"Jedes Jahr ins Semifinale der Champions League"

Interview18. Juni 2013, 19:22
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Vor zehn Jahren wurde das IMBA gegründet: Was das mit Fußball zu tun hat und warum es in der Genetik zur Revolution kommt, sagt IMBA-Chef Josef Penninger

STANDARD: Sie sind ja nicht nur Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie IMBA, sondern auch einer der Gruppenleiter. Gibt es Tage, an denen Sie den einen oder den anderen Job lieber machen?

Penninger: Man kann das nicht trennen. Ich wollte natürlich Wissenschafter werden, um öfter im Labor zu stehen, als es jetzt möglich ist. Bei Experimenten dabei zu sein macht mir mehr Spaß, als Verwaltungstermine wahrzunehmen. Manchmal würde ich gern alle Termine absagen. Mir ist aber schon klar, dass ein Institut wie unseres einen wissenschaftlichen Direktor braucht. Deswegen bin ich geholt worden. Ich mache es ja gern, weil ich sehe, was möglich ist. Wir haben seit Gründung des IMBA insgesamt 58 Paper in den führenden Magazinen Science, Nature und Cell publiziert.

STANDARD: Bleibt dabei die Auseinandersetzung mit wissenschaftlichen Themen auf der Strecke?

Penninger: Ich gebe die Themen im Labor vor, und meine Mitarbeiter setzen Ideen in Experimente um. Ich kann leider nicht mehr permanent im Labor stehen, aber ich habe Mitarbeiter, die unsere gemeinsamen Ideen umsetzen.

STANDARD: Was sind denn die zentralen Themen in Ihrem Labor?

Penninger: Die Hälfte der Labormitarbeiter beschäftigt sich mit Krebs und Krebsentstehung, die anderen haben sich auf das Thema "Haploide Stammzellen" eingeschworen. Das sind Säugetierstammzellen mit nur einem Chromosomensatz. Mit der erstmaligen Herstellung vor etwa zwei Jahren ist Ullrich Eling in meinem Team eine Revolution gelungen.

STANDARD: Wie wurden diese Stammzellen hergestellt?

Penninger: Samen und Eizellen bei Säugetieren und Menschen haben jeweils nur einen Chromosomensatz. Der zweite kommt dazu, wenn sie miteinander verschmelzen. Wir haben die Eizelle einer Maus angeregt, ohne eine Samenzelle in die Zellteilungsphase einzutreten; dass das funktioniert war bereits bekannt. Der Durchbruch war, aus diesen Zellen embryonale Stammzellen zu entwickeln. Und manche dieser Stammzellen waren nur mit einem Chromosomensatz ausgestattet. Eine Gruppe in Boston hatte bereits eine haploide Menschentumorzelllinie entwickelt. Das sind Tumorzellen, die mit geänderten Chromosomenzahlen leben können. Unsere Entdeckung, dass eine Stammzelle mit nur einem Chromosomensatz leben kann, führte zu einem Paradigmenwechsel. Diese Zellen sollte es ja gar nicht geben, aber sie wachsen wunderbar.

STANDARD: Warum ist das eine Revolution in der Genetik?

Penninger: Seit vielen Jahren beschäftigen sich Wissenschafter mit der Frage: Welche Funktion haben Gene bei Erkrankungen? Wir mutieren daher im Mausmodell Gene. Dabei bleibt aber ein "gesundes" Gen auf dem zweiten Chromosom bestehen, da Säugetiere alle Gene doppelt, eines vom Vater und eines von der Mutter vererbt bekommen. Dadurch finden wir die funktionelle Konsequenz einer Mutation oft nicht. Mit Tricks kann man die zweite Ausprägung des Gens mutieren. Das funktioniert ganz gut, aber es dauert lange und ist am Ende nicht immer von Erfolg gekrönt. Mit den haploiden Stammzellen können wir nun schnell komplette Mutationen entwickeln und diese mit unseren genetischen "Scheren" wieder reparieren. Das ist bisher nur mit Hefezellen so unkompliziert gelungen. Derzeit bauen wir eine große Stammzellenbibliothek auf. Irgendwann wollen wir auch mit menschlichen Zellen Experimente beginnen.

STANDARD: Könnte es da ethische Einwände geben?

Penninger: Es sollte doch die Aufgabe der Wissenschaft sein, den Menschen nicht nur das Leben zu verlängern, was ja schon passiert, sondern ihnen auch ein gesünderes längeres Leben zu ermöglichen. Wir haben nichts davon, wenn wir 90 werden und nur mehr krank sind - und Pillen schlucken, von denen wir nicht einmal wissen, warum sie wirken. Ich halte eine Methode, die ja gegen keine Gesetze und gegen keine ethischen Grundsätze verstößt, für akzeptabel, um neue Erkenntnisse bei der Bekämpfung von Krankheiten zu gewinnen.

STANDARD: Zurück zu Ihrem Hauptjob als IMBA-Chef: Gibt es dabei Momente, die Sie nicht so mögen?

Penninger: Ich hänge mit Leidenschaft drinnen. Und die großen wissenschaftlichen Entscheidungen fälle ich gemeinsam mit dem Deputy, Jürgen Knoblich, und anderen Vertrauten. Ich bin kein Autokrat. Es gibt sicher Momente, die ich lieber nicht erleben will. Wenn ich etwa um die Finanzierung unserer Arbeit kämpfen muss. Derzeit haben wir ein Budget von 26,9 Mio Euro.

STANDARD: Kann man mit dieser finanziellen Ausstattung wachsen - oder ist das IMBA groß genug?

Penninger: Wir müssen tatsächlich noch ein Stück wachsen. Das heißt nicht, dass wir hier zu-bauen müssen. Wir haben genug Platz. Das IMBA muss durch exzellente Wissenschafter wachsen. Das brauchen wir, um in der Champions League, in der wir spielen, jedes Jahr ins Semifinale zu kommen. Ich möchte, dass wir der FC Barcelona der Wissenschaft werden, FC Barcelona, im Gegensatz zu manch anderen Mannschaften, weil diese sich Talente nicht kaufen, sondern finden und entwickeln. Man muss eine Kultur schaffen, in der Talente die Chance haben, zu Lionel Messis der Wissenschaft zu werden.

STANDARD: Sind Sie denn ein Lionel Messi des IMBA?

Penninger: Ich bin eher Xavi, der die Bälle verteilt. Die Messis sind unsere jungen Gruppenleiter, Postdocs und Studenten. Außerdem war zuletzt das Spiel des FC Barcelona stark auf Messi zugeschnitten, und dadurch wurden sie berechenbar. Ich möchte als Direktor redundant sein. Der Laden soll ja auch ohne mich laufen, und das tut er ganz hervorragend.

STANDARD: Wachsen geht ja nur mit mehr Geld. Derzeit stagniert die Finanzierung der Grundlagenforschung. Wie soll sich das ändern?

Penninger: Österreich fällt mehr und mehr in den Innovationsrankings zurück. Wir können dies nicht mehr akzeptieren. Wir müssen das Zwergendenken endlich ablegen. Der Anspruch auf gute Unis, gute Ausbildung und exzellente Forschung darf nicht nur in Erklärungen und Podiumsdiskussionen abgegeben werden, wir müssen diese Vision auch leben. Wir und andere Institute der Akademie oder das Forschungsinstitut für Molekulare Pathologie (IMP) haben gezeigt, dass wir in der Champions League spielen können. Aber wir sind noch zu klein, um langfristig zu wirken. Österreich braucht einen "moon shot" für die Wissenschaften als Vision für die Zukunft des Landes. Und es braucht mutige Politiker, um diese Vision umzusetzen. (Peter Illetschko, DER STANDARD, 19.6.2013)


Josef Penninger (48), geboren in Gurten in Oberösterreich, studierte in Innsbruck Medizin und dissertierte beim Altersforscher und ehemaligen FWF-Präsidenten Georg Wick. Seinen Postdoc absolvierte Penninger am Ontario Cancer Institute in Toronto. Auch danach zog es ihn in die größte Stadt Kanadas. Bis 2003 war er am Department of Immunology and Medical Biophysics der University of Toronto und arbeitete mit der Biotech Firma Amgen. 2002 wurde er nach Wien geholt, um das Institut für Molekulare Biotechnologie (IMBA) der Akademie der Wissenschaften aufzubauen, dessen wissenschaftlicher Direktor er bis heute ist. Penninger ist verheiratet, Vater dreier Kinder - und spielt in seiner Freizeit Fußball. Zum zehnten Geburtstag des IMBA wird am 27. und 28. Juni ein Symposion in der Aula der Wissenschaften (Wollzeile 27a, 1010 Wien) veranstaltet: "Thinking the Unthinkable: The Future of Biology."

  • Josef Penninger, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie, an seiner Bürotür: Er will kein Zwergendenken und möchte die Vision Topforschung leben.
    foto: corn

    Josef Penninger, Direktor des Instituts für Molekulare Biotechnologie, an seiner Bürotür: Er will kein Zwergendenken und möchte die Vision Topforschung leben.

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