"The Place Beyond the Pines": "Das Schneiden des Films ist wie ein Mord"

Interview13. Juni 2013, 17:30
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Mit "The Place Beyond the Pines" legt Derek Cianfrance ein packendes Generationendrama um Schuld und Sühne vor - Der US-Regisseur über Käfige, den Drehprozess und Spoiler

STANDARD: Ihr Film beginnt mit einer atemberaubenden Sequenz: Die Kamera folgt in einer einzigen Einstellung Ryan Gosling, wie er aus seiner Garderobe kommt, sein Motorrad besteigt, um in einem kugelähnlichen Käfig Kunststücke vorzuführen. Wie schwierig war es, diese Szene zu drehen?

Cianfrance:  Sie ist vor allem das Verdienst meines Kameramannes Sean Bobbit, der ein Ex-Nachrichtenkameramann mit einer großen Erfahrung in Kriegs- und Krisengebieten ist. Er bestand auch darauf, am Ende der Einstellung mit Ryan Gosling in den "Käfig" zu gehen. Es gibt nur 22 Menschen in Amerika, die diesen Stunt, den "Texas Switch", ausführen können. Ich beobachtete die Bilder auf meinem Monitor und konnte kaum glauben, dass Sean tatsächlich mit den Fahrern in diese Kugel ging. Plötzlich wurde mein Monitor schwarz, und ich hörte, wie die Zuschauer die Luft anhielten - als ich aufsah, hatten sich die Motorräder ineinander verknäult und Sean lag darunter. Beim zweiten Mal traf ihn ein Motorrad am Kopf, er musste verarztet werden. Wir kriegten es schließlich mit dem fünfzehnten Take hin, beschlossen aber zuvor, dass die Kamera außerhalb des Käfigs bleiben würde.

STANDARD: Sie haben einmal gesagt, dass der Dreh für Sie das Wichtigste beim Filmemachen ist und dass Sie die Arbeit im Schneideraum hassen.

Cianfrance:  Ich pflege immer zu sagen: Schreiben ist wie Träumen, Drehen ist wie Leben, und Schneiden ist wie Mord. Beim Schreiben kann man machen, was man will, das ist wie Traumzeit. Das Drehen ist wie das Leben, es ist frisch, es bedeutet Engagement, die Arbeit mit Schauspielern, die in der Lage sind, mich zu überraschen, selbst wenn sie scheitern. Beim Schnitt sitze ich vor einem Berg von Material, Schneiden ist wie die Arbeit an einer Skulptur - man hat keinen Film ohne sie. Ich habe im Schneideraum sehr viel Zeit meines Lebens verbracht. Es ist die Unbarmherzigkeit des Schnitts, die mir Schwierigkeiten bereitet: Es ist schmerzhaft, sich dabei von dem Geschenk der Schauspieler zu trennen - aus einem meiner Studentenfilme musste ich meine Mutter herausschneiden.

STANDARD: Sie haben gesagt, dass Schauspieler für Sie so etwas wie Ko-Autoren sind. Wie sieht das genau aus? Machen Sie das Feintuning der Figuren erst, wenn Sie wissen, wer die Rolle spielen wird?

Cianfrance:  Absolut. Zusammen mit meinen beiden Ko-Autoren habe ich siebenunddreißig Fassungen von The Place Beyond the Pines geschrieben. Sobald eine Rolle besetzt ist, übernehmen die Schauspieler das Ruder. Sie sollen nicht die Worte aufsagen, die ich ihnen in den Mund lege, sie sollen ihre Figur verkörpern. Das kommt auch von der dokumentarischen Arbeit her, wo man sieht, wie Dinge zum Leben erwachen.

STANDARD: Geschieht diese Arbeit mit den Schauspielern auch schon vor Drehbeginn während einer Probenzeit?

Cianfrance:  Proben, bei denen wir um einen Tisch sitzen und die Dialoge durchgehen, mag ich nicht. Meine Befürchtung dabei ist, damit die Spontaneität zu verlieren. Ich bin kein Chefkoch, der in einer Nacht dreihundertmal dasselbe Gericht zubereitet. Das heißt nicht, dass ich nicht viel Zeit mit meinen Schauspielern in der Vorbereitung verbringe - wir machen nur anderes, das ist sehr prozessorientiert. Mit Rose Byrne, die im Film die Ehefrau von Bradley Cooper verkörpert, bin ich so verfahren, dass ich sie aufgefordert habe, einige Zeit mit den Ehefrauen von Polizisten zu verbringen. Ryan Gosling hat sich einem intensiven Motorsporttraining unterzogen, 40 Pfund Muskeln zugelegt und ließ sich Tattoos anbringen. Das ist meine Art von Vorbereitung. Für mich sind Erwartungen der Feind.

STANDARD: Wie in Hitchcocks Psycho wechselt bei Ihnen der Protagonist inmitten des Films. So eine Überraschung ist heute schwierig zu bewerkstelligen - wissen die Kinogänger nicht schon zu viel im Vorhinein?

Cianfrance:  Das ist die alte Frage nach Spoilern! Ich selber sehe am liebsten einen Film, über den ich vorher nichts weiß. Aber auch wenn man um die Überraschungen eines Films schon vorher weiß, hat man doch immer noch die Erfahrung. Sie kennen ja sicherlich die berühmte Anekdote, die Hitchcock erzählte - von der Bombe unter dem Tisch: Wenn man weiß, dass sie da ist und irgendwann explodieren wird, dann ist die Spannung größer, als wenn man gar nichts weiß und sie als Überraschung explodiert.

STANDARD: Sie haben geäußert, die Geschichte von The Place Beyond the Pines könne sich so nur in Schenectady zutragen. Können Sie das ein wenig erläutern?

Cianfrance: Nun, das ist der Ort, wo ich und mein Ko-Autor Ben Coccio aufgewachsen sind. Als ich vor zehn Jahren dorthin zurückkam, gewann ich Eindruck, dass dieser Ort es verdient hat, dort eine Geschichte anzusiedeln. Ein großer Konzern hatte dort sein Hauptquartier - einst beschäftigten sie 50.000 Menschen, später waren es nur noch 5.000. Die Wirtschaft dort war also stark von der Rezession betroffen. Das ist auch in vielen anderen US-Städten der Fall, die bessere Tage gesehen haben. Ich versuche Filme über Menschen zu machen, die ich kenne.   (Frank Arnold, DER STANDARD, 14.6.2013)

Derek Cianfrance, geboren 1974, hat unter Avantgarde-Filmemacher Stan Brakhage studiert und wurde durch das Liebesdrama "Blue Valentine" bekannt.

Filmkritik
Das schwierige Erbe der Väter
Eindringlich, archaisch: "The Place Beyond the Pines"

Wien - Es ist ein Charakteristikum von Tragödien, dass einmal getane Gewalt nicht einfach gesühnt werden kann, sondern sich über Generationen fortsetzt. In Derek Cianfrances The Place Beyond the Pines wird diese Gesetzmäßigkeit auf eine gegenwärtige Anordnung übertragen. Zwei Väter, die auf konträren Seiten des Gesetzes stehen und doch beide auf ihre Weise Einzelgänger sind, stehen sich eines Tages gegenüber - aus purer Notwendigkeit ihrer Profession.

Als dies geschieht, ist erst ein Drittel des Films vorüber. Ryan Gosling verkörpert zu Beginn den Stunt-Motorradfahrer Luke, einen schweigsam- coolen Antihelden wie aus einem Western, der zum Bankräuber wird, um seinen Sohn zu unterstützen. Im zweiten, dichtesten Teil des epischen Films wechselt man zu Avery (eindrucksvoll: Bradley Cooper), der erkennen muss, dass sich bei der Polizeiarbeit kaum ein Kollege ans Gesetz hält.

Es ist die weniger märchenhafte Alternativgeschichte zu Luke - dennoch eine vergleichbare Parabel über einen Mann, der uneigennützig handelt; der etwas verändern will, darüber aber auf seine Familie vergisst. Im letzten Teil des Triptychons begegnen sich schließlich die Söhne der beiden, ohne von der Verbindung der Väter etwas zu ahnen.

Cianfrance verhandelt in The Place Beyond the Pines gewichtige Fragen von Rechtschaffenheit, Schuld und Moral, und er findet dafür Szenen von großer Eindringlichkeit, woran Sean Bobbits Cinemascope-Bilder viel Anteil haben. Die Aufteilung der Erzählung in drei Akte birgt indes auch das Risiko des Vergleichs: So gelingt es nicht an jeder Stelle überzeugend, die Milieubeschreibung mit den bedeutungsvollen Themen zur Deckung zu bringen.  (Dominik Kamalzadeh, DER STANDARD, 14.6.2013)

  • Der Motorcycle-Boy (Ryan Gosling) und seine Geliebte (Eva Mendes) aus "The Place Beyond the Pines".
    foto: constantin

    Der Motorcycle-Boy (Ryan Gosling) und seine Geliebte (Eva Mendes) aus "The Place Beyond the Pines".

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    US-Regisseur Derek Cianfrance, geboren 1974, hat unter Avantgarde-Filmemacher Stan Brakhage studiert und wurde durch das Liebesdrama "Blue Valentine" bekannt.

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