Rundschau: Die Geheimeinträge der Wikipedia

    Ansichtssache10. August 2013, 10:13
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    Vorwärts, rückwärts, seitwärts in der Zeit mit Lavie Tidhar, Joe Haldeman, Eleanor Arnason, Warren Ellis und den Strugatzkis

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    coverfoto: piper

    Hugh Howey: "Silo"

    Gebundene Ausgabe, 544 Seiten, € 20,50, Piper 2013 (Original: "Wool", 2011)

    Asche auf mein Haupt! Dieses Buch habe ich jetzt fast ein halbes Jahr lang Monat für Monat weitergeschoben, weil ich in letzter Zeit so viele Romane mit postapokalyptischem Setting in der Rundschau hatte. - Tja, sieht ganz so aus, als hätte ich das falsche Buch aufgespart. Während einige andere nach der Lektüre im Altpapier gelandet sind (ich nenne jetzt absichtlich keine Titel), hatte ich diesen 500-Seiten-Block fast in einer einzigen Sitzung durch. Ein bisschen hat dazu natürlich auch die Hitzewelle beigetragen, die tagsüber jede körperliche Bewegung jenseits von Seitenumblättern zur Mühsal machte. Vor allem aber war "Silo" einfach enorm spannend.

    Ein wesentlicher Grund dafür, dass mir "Silo" gefallen hat, dürfte sein, dass es zwar eine Dystopie ist, aber nicht ins neue Modegenre Young-Adult-Dystopie fällt. Für mich haben sich diese beiden Komponenten nie so recht vertragen, schließlich ist YA auf tendenziell positivere Plots ausgerichtet: Die Helden und Identifikationsfiguren müssen ja fast alle Widerstände überwinden, wie unwahrscheinlich das im Endeffekt auch wirken mag. In der erwachsenen Version kann man das hingegen nur hoffen - und in "Silo" werden so einige Hoffnungen zunichte gemacht.

    Die hermetische Gesellschaft

    Nicht an der Hitze, sondern am extrem klaustrophobischen Setting des Romans liegt es, wenn man zwischendurch ins Japsen kommt. Während sich die Erdoberfläche als tödlich giftige Wüstenei präsentiert, lebt eine größere Anzahl Menschen in einem hermetisch abgeschotteten unterirdischen Betonsilo - und das schon seit Generationen. Mit Blick auf kläglich gescheiterte Experimente in der realen Welt wie "Biosphäre 2" wage ich zwar zu bezweifeln, dass sich eine solche künstliche Umwelt lange aufrechterhalten ließe, aber das sollte man auch nicht so tragisch nehmen. US-Autor Hugh Howey bemüht sich zumindest ein denkbares System zu entwerfen - inklusive hydroponischer Kulturen, Minenschächten zum Erzabbauen und einer Ölquelle, die die Energie liefert.

    In diesem System hat sich eine exakt austarierte Gesellschaft entwickelt: Zum Kinderkriegen wird eine Lotterie abgehalten, zwei pro Paar sind der gewünschte Idealfall. Und die meisten Berufstätigen haben einen sogenannten Schatten, einen Lehrling, der ihre Stelle einmal übernehmen wird - Redundanz bedeutet Sicherheit.

    Jenseits der Systemgrenze

    Und doch hat das System seine Schattenseiten: So hat es vor ein paar Generationen offenbar einen Aufstand gegeben, der wohl seinen Grund hatte. Es ist verboten, auch nur auszusprechen, dass man den Silo verlassen will - wer es dennoch tut, wird zur Reinigung geschickt: In einem behelfsmäßigen Schutzanzug ins Freie verbannt, muss der oder die Verurteilte als letzte Auflage die Linsen der Außenbeobachtungskameras putzen, ehe ihn/sie die Umweltgifte zerfressen - ein eindringliches Bild. Und das ist nur der Anfang. Immer mehr zeichnet sich im Verlauf des Romans ab, dass Vieles, was im Silo unter "Ist halt so" läuft, ganz gezielt so eingerichtet wurde. Von der mangelnden Kommunikationstechnik bis zur räumlichen Untergliederung des knapp 150 Stockwerke tiefen Silos. Jemand spielt ein doppeltes Spiel mit den BewohnerInnen - möglicherweise sitzen sie gar einem einzigen gigantischen Betrug auf.

    Die Idee von einer hermetisch abgeschotteten Mikro-Gesellschaft, der man vielleicht wahre, vielleicht aber auch erlogene Schauergeschichten von einer unbewohnbaren Außenwelt erzählt, ist in der Science Fiction nichts Neues. Während in der Regel aber die Auflösung des Rätsels, was draußen liegt, zur Klimax wird, erfahren wir es hier schon nach 40 Seiten. Nämlich am Ende von Teil 1, als Silo-Sheriff Holston seiner Frau ins Freie folgt. Die hatte ihm einst vor ihrem Abgang gesagt, die vergiftete Außenwelt sei nur eine Simulation. Was Holston dort dann wirklich vorfindet, lasse ich hier mal aus.

    Episoden fügen sich zu einem Gesamtbild

    Die frühe Aufklärung war aber keine gezielte Strategie des Autors, sondern eine reine Folge des Veröffentlichungsmodus - eine von mehreren, die sich interessanterweise mehrheitlich positiv ausgewirkt haben. Denn "Silo" ist im Grunde kein Roman, sondern eine Reihe aufeinander aufbauender Erzählungen, die Howey ursprünglich via Amazon im Kindle Direct Publishing vertrieben hat. So enthüllt uns Teil 1 (das ursprüngliche "Wool", benannt nach dem Putzlappen, mit dem die Reinigung vollzogen werden muss) die Wahrheit über die Außenwelt. Das wär's dann eigentlich gewesen, aber der Erfolg der Geschichte ließ Howey weiterschreiben.

    Teil 2 macht über die vertikale Reise zweier neuer ProtagonistInnen den Aufbau des Bunkers für uns erfahrbar. Der mehrfache Wechsel der Hauptfiguren passt zudem ausgezeichnet zu dem, was nach dem Abhaken des Außenwelt-Rätsels zum eigentlichen Hauptthema der Geschichte(n) wird. Nämlich der Frage: Lässt sich das System überwinden? Und wie viele Opfer wird das erfordern? Das wird dann ab Teil 3 zur Herausforderung vor allem für Juliette, die längstdienende Hauptfigur. Juliette ist ein Tomboy in den 30ern, ein Mechanik-Ass und eine Frau der Tat, die sich wenig um Regeln schert. Für die aktuelle Leiterin bzw. Mayor des Silos stellt Juliette eine ideale Kandidatin für höhere Ämter dar - doch die Gegenkräfte sammeln sich. Die sitzen übrigens in der alles wissenden und nichts verratenden IT-Abteilung, da regen sich wohl unterbewusste Büromenschenängste ...

    Auf dem Weg zur Trilogie?

    Im Laufe des Veröffentlichens sind die einzelnen Erzählungen immer länger geworden. (Einzig negative Folgeerscheinung: Mit der zunehmenden Länge nähert sich Howey auch immer mehr der heutzutage typischen Totalausführlichkeit im Erzählen an. In der zweiten Hälfte des Buchs hätte man auch einiges raffen können, aber da hatte mich die Geschichte schon gepackt.) Mit dem Auftreten Juliettes wird das Ganze dann endgültig zu einem Quasi-Roman mit einer zentralen Hauptfigur und einem großen Spannungsbogen.

    Im Original laufen die hier versammelten Episoden unter dem Titel "Wool Omnibus Edition", auch wenn es nur die Teile 1 - 5 sind, drei weitere bereits vorliegen und ein neunter kurz vor der Veröffentlichung steht. Aber keine Angst: Wenn man die deutschsprachige Ausgabe zuschlägt, hat man wirklich ein vollständiges Buch gelesen. Die nächsten Teile sind Prequels, und wenn dann noch Teil 9 ("Dust") heraußen ist, steht man letzten Endes womöglich doch wieder vor einer alten Genre-Bekannten ... einer Trilogie.

    So, Ende einer Rundschau, die beinahe "Osama & Big Ugly Mama" geheißen hätte. Aber man soll's mit dem Reimen auch nicht übertreiben - erst recht, wenn beim nächsten Mal aller Voraussicht nach eine Alliteration bemüht werden wird. Eine auf "Q", das gibt's schließlich nicht so oft. (Josefson, derStandard.at, 10. 8. 2013)

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