"Kroatiens EU-Beitritt ist gut für Konsumenten"

16. Juni 2013, 17:18
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Kroatiens Verbraucher erwarten sich billigere Produkte in Supermärkten. Die Konkurrenz könnte aber auch heimische Produzenten unter Druck setzen

"Für uns bleibt alles gleich", verkündete kürzlich der kroatische Automobilklub Hak mit Blick auf den EU-Beitritt. Die EU- Einreiseregelungen bleiben, der Führerschein muss erst 2033 an das EU- Format angepasst sein. Kroatien, ab 1. Juli das 28. Mitglied der Europäischen Union, wird weiterhin nicht der Schengenzone angehören, also werden auch die sommerlichen Reisestaus an den Grenzen bleiben - wenngleich die neue EU-Außengrenze sichtlich mit Überwachungseinrichtungen aufgerüstet wurde.

Auch der Euro liegt in weiter Ferne. Kroatien erfüllt die Kriterien nicht. Die Arbeitnehmerfreizügigkeit wird für die neuen EU-Bürger erst in ein paar Jahren eingeführt. Außer der Slowakei, Schweden und Irland haben alle anderen EU-Staaten beschlossen, die Kroaten vorerst für zwei Jahre nicht auf ihre Arbeitsmärkte zu lassen. Die Regelung kann um drei und dann nochmals um zwei Jahre verlängert werden. So will es etwa Österreich machen.

Billigere Produkte

Ändert sich also überhaupt etwas für die kroatischen Bürger? Sie erwarten sich vor allem billigere Produkte in den Supermärkten. "Der Beitritt wird gut für die Konsumenten sein, aber schlecht für die kroatischen Produzenten", meint etwa der 20-jährige Pharmaziestudent Ivan B., der in Zagreb hinter dem Gemüsemarkt Dolac auf seine Freundin wartet. Denn Letztere seien im Vergleich zu den "Europäern" nicht konkurrenzfähig, glaubt er. "Besonders für die Bauern wird die Situation schwieriger, weil die EU-Produkte durch den Wegfall der Zölle billiger werden." Sie würden sich deshalb anpassen müssen. Aber das werde dauern, sagt er. "Wir können zwar lokale Produkte anbieten, aber die EU-Staaten haben viel mehr zu bieten für uns als wir für die", resümiert er.

Manche befürchten, dass Kroatien auf die Konkurrenz nicht ausreichend vorbereitet ist. Der Ökonom Vladimir Cavrak von der Universität Zagreb sagt etwa, "dass die Mehrheit der kroatischen Produkte nicht genügend wettbewerbsfähig ist". Er prophezeit Schwierigkeiten. "Die meisten kroatischen Produzenten haben weder ein ausreichendes Bewusstsein für die Gefahren und Schwierigkeiten, noch für die Möglichkeiten, die der Beitritt eröffnet", sagt Cavrak. Viele würden noch auf den Schutz des Staates bauen. "Allerdings ist so ein Schutz vor allem im Bereich der Konsumgüter nicht möglich", so Cavrak. Er erwartet nach "dem ersten Schock" Anpassung an die konkurrierenden europäischen Märkte. So denken auch viele Konsumenten.

Rada, R. freut sich sogar auf den Schock. Und vor allem auf die Schokolade aus einigen EU-Ländern. "Ich mag die Süßigkeiten von hier überhaupt nicht. Es ist gut, wenn hier die EU-Produkte überall zu kaufen sind", sagt die 30-jährige Sozialarbeiterin. "Jede Konkurrenz ist gut, vor allem weil wir Produkte mit schlechter Qualität haben, die noch dazu zu teuer sind", kritisiert sie.

Produktionsverlagerungen

Experten wie Cavrak erwarten allerdings nicht wirklich, dass die Konsumenten nun viel billiger davonkommen werden. "Schon bisher haben auf dem Markt hier viele heimische Produkte einen ähnlichen Preis wie die EU-Produkte", sagt er. Zudem betont er, dass es bereits jetzt viele Waren aus der EU zu kaufen gäbe. Doch kroatische Supermarktketten wie etwa Diona und Konzum, die mit kroatischen Produzenten verbunden seien und viele kroatische Produkte anbieten, könnten aufgrund der ausländischen Konkurrenz unter Druck geraten.

Der 45-jährige Milivoj Batek-Smith, der auf dem Ban-Jelacic-Platz die Sonne genießt, ist wie viele andere seiner Landsleute überzeugt, dass die kroatischen Produkte einen so guten Ruf hätten, dass die Bevölkerung sie weiterhin bevorzugen werde.

Zurückhaltend äußern sich hingegen Supermärkte auf die Frage, ob sie ihre Produktpalette nach dem Beitritt verändern werden. "Wir sind noch nicht so weit, unsere Erwartungen und Strategie zum EU-Beitritt zu veröffentlichen", antwortet etwa Jelena Vojvoda von der Supermarktkette Diona dem Standard. Lidl Kroatien gibt sich noch kryptischer: Der EU- Beitritt sei ein wichtiger Moment, "doch als Unternehmen im Privatbesitz ist es die Politik Lidls, nicht über ökonomische und politische Themen zu kommunizieren", schreibt das Unternehmen auf Anfrage.

Einige kroatische Unternehmen haben bereits auf den zu erwartenden Preisdruck reagiert und angekündigt, einen Teil ihrer Produktion ins billigere Bosnien-Herzegowina zu verlegen: Dazu gehören etwa der Fleischproduzent Gavrilovic. Das 1690 gegründete Familienunernehmen war 1945 enteignet und 1991 von dem österreichische Honorarkonsul Georg Gavrilovic zurückgekauft worden. Auch der seit 1911 existierende Süßwarenproduzent Kras will Teile nach Bosnien-Herzegowina auslagern. Die Fabrik am Rande von Zagreb, die in der gesamten Gegend süßen Schoko- Duft verbreitet, soll aber eine Zagreber Institution bleiben. (Adelheid Wölfl, DER STANDARD, 17.6.2013)

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    Licht und Schatten des EU-Beitritts Kroatiens: billigere Waren aus der EU, steigender Preisdruck für lokale Produkte.

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