Der Apfel, die Beinamputierte und die Herzstiche

11. Juni 2013, 21:54
43 Postings

Attacke auf Adoptivvater war weder Mordversuch noch versuchter Totschlag

Wien - Ein Apfel spielt im Mordprozess gegen Dagmar S., die im April 2012 versucht haben soll, ihren Adoptivvater durch zwei Herzstiche zu töten, eine entscheidende Rolle. Die 33-Jährige erwähnt ihn am Dienstag gegenüber dem Geschworenengericht unter Vorsitz von Susanne Lehr zum allerersten Mal. Die Akademikerin sitzt nämlich zum zweiten Mal im Verhandlungssaal. Vor vier Monaten war sie zunächst wegen versuchten Totschlags angeklagt, ehe sich der damalige Schöffensenat für unzuständig erklärte.

Die Vorgeschichte ist dieselbe geblieben. S. wurde von Herwig und Ilona S. adoptiert und hatte "eine alles andere als glückliche Kindheit", wie selbst der Staatsanwalt konzediert. Die Adoptivmutter prügelte sie, der -vater soll sie sexuell missbraucht haben.

Zwei Selbstmordversuche unternahm sie, Anfang März 2012 sei es aber ein Unfall gewesen: Sie habe versucht, auf einen Zug aufzuspringen, dabei wurden ihr beide Beine abgetrennt, sie kam in ein psychiatrisches Krankenhaus.

Dorthin kehrte sie am Tag vor der Tat nicht zurück, sondern blieb bei Freunden. "Es war so eine Aufbruchsstimmung, ich habe geglaubt, ich kann doch ein Leben ohne Füße führen." Dafür wollte sie bei ihrem Adoptivvater einziehen. Zu dritt besuchte man Herwig S., über den die Angeklagte innerhalb von vier Monaten ihre Meinung geändert hat. Jetzt sagt sie, er sei "meine letzte Insel" gewesen, vor vier Monaten war noch von einem frostigen Verhältnis die Rede.

Laut Dagmar S. habe das Opfer ständig mit Polizei und Spital telefoniert, die die Angeklagte schon suchten. Und dann der wesentliche Unterschied: Im ersten Prozess sagte sie, sie sei in die Küche gerollt, habe ein Messer geholt, und dann auf den Mann eingestochen. Nun erzählt sie, das Messer sei schon im Wohnzimmer gelegen, da sie damit zuvor einen Apfel halbiert habe. Ihr Tatmotiv: Sie wollte, dass Herwig S. zu telefonieren aufhöre, ihn aber nur in den Arm stechen wollen. Die Geschworenen glauben ihr das, nicht rechtskräftig: Zwei Jahre teilbedingt wegen Körperverletzung. (Michael Möseneder, DER STANDARD, 12.6.2013)

Share if you care.