Rundschau: Die Geheimeinträge der Wikipedia

    Ansichtssache10. August 2013, 10:13
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    Vorwärts, rückwärts, seitwärts in der Zeit mit Lavie Tidhar, Joe Haldeman, Eleanor Arnason, Warren Ellis und den Strugatzkis

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    coverfoto: rogner & bernhard

    Lavie Tidhar: "Osama"

    Gebundene Ausgabe, 302 Seiten, € 22,95, Rogner & Bernhard 2013 (Original: "Osama", 2011)

    Whether he wanted to or not, Tidhar has effectively out-PKDed PKD, lobt die "Los Angeles Tribune" Lavie Tidhars vielbeachteten (no na, bei dem Titel ...) und mit dem World Fantasy Award ausgezeichneten Roman "Osama". PKD steht für Philip K. Dick und das Kompliment ist so gemeint, dass Tidhar die Plot-Techniken vom Meister der sich auflösenden Realität übernimmt, sich zudem aber auf einem stilistischen Level bewegt, das Dick nur zu gern erreicht hätte. Eine gute Zusammenfassung, und mehr sollte man von der Rezension auch nicht lesen - jedenfalls nicht vorab, denn sie enthält mehr Spoiler als eine minutiöse Filmhandlungsschilderung auf der Wikipedia.

    Eine Schundromanfigur namens Osama

    Lavie Tidhar, ein nach jahrelangen Weltreisen heute in England lebender Israeli, ist ein Mann vieler Facetten. Und zumindest eine davon sollte man vor dem Lesen von "Osama" kennen: Tidhar ist ein ausgemachter Fan von Pulps. Das reicht von jenen knallbunten Geschichten der 30er bis 50er Jahre, in denen die US-amerikanische Science Fiction ihre Wurzeln hat, bis zu den berüchtigten Stalagim: Nazi-Exploitation-Pornos, wie sie in Israel Mitte des 20. Jahrhunderts populär waren. Vergleichbares taucht auch in "Osama" auf, mag es "Ich war Kommandant Heinrichs Hure" oder "Bekenntnisse einer zugedröhnten Nymphomanin" heißen. Und mitten unter solchen Perlen des fiktiven Verlags Medusa Press findet sich auch eine ganz besondere Serie mit dem Titel "Osama bin Laden: Vergelter". Anders kennt man bin Laden in dieser Welt nicht.

    Unwillkürlich drängt sich ein Vergleich mit Matt Ruffs ziemlich zeitgleich entstandenem Alternativweltroman "The Mirage" auf, in dem es ebenfalls keinen al-Qaida-Terror gibt (dafür jede Menge christlich-fundamentalistischen). Während einem dort aber die auf den Kopf gestellte Weltgeschichte förmlich ins Gesicht springt, setzt Tidhar auf eher subtile Details - die bin-Laden-Umdeutung ist da schon mit Abstand das auffälligste - und mehr noch auf Auslassungen. Später im Roman wird uns im Schnelltakt aufgelistet, was wir zuvor in dieser Welt alles vermisst haben und was ihr - neben dem Fehlen von Terrorismus und dessen Folgekriegen natürlich - eine so eigentümlich gemütliche Anmutung verleiht.

    Hauptfigur und Plot

    Joe - kein Nachname - lebt als Privatdetektiv in der laotischen Hauptstadt Vientiane so vor sich hin und liest ganz gerne mal einen der "Osama"-Romane von Mike Longshott. Da erscheint es fast wie ein Zeichen, als eines Tages eine Frau sein Büro betritt und ihn dafür engagiert, diesen Autor zu finden. Kurz darauf wird auf Joe geschossen - die erste Warnung. Weitere werden folgen und schmerzhafter ausfallen, wenn ihn seine Recherchen erst nach Paris zum geheimniskrämerischen Verleger von Medusa Press, dann nach London und schließlich nach New York führen. Wo unter anderem ein OsamaCon stattfindet, auf dem neben Weltverschwörungstheorien jede Menge bizarres Merchandising feilgeboten wird.

    Im Zuge der Ermittlungen nimmt Joes Mission allmählich einen anderen Charakter an. Namenlose Anzugträger warnen ihn davor, eine Tür zu durchschreiten, durch die es kein Zurück mehr geben wird. Menschen scheinen direkt vor seinen Augen zu verschwinden, andere fragen ihn, ob er einer von ihnen sei. Und was als standardmäßige Mission einer Personenfindung begann, wird mehr und mehr zu einer Suche nach dem Wesen der Welt und seiner selbst. Ein typisch Philip K. Dick'sches Gefühl von "Irgendetwas stimmt hier nicht" liegt über allem. Originellerweise wird des Rätsels Lösung letztlich aber nicht bei Dick zu finden sein, sondern bei ... Astrid Lindgren, ausgerechnet. 

    Das Pulp-Paradoxon

    Der arbeitslose Privatdetektiv mit Revolver und Whiskyflasche in der Schublade, die geheimnisvolle Schöne, die in sein Büro gestöckelt kommt, und die handgreiflichen Widersacher: Tidhar verwendet astreine Pulp-Topoi, um seine Handlung in Gang zu setzen. Nur schreibt er vollkommen anders. So wie die "Osama"-Pulps der Romanwelt nicht reißerisch, sondern als extrem nüchterne Aufzählungen von Daten und Abläufen geschrieben sind, so liegt auch "Osama", der Roman, weitab von Pulp-Stil. Am einsamsten fühlte er sich immer beim Fliegen. In einem Flugzeug kam er sich vor, als gäbe es ihn nicht. Von seiner Sprache her ist der Roman fast schon lyrisch gehalten. Er lebt von all den vielen Eindrücken, die jemand gewinnt, der die Muße hat zu sehen. Tidhars Reisejahre haben sich hier nachhaltig ausgewirkt.

    Besonders hervorgehoben sei das Kapitel "Im Übergang", das wirklich wunderschön ist (sofern man das bei der Schrecklichkeit der darin geschilderten Ereignisse so sagen kann) und einen emotionalen Höhepunkt des Romans darstellt. Ein zweiter folgt ganz am Ende mit einer alleserklärenden Konfrontation, die Joe zu einer Entscheidung zwingen wird.

    Gedanken über Terrorismus

    Wer nur an des Rätsels Lösung interessiert ist, wird eine befriedigende bekommen. Was den Roman aber zu etwas Besonderem macht, ist, dass er weit über das bloße Wie-ist-es-denn-zu-dieser-Welt-gekommen-Spiel hinausgeht. Joe mag in einer beruhigten Parallelwelt leben - aber im Grunde erlebt er Terrorismus so, wie ihn die meisten von uns erleben: Als etwas, das anderen passiert, das nicht in unsere Welt gehört.

    Und Joe mag die in den "Osama"-Pulps beschriebene Weltpolitik fremdartig vorkommen. Aber das hindert ihn nicht daran, über ihre Logik nachzudenken. Akte des Terrorismus werden von der einen Seite vielleicht nicht als Kriegshandlungen anerkannt; doch für eine Kriegserklärung reicht eigentlich schon eine Seite, denkt Joe. 

    Sei es, dass die Opferzahlen der Terroranschläge mit denen der Folgekriege verglichen werden, seien es die Schicksale derer, die in "Im Übergang" beschrieben werden: Tidhar vermeidet einseitige Betrachtungen und versucht allen Beteiligten ein Gesicht zu geben. "Osama" ist damit - trotz seiner pulpigen Züge - ein sehr nachdenkliches Werk über das Wesen von Terrorismus und Politik. Und eine Erinnerung daran, dass "Geschichte" nicht umsonst sowohl "Historie" als auch "Erzählung" bedeuten kann - beides ist letztlich ein Konstrukt. Großartiges Buch!

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