Vertanzte Zustände zwischen Europa und Osterinsel

21. Juni 2013, 18:30
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Theorie-Parcours "Scores" im Tanzquartier Wien

Wien - Es war eine Tragödie. 32 Touristen verloren am 13. Jänner 2012 ihr Leben bei der Havarie des Kreuzfahrtschiffs Costa Concordia. Die Medien überschlugen sich in ihren Berichten. Im Jahr davor ertranken allerdings im Mittelmeer 1500 Menschen in ihren Flüchtlingsbooten. Davon wurde nur spärlich Nachricht gegeben.

Menschenrechtsaktivist Elias Bierdel vom Österreichischen Studienzentrum für Frieden und Konfliktlösung auf Burg Schlaining kritisiert diese Unverhältnismäßigkeit vehement. Was im Rahmen des Tanz- und Theorie- Parcours "Scores" im Tanzquartier Wien, bei dem Bierdel zu Gast war, auf den Tisch kommt, macht bei aller Komplexität überaus deutlich, in welcher ethischen Materie wir Europäer heute bis zu den Hälsen stehen.

Niederschmetternd

Kriegsschiffe gegen Bootsflüchtlinge. Inhaftierung von Menschenrechtlern. Strafaktionen gegen Lebensretter. Überfälle auf Menschen auf hoher See in Missachtung geltender Gesetzgebungen. Die Liste an Praktiken zur Abwehr von Flüchtlingen, die Bierdel aus eigener Erfahrung und Recherche veröffentlicht, ist gut dokumentiert. Und niederschmetternd.

In der Kritik solcher Zustände ergänzen Aktivisten und Künstler einander hervorragend. Zu den bisherigen künstlerischen Highlights der aktuellen, von TQW-Dramaturgin Sandra Noeth unter dem Titel Intact Bodies kuratierten Ausgabe von "Scores" zählt das Dokumentarfilm-Experiment Tectonics des US-Amerikaners Peter Bo Rappmund, eine an James Bennings Arbeiten erinnernde Studie der Landschaftsräume entlang der gesamten Strecke des Grenzzauns zwischen Mexiko und den Vereinigten Staaten.

In Rappmunds betörend schönen und beinahe menschenleeren Bildern scheint die Zeit aus dem Takt geraten zu sein. Details der von der Kamera erfassten Motive zittern, jagen dahin oder laufen rückwärts. In der vorgeblichen Ruhe von Tectonics liegt eine schier unerträgliche Spannung: die Aufgeladenheit eines ungelösten politischen Problems.

Daher ist dieser Grenzstreifen kein wirklich ideales Erholungsgebiet. Die paradoxen Verhältnisse zwischen Tourismus und "exotischen" Kulturen bearbeitet das Wiener Künstlerduo Amanda Piña und Daniel Zimmermann in der Vorbereitung seines neuen Stücks War. Ihre Recherchen führten die beiden auf die Osterinsel, wo sie den Kriegstanz Hoko als Teil einer fiktiven Kulturinszenierung für Touristen entdeckten. Und das gehört zum Ressort von Piña und Zimmermann. Schließlich sind sie auch Gründer eines "Österreichischen Ministeriums für Bewegungsangelegenheiten", das der Politik Schwung vermitteln soll.

Eine Politik, der mit wachsendem Misstrauen begegnet wird. Diesen gefährlichen Trend sieht der bulgarische Politikwissenschaftler Ivan Krastev vor allem darin begründet, dass heute ökonomische Machtstrukturen die Politik beherrschen. Die Bevölkerungen könnten zwar andere Regierungen wählen, nicht aber eine andere Wirtschaft. Also zeigt sich die Macht des Wählers als geschwächt, und das erzeugt einen grundsätzlichen Vertrauensverlust. Das bedeutet, die Demokratie tanzt gerade auf einem Vulkan. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 22./23.6.2013)

 

"Scores" bis 22.6.; "Tectonics": Samstag, 17.00

  • Kriegsschiffe gegen Flüchtlinge, hier auf Lesbos.
    foto: elias bierdel

    Kriegsschiffe gegen Flüchtlinge, hier auf Lesbos.

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