Verliebte, Narren und schreckliche Eltern

17. Juni 2013, 17:15
1 Posting

"The Fool and the Princesses" mit dem Cirque de Loin am Klagenfurter Stadttheater

Klagenfurt - Das Stadttheater wirkt verwandelt: Schon am Vorplatz verströmen musizierende Ensemblemitglieder in Liegestühlen vor ihrem Wohnwagen Lebensfreude. Erste Premierengäste setzen sich dazu, staunen über das Gefühl von Intimität. Die Szenerie ist so ungewöhnlich für die Spielstätte, dass manche bis kurz vor Beginn überzeugt sind, die Vorstellung finde im Freien statt.

Nächste Überraschung innen: Der eigentliche Bühnenraum bleibt geschlossen, stattdessen ragt eine stilisierte Zirkusmanege in die Sitzreihen hinein (Bühne: André Lu Lusser und Thomas Fri Freydl). Regisseur Michael Finger, der als Hofnarr durch den Abend führt, plaudert mit dem Publikum. Das eigentliche Stück beginnt schleppend mit einer zwar ästhetischen, aber langatmigen Filmsequenz, in der die Rahmenhandlung erzählt wird: Die Mutter des Narren verlässt die Clownfamilie, worauf der todunglückliche Vater eine Liebesgeschichte für sie zeichnet und kurz darauf stirbt. Seine Tuschezeichnungen (Pierre Constantin) handeln von einem unfruchtbaren Königspaar, das einen Bauernsohn adoptiert, der sich später just in seine unbekannte Zwillingsschwester verliebt. Als das Königspaar vom Inzest erfährt, sagt es die geplante Hochzeit ab und verbietet der Bauernfamilie den Kontakt zum Prinzen. Das Liebespaar flieht, wird verfolgt, und auf einer Klippe mit der Wahrheit konfrontiert. Der Ausgang der Geschichte bleibt offen.

Aus all dem kreierte der Cirque de Loin ein vielschichtiges Spektakel. Die verschiedenen Kunstbereiche werden so gelungen kombiniert, dass einem die Trennung in Sprechtheater, Akrobatik, Musik und Kabarett hernach absurd künstlich erscheint. Ob Seiltanz oder Dialog - Michael Finger will nicht mit technischer Perfektion beeindrucken, sondern Gefühle auslösen. So werden Elemente der Clownerie verwendet, wenn etwa das überdrehte Königspaar dem Prinzen Rollschuhe gegen den Liebeskummer schenkt und dieser Stürze hinlegt. Der Schmerz im Gesicht des Prinzen (Noah Egli) ist so berührend echt, dass das Publikum gleichzeitig lacht und mitleidet. Überhaupt wirkt das Königspaar (Bartek Soroczynski und Newa Grawit) wie eine Warnung ans junge Publikum, die Erwachsenen nicht zu ernst zu nehmen: Anfangs schrullig, wird es dann bedrohlich jähzornig und unberechenbar.

Die Produktion ist ein schöner Beweis für die Möglichkeiten des Theaters, mit einem grandiosen Ensemble und einem schwungvollen Musikmix (Reto Ammann und Michael Finger). (Martin Mittersteiner, DER STANDARD, 18.6.2013)

Bis 29. Juni

Share if you care.