Das Netzbett als Prüfstein der offenen Psychiatrie in Wien

24. Juni 2013, 18:25
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Patientenanwaltschaft fordert Ende der Freiheitsbeschränkungen in Wien

Wien - Bernhard Rappert von "Vertretungsnetz", der Patientenanwaltschaft auf der Psychiatrie, geht mit den Freiheitsbeschränkungen in Wiens Kliniken hart ins Gericht: In der Bundeshauptstadt praktiziere man die sogenannte offene Psychiatrie und streiche positiv heraus, dass die Eingangstüren der Abteilungen offen seien: "Aber wenn manche Patienten deshalb noch enger in Netzbetten eingesperrt werden, stellt sich die Frage, ob das noch als Offenheit gelten kann", sagt der Patientenanwalt für Wien, das Burgenland und Teile Niederösterreichs im STANDARD-Gespräch.

Spätestens mit der Schließung des Wiener Otto-Wagner-Spitals, also laut derzeitigem Stand im Jahr 2020, müsse ein genereller Netzbettenverzicht einhergehen, fordert Rappert. Das habe das "Vertretungsnetz" bereits vor über einem Monat in einem Schreiben an eine Vielzahl involvierter Institutionen zum Ausdruck gebracht.

Unangemeldete Besuche

Wiederum einen Monat davor, im April, war die Wiener Netzbettenfrage nach Berichten der Volksanwaltschaft akut geworden. Bei ihren unangemeldeten Besuchen hatten die Volksanwaltschaftskommissionen, die seit einem Jahr alle Orte kontrollieren, an denen Menschen angehalten werden, in den Psychiatrien der Bundeshauptstadt vielfach "Notfallbetten" vorgefunden. Und zwar nur in Wien: In anderen Bundesländern sind die Liegestätten, in denen unruhige Patienten käfigähnlich eingesperrt werden, nicht mehr in Gebrauch.

Da ein Aufenthalt im Netzbett laut dem Antifolterkomitee des Europarats (CPT) als menschenrechtswidriger Freiheitsentzug zu werten ist, leitete die Volksanwaltschaft ein Prüfungsverfahren ein. Dieses ist noch nicht abgeschlossen, aber in einer ersten Reaktion verwies der Wiener Krankenanstaltenverbund an die Ärzteschaft: Die Verwendung von Netzbetten sei eine "medizinische Entscheidung".

Einzelne Wiener Psychiater hatten auf Befragen des Standard die " Notfallbetten" daraufhin als "gelindestes Mittel" von Freiheitsentzug bezeichnet. Die Alternative, die sogenannte Vierpunktfixierung des Körpers, gestatte noch weniger Bewegungsfreiheit.

Mehr Personal und Platz

"Es ist richtig, dass man sich im Netzbett zumindest aufrichten kann und dass Bezirksrichter in Entscheiden zu Unterbringungsfällen auch so argumentieren", sagt Rappert. Doch bis zum Obersten Gerichtshof, mit der Menschenrechtsfrage im Fokus, sei eine solche Causa noch nie gekommen. Statt Freiheitseinschränkungsmethoden miteinander zu vergleichen, müssten auf Wiens Psychiatrien vielmehr "mehr Ressourcen für Alternativen" zu Verfügung stehen: mehr Personal und ein großzügigeres Platzangebot. (Irene Brickner, DER STANDARD, 25.6.2013)

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