Die Schliche eines blonden Wotan

4. Juli 2013, 17:27
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Gefühlsecht: Ibsens "Stützen der Gesellschaft" zum Reichenau-Auftakt

Reichenau a. d. Rax - Der Holzboden glänzt frisch lackiert im Haus des ehrenwerten Konsuls Bernick (Marcello de Nardo). Fünf Kanten zählt die Spielfläche, die Bühnenbildner Peter Loidolt in den Neuen Spielraum des Theaters Reichenau hineingebaut hat.

Reeder Bernick ist der ganze Stolz der norwegischen Küstenstadt, von deren Kais die Schiffe reich beladen in See stechen. Die bigotten Handelsleute haben Angst vor der schroffen Welt da draußen. Als Stützen der Gesellschaft, so der Titel von Henrik Ibsens erstem Aufdeckungsdrama, sitzen sie mit dem Rücken zum Meer.

Die Frauen sticken derweil im Haus der Frau Konsul (Chris Pichler) an Leintüchern. Gebannt lauschen sie den erbaulichen Reden des possierlichen Hilfspredigers Rörlund (Jürgen Maurer).

Alfred Kirchners Inszenierung gleicht einer Reise in eine versunkene Weltgegend. In den 1870er-Jahren wurde man mit Schrecken der Kosten für das materielle Wachstum gewahr. Der Konsul, ein schmaler Tycoon mit eisblondem Haar, hat den Wohlstand mit Lügen erkauft. Seinen Vorarbeiter am Dock (Martin Schwab), der sich gegen den Fortschritt maulend sträubt, behandelt er wie ein wandelndes Fossil.

Was Kirchners wunderbar vielgestaltige Unternehmung über alle Einwände im Einzelnen erhebt, ist ihr sittlicher Ernst. Aus jeder Figur kratzt Kirchner, ein unterschätzter Spielleiter der Epoche Peymanns, Reste von Eigensinn heraus. Ein Hausfräulein (Emese Fay) zieht die verunstaltende Brille von der Nase, wenn der Heimkehrer aus den USA (Tobias Voigt), von dem sie sich geliebt glaubt, an ihr achtlos vorübergeht. Ein in Verkommenheit erstarrter Onkel (Dirk Nocker) leckt genießerisch die Zigarre ab, wenn er vor den bigotten Damen den Faun gibt.

Vor allem aber schlägt der Regisseur sich auf keine Seite. Er inszeniert den Auf- tritt der Künstler-Schwester Lona (Therese Affolter), einer Art Erika Mann Skandinaviens, als heilsame Zerrüttung. Sie und ihr Halbbruder (Voigt) verlangen von Bernick das Schuldeinbekenntnis. Der Konsul aber scheint vorerst in seinem Frack zu verkümmern.

Fairness und Transparenz, und wie die schönen Schlagwörter alle heißen, bedeuten die Fortführung der Geschäfte mit anderen Mitteln. Dergleichen soll auch hierzulande schon vorgekommen sein.

Am Schluss rückt Bernick, der kleine Wotan aus den norwegischen Fjorden, mit der Wahrheit heraus. Auch diese Volte hat Kirchners zu Recht akklamierte Ibsen-Erforschung mit Bravour hingelegt. (Ronald Pohl, DER STANDARD, 5.7.2013) 

Bis 3.8.

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