Erdogans wirtschaftliche Achillesferse

Blog4. Juni 2013, 09:26
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Das türkische Wirtschaftswunder basiert auf ausländischem Kapital. Das droht nun auszubleiben

Wie sehr der türkische Premier Tayyip Erdogan durch die Massenproteste politisch geschwächt ist, lässt sich noch nicht abschätzen. Aber ein entscheidender Schwachpunkt seiner Regierung geht in der Berichterstattung meist unter: die Wirtschaft.

Ja, die Türkei hat mehrere Jahre starken Wachstums hinter sich und weist auch große Stärken auf. Das Pro-Kopf-Einkommen und der Wohlstand sind stark gestiegen, die Industrie läuft auf Hochtouren. Aber gleichzeitig weist die Türkei mit sechs Prozent des Bruttoinlandsprodukts das größte Leistungsbilanzdefizit alle Schwellenstaaten auf.

Die Leistungsbilanz gibt im Grunde die Differenz zwischen Exporten und Importen an; ein Defizit kann nur durch Kapitalzufluss aus dem Ausland gefüllt werden. 

Das heißt, ein guter Teil des anatolischen Wirtschaftswunders ist von ausländischem Kapital abhängig. Jedes Jahr muss die Türkei rund 60 Milliarden Dollar an Kapital importieren, um ihre Importe zu finanzieren. Und das kommt nur in kleinem Ausmaß durch Direktinvestitionen ins Land, zum Großteil durch ausländische Käufe von türkischen Aktien und Anleihen.

Von den Eurostaaten weiß man inzwischen, wie riskant ein anhaltendes Leistungsbilanzdefizit sein kann, mehr noch als eine hohe Staatsverschuldung. Und es macht die jetzige politische Krise für Erdogan wirtschaftlich so gefährlich.

Wenn sich ausländische Investoren abwenden, weil die Unsicherheit steigt, hat das dramatische Auswirkungen auf die türkische Wirtschaft. Dann fallen nicht nur die Börsenkurse, sondern auch die türkische Lira. Um fast vier Prozent ist der Wechselkurs im vergangenen Monat zurückgegangen.

Das würde zwar langfristig die türkischen Exporte ankurbeln und damit gegen die hohe Arbeitslosigkeit helfen. Aber zuerst würde das der türkische Mittelstand schmerzhaft in der Geldbörse fühlen. Der Konsum würde zurückgehen, und die vielen Haushalte und Unternehmen, die sich wegen niedrigerer Zinsen in Fremdwährungen Geld geliehen haben, würden in Zahlungsprobleme geraten.

Ein Ende des türkischen Wirtschaftserfolges würde Erdogan und seiner AKP viel von ihrer politischen Legitimität kosten. Natürlich kann die Türkei durch eine solche Krise durchtauchen und sich später wieder gesünder aufrichten, wie etwa Südkorea nach der Asienkrise der 1990er-Jahre. Aber ob Erdogan das politisch übersteht, ist unsicher. (Eric Frey, derStandard.at, 4.6.2013)

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