Rundschau: William Shatner schlägt zurück

    Ansichtssache29. Juni 2013, 10:13
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    Fantastische Trips mit George R. R. Martin, Frank Hebben, Jay Lake, E. C. Tubb, China Miéville und Carlton Mellick III

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    coverfoto: rororo

    Daniel Suarez: "Kill Decision"

    Broschiert, 496 Seiten, € 13,40, rororo 2013 (Original: "Kill Decision", 2012)

    Mit seinem KI-Roman "Daemon", der zunächst nur im Eigenverlag erschienen war, hatte der US-Amerikaner Daniel Suarez 2006 einen Überraschungserfolg gelandet, der dann von einem Imprint der Penguin-Gruppe übernommen wurde. Danach brauchte Suarez für die Fortsetzung "Freedom™" (deutsch: "Darknet") keine Umwege mehr zu gehen. Auch sein drittes Werk, "Kill Decision", ist bei demselben Verleger herausgekommen und zügig ins Deutsche übersetzt worden. "Kill Decision" ist keine weitere Fortsetzung, hat aber einen ähnlichen zeitlichen Hintergrund: Näher an der Gegenwart als an einer Zukunft, die eindeutig das Label "Science Fiction" tragen müsste. Und auch seinem Leib- und Magenthema ist Software-Entwickler Suarez treu geblieben.

    Halb zog er sie, halb sank sie hin

    Tief in den Dschungeln Afrikas erforscht die Biologin Linda McKinney das Schwarmverhalten von Weberameisen. Nicht nur geografisch weit entfernt von der Serie an Terroranschlägen, die die USA in Atem halten, hätte sie sich nie ausmalen können, dass just ihr Forschungsgebiet in den Fokus von Politik, Geheimdienstumtrieben und einer großmaßstäblichen Verschwörung geraten könnte. Dass sie selbst einem Anschlag entgeht, hat sie einem Mann zu verdanken, der sie kurzerhand aus ihrem Camp entführt: "Odin" nennt er sich und führt - ebenso passend wie kinky - zwei Raben namens Hugin und Munin mit sich, die Draht-Headsets tragen.

    Odin arbeitet irgendwie für die US-Regierung und ist ein gänzlich undurchschaubarer Held: Kompromisslos, aber auch ein waschechter demokratischer Idealist - eine Art Jimmy Stewart mit der Lizenz zum Töten. Odin schanghait Linda für sein buntes Einsatzkommando an SpezialistInnen, um sich jenen unsichtbaren Kräften, die die Welt in einen bewaffneten Konflikt treiben wollen, entgegenzustemmen. Gar so schnell funktioniert Teambuilding aber nicht: In einer zumindest von der Idee her realistischen Wendung büxt Linda bei erster Gelegenheit aus ... natürlich nur, um bald danach wieder zu ihren mysteriösen MitstreiterInnen zurückzukehren. Sonst bliebe ja auch die für Verschwörungsthriller offenbar unabdingbare Mann-Frau-Chemie auf der Strecke.

    Dräuende Drohnen

    "Kill Decision" positioniert sich eindeutig in dem Literatursegment, das den inoffiziellen Titel "Michael Crichton" trägt; insbesondere an den Crichton-Roman "Prey" fühlt man sich mehrfach erinnert. Während es dort aber um Schwärme tödlicher Nanomaschinen ging, siedelt Suarez seinen Roman ein paar Größenordnungen darüber an: nämlich bei bewaffneten Drohnen. Genauer gesagt: autonomen bewaffneten Drohnen - also solchen, die selbstständig Entscheidungen über Leben und Tod fällen können. Suarez liefert damit gleichsam den Roman zu einem sehr realen, wenn auch noch kaum beachteten Thema: Die vor kurzem ins Leben gerufene Initiative "Campaign to Stop Killer Robots" versucht eine Konvention gegen die Entwicklung ebensolcher autonomer Waffen zu erreichen (mehr dazu hier).

    Aktueller kann man mit einem Roman also kaum sein. Wieder einmal zeigt Science Fiction eine ihrer Grundeigenschaften, nämlich die der Extrapolation. Verbunden - zumindest in diesem Falle - mit Exploitation. Unter den wüsten Action-Highlights, mit denen der Roman aufwartet, befinden sich unter anderem ein Luftkampf zwischen einer Drohne und einem Fallschirmspringer mit MP, die Belagerung eines Hauses durch einen Schwarm wie in Hitchcocks "Die Vögel" und ein wenig glaubwürdiger Showdown á la "Terminator 3" auf hoher See. Langweilig wird's jedenfalls nicht.

    Alles logo?

    Die Logik bleibt da manchmal auf der Strecke. Warum Linda überhaupt getötet werden sollte, habe ich nicht so ganz verstanden (außer natürlich, dass der Autor sie irgendwie mit Odin zusammenbringen musste). Eigentlich war Linda ja - anders als einige Leidensgenossen drüben in den USA - den Verschwörern, die ihre Forschungsergebnisse abgezapft hatten, gar nicht in die Quere gekommen. Aber bevor man dazu nähere Überlegungen anstellen kann, ist man eh schon wieder mit anderem beschäftigt; Suarez drückt aufs Tempo.

    Zudem wirkt so mancher Drohnen-Einsatz, als wollte man mit einer Rube-Goldberg-Maschine einen Nagel in die Wand schlagen. All das komplizierte autonome Geschwärme, mit Pheromonkontrolle und was nicht allem! Das eine oder andere Mal wären die Verschwörer wirklich besser beraten gewesen, wenn sie stattdessen ein paar gute alte Auftragskiller vorbeigeschickt hätten. Aber gut, man soll den Bösen ja auch keine Tipps geben ...

    Willkommen im Heute

    Gruseliger als jede Schwarmattacke sind die zynischen Kommentare von PR-Experten zu den Fernsehbildern eines Massakers an irakischen Pilgern: "Das versendet sich." Oder: "Das könnte sehr schlecht für die Marke Amerika sein." Ebenso ungemütlich die Streiflichter, die Suarez auf das Big-Brother-Arsenal unserer Tage wirft. Etwa wenn es um die Analyse von Bewegungsmustern ganzer Städte oder das Manipulieren der öffentlichen Meinung (Stichwort: Astroturfing in sozialen Netzwerken) geht.

    Auf seine reißerische Art lebt "Kill Decision" von dem allgemeinen Misstrauen gegenüber öffentlichen Institutionen, das seit dem Zeitalter von "Akte X" zu einem fixen Bestandteil der Populärkultur geworden ist. Aber was wäre seitdem auch schon passiert, um dieses Misstrauen zu mindern?

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