborener marsianischer Krieger" ... mit anderen ein Worten ein vierarmiger Loser. Energischer und deutlich reifer als diese beiden zusammengenommen nimmt sich dagegen Miriam Elezra aus, die für die Regierung von New Israel arbeitet.

    Und dann hätten wir da noch zwei eher ausgefallene "Charaktere": Zum einen Sam, eine intelligente Patrone(!), die für einige stilistisch wirklich mitreißende Passagen sorgt. Und schließlich der schwer fassbare Bill Glimmung. Der taucht nicht nur in der Realität der übrigen ProtagonistInnen auf, er ist zugleich der Titelheld unzähliger marsianischer Detektivgeschichten. Seinen ersten Auftritt hat er allerdings im Prolog des Romans, wo er unmittelbar vor dem Anschlag auf Pearl Harbor im Oval Office auftaucht und Franklin Delano Roosevelt einen Deal anbietet: Die Rettung von sechs Millionen Juden gegen eine Verkürzung des Zweiten Weltkriegs mittels Technologie aus der Zukunft. - Welcher davon ist nun der echte Glimmung?

    Es wird Dick'sch

    All diese Figuren treffen zur selben Zeit am selben Ort zusammen - bei einem Mordanschlag. Danach ist für sie alles anders. Für Miriam bedeutet das Herausfallen aus der bisherigen Realität Identitätsverlust. Sie hat plötzlich das Gefühl, in einem Glimmung-Film gelandet zu sein; das Golda-Meir-Simulacrum nährt diese Furcht noch und orakelt, dass hier irgendetwas "falsch" sei. Und für Josh bedeutet die Realitätsverschiebung: Auschwitz ...

    Burroughs mag das Bühnenbild von "Martian Sands" mitentworfen haben. Die Geschichte selbst wandelt aber auf den Spuren von Philip K. Dick. Die Auflösung der Realität zieht sich praktisch durch dessen gesamtes Werk, ein paar direkte Inspirationsquellen für "Martian Sands" lassen sich aber herausfiltern. "Marsianischer Zeitsturz" liegt wegen des Settings nahe, auf "Ubik" wird explizit angespielt, und die "VALIS"-Trilogie liegt auch nicht fern. Nicht nur wegen der visionären Offenbarungen, die hier wie dort die Handlung beeinflussen. Sondern auch, weil das "VALIS"-Zitat "The Empire Never Ended" hier aufgegriffen und in einen neuen (und zugegebenermaßen banaleren) Kontext gestellt wird.

    Metafiktion wird bei Lavie Tidhar also einmal mehr großgeschrieben. Und wenn sich die Romanfiguren an einer Stelle über die Struktur einer typischen Bill-Glimmung-Geschichte unterhalten, dann wird es niemanden verwundern, dass auch "Martian Sands" exakt diesem Aufbau folgt. Bei aller Spielerei vergisst Tidhar aber nicht, eine spannende Geschichte mit hochbefriedigender Auflösung des großen Rätsels abzuliefern. - "Martian Sands" ist insgesamt vielleicht nicht ganz so überragend wie "Osama", aber immer noch groß. Hui, was für ein Autor!

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