Nicht nur Mutter, sondern auch

21. Juni 2013, 17:52
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Weil sich Frauen in Frankreich nicht zwischen Kind und Karriere entscheiden müssen und Familien finanziell gut gestellt werden, erfreut sich das Land einer hohen Geburtenrate - Ein familienpolitisches Vorbild

Es gibt einen lebendigen ­Mythos, den man vorzugs­weise an Sonn- und Feier­tagen in den Parks, Straßen oder Museen von Paris antrifft: attraktive und dynamisch wirkende Frauen zwischen 30 und 40, die mit einer mehrköpfigen Kinderschar und mit oder ohne deren Vater unterwegs sind. An freien Tagen organisieren sie mit ihrer Familie ein Picknick im Park, einen Spaziergang oder ein Kulturprogramm.

Schließlich haben an Wochentagen weder sie die Zeit dafür, weil sie Vollzeit arbeiten, noch der Nachwuchs, der bis zum Abend in Schulen und Krippen untergebracht ist. Die französische Frau gilt als eine, die alles will und alles bekommt: Karriere und Familie, und weil sie dabei noch stets topgepflegt aussieht, wirkt all das noch dazu wie ein Kinderspiel. Wobei sie selbst bezeugen wird, dass es das nicht ist. Aber dass sie es ­genau so und nicht anders wollte.

Dieses Bild mag klischeeverdächtig sein, doch jedes Klischee hat einen wahren Kern - und der Mythos der französischen Frau, die Berufs-, Familien- und Sozialleben unter einen Hut bringt, lebt, nicht nur in Paris, sondern im ganzen Land. Das ist politisch gewollt, denn indem der Staat es Frauen erleichtert, Beruf und Familie zu vereinbaren, sichert er sich eine vorteilhafte Demografie. 2,01 Kinder bringt eine Französin im Schnitt zur Welt, Tendenz steigend. Europaweit sind nur die Irinnen gebärfreudiger. Zwar sucht Frankreich derzeit in wirtschaftspolitischer Hinsicht Inspiration bei Ländern, die ihren Haushalt und die Arbeitslosigkeit besser im Griff haben. Doch in Sachen Familienpolitik darf es als Vorbild dienen.

Finanzielle Vorteile

Es ist weder Zufall noch durch Einwanderung begründet, dass Frankreichs Bevölkerungszahl wächst, sondern resultiert aus der Strategie, Eltern finanzielle Vorteile gegenüber Kinderlosen einzuräumen und Frauen den Zwang abzunehmen, sich zwischen Beruf und Familie zu entscheiden. Dass der Spagat als normal und ein Kind seltener als Karrierehemmnis angesehen wird, erweist sich als der Schlüssel für die Gebärfreudigkeit der Französinnen, gerade der gut ausgebildeten. Wenn auch hier bei der Gleichstellung in Chefetagen und bei den Gehältern noch Nachholbedarf herrscht.

Fast drei von vier Müttern arbeiten in Frankreich. Auch steigen Französinnen, die seltener und kürzer stillen als anderswo, meist früh nach der Geburt wieder in den Job ein - nicht immer nur freiwillig, da nur ein Gehalt plus Elterngeld gerade in einer Stadt mit so hohen Lebenshaltungskosten wie Paris kaum reicht. Das macht sie zu wahren Zeitjongleurinnen, eingezwängt zwischen Verpflichtungen, zumal Studien zeigen, dass französische Männer Hausarbeit und Kinderbetreuung überwiegend den Frauen überlassen, auch wenn diese ebenso viel arbeiten.

Mit durchschnittlich 30 Jahren bei der ersten Geburt gründen Französinnen inzwischen relativ spät eine Familie; doch folgen dann oft noch zwei, drei Kinder. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts betreibt Frankreich, zunächst aus Furcht vor dem übermächtigen deutschen Nachbarn, eine aktive Familienpolitik, die es sich überdurchschnittlich viel kosten lässt und die deutliche Vorteile ab dem dritten Baby vorsieht. Das geht vom Kindergeld über Steuervergünstigungen bis hin zu Geburtenprämien, Schulgeld und weiteren Hilfen.

Familie als Staatssache

Die Familie ist keine Privat-, sondern Staatssache: Kinder sollen kein Armutsrisiko darstellen (was freilich nicht immer gelingt). Dass die Regierung aus dem aktuellen Sparzwang heraus nun eine steuerliche Mehrbelastung von wohlhabenden Familien plant, gilt vielen als Tabu.

Hinzu kommt eine gut ausgebaute Infrastruktur mit Tagesmüttern und Kinderkrippen, deren Plätze abhängig vom Einkommen der Eltern bezuschusst werden, und die Garantie eines kostenlosen Kindergartenplatzes ab drei Jahren. In Paris kommt es allerdings zu Engpässen bei Betreuungsplätzen, weil der Bedarf das Angebot übersteigt, sodass Frauen doch oft länger als gewollt aussetzen müssen. Ex-Justizministerin Rachida Dati, die nur vier Tage nach der Geburt ihrer Tochter im Jänner 2009 wieder im Büro saß, ist zwar eine Ausnahme. Dennoch werden oft bereits dreimonatige Säuglinge auswärtig betreut - Anstoß daran nimmt niemand, und das Wort "Rabenmutter"existiert im Französischen nicht einmal. Rechtfertigen muss sich eine Frau eher, wenn sie sich für eine längere Auszeit entscheidet.

Dabei handelt es sich um ein Relikt aus dem 18. Jahrhundert, als adlige Damen ihre Säuglinge schnellstmöglich auswärts unterbrachten, um sich ungestört ihren gesellschaftlichen Pflichten widmen zu können, was die Frauen aus der Bourgeoisie und dem Kleinbürgertum dann nachahmten: Eine Amme galt als Statussymbol.

Bis heute ist die französische "Maman"nicht nur Mutter, sondern auch. Dass ihre Einstellung zum Kinderkriegen besonders positiv ist, ergab vor kurzem eine Studie: Mehr als in den Nachbarländern wird Nachwuchs in Frankreich als Bereicherung und nicht als Bürde angesehen, als wichtiges, aber nicht alles ausfüllendes Element für die Entfaltung der Eltern. Und das erklärt diesen sehr realen französischen Mythos. (Birgit Holzer, Family, DER STANDARD, 21.6.2013)

Fakten zu Frankreich

• In Frankreich werden jährlich 100 Milliarden Euro für Familienpolitik ausgegeben (das sind 5,2 Prozent des BIP).
• In den vergangenen fünf Jahren wurden zusätzliche 200.000 Kinderbetreuungsplätze geschaffen.
• 2011 wurden 40.000 Kinder mehr geboren als 2002, die Geburtenrate lag 2012 bei 2,01 Kindern pro Frau (in Europa: 1,6 Prozent).
• Heute sind 85 Prozent aller Frauen zwischen 25 und 49 Jahren berufstätig.

  • Mit Baguette und Barett: Französinnen wird nachgesagt, alles unter einen Hut zu bekommen: Kinder und Beruf.

    Mit Baguette und Barett: Französinnen wird nachgesagt, alles unter einen Hut zu bekommen: Kinder und Beruf.

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