Entzauberte Soldaten

Kolumne19. Juni 2013, 19:15
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Die internationalen Einsätze waren bei der jüngsten Debatte rund um das Bundesheer neben dem Katastrophenschutz die wichtigsten Argumente für die Streitkräfte

Warum wird jemand freiwillig Soldat? Seit Jahrhunderten lautete die Antwort auf diese Frage: weil er das Kriegshandwerk lernen und ausüben will, Friedensmissionen inklusive. Feinde abwehren. Das Eigene verteidigen. Kämpfen und riskieren, dabei den Tod zu finden. Berufssoldaten hofften insgeheim darauf, nicht ihr Lebtag Kasernendienst zu machen, sondern sich eines Tages in einem echten Konflikt zu bewähren. Ruhm und Ehre waren der Lohn.

Man kann Pazifist sein und das alles grundsätzlich ablehnen. Eine ehrenwerte Haltung. Aber eine Armee unterhalten, sie auf eine internationale Mission schicken und dann, wie der österreichische Bundeskanzler Faymann, im Augenblick der Bewährung erklären, "die Sicherheit unserer Soldaten steht an erster Stelle", ist eine Bankrotterklärung. Es ist die Demontage des Soldatenberufs.

Niemand wurde gezwungen, auf dem Golan Dienst zu tun. Alle Mitglieder der Mission waren Freiwillige. Sicher, die Soldaten waren leicht bewaffnet, sollten nur beobachten, was sich beiderseits der Grenze tat. Jetzt, da auf der syrischen Seite gekämpft wird, hat sich die Situation geändert. Kein Mandat, sagen die Verantwortlichen. Aber gleich alles hinschmeißen und nichts wie weg? Nicht einmal erwägen, das Mandat zu verändern, auszubauen, gemeinsam mit den Vereinten Nationen den künftigen Weg suchen? Die internationale Gemeinschaft einfach im Stich lassen? Hauptsache, die Boulevardblätter haben, jetzt vor den Wahlen, keine Angriffsfläche?

Die betroffenen Soldaten selbst, so hört man, sind durchaus nicht glücklich mit dem Regierungsbeschluss, und das nicht nur, weil sie am Golan gutes Geld verdient haben. Sie leiden unter dem Hohn und Spott, der jetzt von mancher Seite auf sie niedergeht. Sie müssen sich anhören, nun sehe man, was die Österreicher wert sind (nichts). Und sie müssen sich eingestehen, dass auch vorher ihre Mission nicht viel wert war, weil sie ja offenbar von vornherein unter dem Vorbehalt stand: Wir bleiben nur, solange es garantiert ungefährlich ist.

Die internationalen Einsätze waren bei der jüngsten Debatte rund um das Bundesheer neben dem Katastrophenschutz die wichtigsten Argumente für die Streitkräfte. Aber jetzt? Die Kosovo-Mission gibt es noch, aber auch sie hat inzwischen ihren Glanz verloren. Der Abzug vom Golan hat gezeigt: Die österreichischen Soldaten im internationalen Einsatz sind nicht viel mehr als eine Art bessere Parkwächter.

Die Aura des Soldatenberufs lebt von der Prämisse: Das sind die Leute, die notfalls bereit sind, für uns und für ihr Land ihr Leben zu geben. Fahneneid und Soldatenehre, Militärmusik und Zauber der Montur, Glanz und Gloria - das alles bezieht seinen Sinn aus dieser Voraussetzung. Wenn die Doktrin "Die Sicherheit unserer Soldaten steht an erster Stelle" gilt, ist das glänzende Beiwerk ziemlich überflüssig geworden. Eigentlich könnte man es sich sparen. Mit dem Golanabzug ist nicht nur eine Mission zu Ende gegangen. Er ist auch das Ende des Bildes vom Soldaten, wie wir es bisher gekannt haben. (Barbara Coudenhove-Calergi, DER STANDARD, 20.6.2013)

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