Klopfen an die Pforten der Wahrnehmung

9. Juni 2013, 18:26
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Wiener Festwochen: Christian Marclay und Band spielen in "Everyday" mit Hörgewohnheiten

Wien - Mit seiner Konzert-Performance Everyday, die im Rahmen der Wiener Festwochen ihre Österreich-Premiere erlebte, betreibt Christian Marclay Restlverwertung de luxe. Das ist freilich sehr despektierlich gesprochen, schließlich greift der in Genf aufgewachsene US-Amerikaner zwar einige der beim Hobeln an der 2011 mit dem Goldenen Löwen der Biennale von Venedig ausgezeichneten Filmcollage The Clock gefallenen Späne wieder auf. Er liefert zugleich aber ein eigenständiges Werk, das Seh- und Hörgewohnheiten gewitzt hinterfragt.

Everyday besteht aus einem knapp vierzigminütigen Film, den Marclay aus unzähligen Spielfilmausschnitten zusammengeschnipselt hat, um ihn live mit Veteranen der Jazz-Improvisation musikalisch zu unterlegen. Marclay, in der New Yorker No-Wave-Szene sozialisiert, bearbeitet hierfür die ihm angestammten Plattenteller, während Steve Beresford an Klavier und Elektronik, John Butcher am Saxofon, Mark Sanders am Schlagzeug und Alan Tomlinson an der Posaune ihre dröhnende Pflicht erfüllen.

Das verwendete Filmmaterial besteht großteils aus thematisch gebündelten Szenen, die Erwartungen an bestimmte Geräusche evozieren. Auf eine Serie von Händen, die an Türen klopfen, folgen etwa Aufnahmen von Plattenspielern, welche von Tanzsequenzen abgelöst werden. Die zu einem bereits konservierten Soundtrack gespielte Musik entspricht mitunter den Erwartungen, die mit dem Bildmaterial verknüpft sind, kann diese jedoch ebenso unterlaufen. So kommt es zu einem Zusammenspiel von Film und Musik, vorhergegangener und folgender Szene, Gesamtperformance und Publikum. Das mag auf dem Papier ein überschaubares Spannungspotenzial haben, macht in der Praxis aber richtig Spaß.

Am stärksten fallen dabei die Momente der Extreme aus: wenn die Band plötzlich verstummt und es von der Leinwand nur Kraft der Einbildung des Betrachters lautlos weiterklingt. Und wenn die Musik zu Bildern einer Parade immer lauter anschwillt, bis man überrascht feststellt, dass die leibhaftige Kapelle der Original Hoch- und Deutschmeister gerade in vollem Ornat und bei ebensolcher Betriebstemperatur durch die Halle E des Wiener Museumsquartiers marschiert.

Gekonnt geschnitten, versiert begleitet und mit Schmäh in Szene gesetzt, zeigt Everyday auf angenehm zugängliche Weise, wie ein Kunstwerk mehr sein kann als die Summe seiner Teile. (Dorian Waller, DER STANDARD, 10.6.2013)

  • Volle Dröhnung: Steve Beresford, John Butcher, Alan Tomlinson, Mark Sanders und Mastermind Christian Marclay (v. li.).
    foto: chiellino

    Volle Dröhnung: Steve Beresford, John Butcher, Alan Tomlinson, Mark Sanders und Mastermind Christian Marclay (v. li.).

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