Stan und Ollie jagen Supermodels

2. Juli 2013, 17:15
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Der britische Popstar Bryan Ferry gastierte beim Jazz Fest Wien - Statt willigen Schönheiten klebte der Schlamm des Dixieland am Beinkleid des wie immer dandyhaft auftretenden Zeremonienmeisters

Wien - Manch Experiment ist gewöhnungsbedürftig, selbst wenn man weiß, was einen erwartet. Dazu gehört Bryan Ferrys aktuelle Show, mit der er am Montag im Rahmen des Wiener Jazz-Festes die Staatsoper füllte. Der britische Pop-Dandy kredenzte Ausschnitte aus seinem aktuellen Album The Jazz Age. Darauf interpretiert das Bryan Ferry Orchestra unter der stillen Aufsicht des Meisters Songs aus dessen Solowerk sowie Lieder aus seiner Zeit mit Roxy Music.

So kam es, dass das zehnköpfige Orchester noch ohne seinen Zeremonienmeister Songs wie Do the Strand, Slave to Love oder Virginia Plain spielte - mit dem Schlamm des Dixieland am Hosenbein der noblen Garderobe. Das zeitigte kauzige Versionen, die man in diesem Lichte nie gesehen hat - und möglicherweise dort nicht unbedingt sehen will.

Denn das latent erotisierende, das fordernde, das laszive Wesen jener Lieder reduzierte sich dabei auf drolliges Rumpeln und Getröt. Natürlich handwerklich pipifein dargeboten, aber es ließ doch eher an die Wirkung von Viagra bei Schluckauf denken, als an Cocktails mit Supermodels in mondänem Ambiente. Ja, wenn Stan und Ollie mit dem Auto über die Bühne gefahren wären und die Hupe gedrückt hätten, es hätte nicht weiter gestört.

Schließlich betrat Ferry die Bühne und leitete mit Reason or Rhyme einen zarten Richtungswechsel ein, der einige Lieder später und mit voller Rock-Band bei Songs wie NYC oder Remake/Remodel ein wenig jenen Glamour beschwor, den Roxy Music in den 1970ern in die Popwelt brachten. Noch heute zählt der Brite zu jenen handverlesenen Männern, die Anzug tragen können, ohne deshalb wie ein Schalterbeamter zu wirken.

Hemds-Choreografie

Doch mit mittlerweile 67 Jahren tut auch ihm eine Pause gut, also löste das Orchester zur Mitte der Darbietung wieder kurz das Jazzversprechen ein. Ferry verfügte sich, um im nun schwarzen Hemd wiederzukehren und also passend angetan Back to Black von Amy Winehouse zu spielen. Von den Gefilden des Soul entfernte sich Ferry an diesem Abend dann nicht mehr allzu weit. Zu einem diesbezüglichen Höhepunkt kam es, als er That's how strong my Love Is sang, einen herzgebrochenen Klassiker des Deep Soul.

Wobei es hier eine kleine Korrektur anzubringen gäbe: Der Song wurde nicht von Otis Redding erstmals aufgenommen, wie Ferry in seiner Ankündigung sagte, sondern bereits 1964 von O. V. Wright, einem 1980 verstorbenen Deep-Soul-Giganten, der zeit seines Lebens eher eine Schattenfigur des Genres blieb. Ungeachtet dieser kleinen Unschärfe für die Soul-Buchhalter litt Ferry mit Unterstützung dreier Backgroundsängerinnen anstandslos durch den Song. Die Bläser verströmten Halbmaststimmung, am Ende machte Ferry einen Diener, als knicke er unter der emotionalen Last des Liedes ein.

Aber ein Fels wie Ferry fängt sich natürlich gleich wieder: ein Griff in die Haare, alles unter Kontrolle. Schließlich galt es noch Songs wie Smoke Gets in your Eyes oder Casanova zu bringen. Songs, in denen der Schmelz seiner Stimme jene zarten Brüche auf- wies, die ihr altersmäßig zustehen und die diesen ewigen Titeln den Mehrwert der Lebenserfahrung verlieh.

Nach einer beherzten Version von Bob Dylans A Hard Rain's A-Gonna Fall finalisierte das 16-köpfige Ensemble den Abend mit einem Soul-Triptychon. Bei Let's Stick Together erhob sich der Saal endlich, während Ferry fiebrigen Blues durch die Mundharmonika atmete. Sam and Daves Hold On, I'm Coming und ein Cover von Curtis Mayfields Move on Up beschlossen den Abend. Ferry nahm den Zuspruch in einer Mischung aus Demut und Wissen um seine Autorität entgegen und entschwand. (Karl Fluch, DER STANDARD, 3.7.2013)

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    Schmelz in der Stimme mit zarten Brüchen: Bryan Ferry in Wien.

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