Rundschau: William Shatner schlägt zurück

    Ansichtssache29. Juni 2013, 10:13
    57 Postings

    Fantastische Trips mit George R. R. Martin, Frank Hebben, Jay Lake, E. C. Tubb, China Miéville und Carlton Mellick III

    Bild 2 von 12
    coverfoto: eraserhead press

    Jeff Burk: "Shatnerquest"

    Broschiert, 170 Seiten, Eraserhead Press 2013

    Vier Jahre ist es nun schon her, dass Bizarro-Autor Jeff Burk mit "Shatnerquake" entzückt hat: Einem irrwitzigen popkulturellen Wirbelsturm, worin dem Ein-Mann-Konzern William Shatner sein Lebenswerk buchstäblich ins Gesicht springt, nachdem eine "Fiktionsbombe" seine diversen Rollen zum Leben erweckt hat. Offenbar ist Burk danach nicht nur die befürchtete Klage Shatners erspart geblieben. Das Buch hat sich auch zum Überraschungserfolg gemausert und sich so gut verkauft, dass Burk die  - ursprünglich nur scherzhafte - Ankündigung eines Sequels nun wahr gemacht hat.

    Die Frage, die sich damit naturgemäß stellt, lautet: Wird "Shatnerquest" den Weg der meisten Sequels gehen: Also größer, aufwändiger, bombastischer ... und nicht so gut wie das Original sein? Die Antwort lautet kurz gesagt: ja. Aber zum Glück sind wir von hohem Niveau gestartet.

    Die Kanon-Apokalypse

    Erneut befinden wir uns auf einer SF-Convention, als die Apokalypse losbricht - stilgerecht angekündigt durch eine Lautsprecherdurchsage Majel Barretts, Gott hab sie selig. Die drei Geeks Benny, Gary und Janice können sich gerade noch so aus den Trümmern des Convention-Centers retten und stehen angesichts des Weltuntergangs vor der Frage: Was jetzt? Gary gibt die einzig logische Antwort: "Let's fucking save William Shatner. If we don't save him who will?"

    Also brechen sie in Begleitung von Bennys übergewichtiger Katze Squishy zu einem transkontinentalen Road-Trip auf. Alle vier in Star-Trek-Uniformen, auch die Katze (Squishy sollte man übrigens nicht als bloßes Accessoire betrachten, da wird's noch einen großen Heldenauftritt geben). Unterwegs treffen sie unter anderem auf Klingonen-Biker, Borg-Zombies, diverse Kaijū, Tribbles und einen Star-Trek-Kult mit dem falschesten Captain Kirk, den man sich nur denken kann.

    Am Ziel widerfährt ihnen dann das, was beim Szenario "Fan trifft Star" so oft vorprogrammiert ist: Eine riesengroße Enttäuschung. Wortwörtlich in diesem Fall. "So William Shatner's turned into a giant and is rampaging across the city," said Janice. "This is unexpected." Ein wunderschönes Understatement und kein Spoiler, denn Cover und Klappentext ("There actually is something even bigger than William Shatner's ego. And it is ... William Shatner") kündigen ja schon vorab an, was uns erwarten wird: Nichts Geringeres als Shatzilla!

    Die Rettung liegt im Fantum

    Jeff Burk greift all die Plot-Elemente auf, aus denen sich eine Apokalypse-Geschichte so zusammensetzt. Die Rettungsmission mit Hindernissen. Die Bedrohung durch Gangs und Warlords, die nach dem Weltuntergang aus ihren Löchern gekrochen kommen. Und der Versuch, letzte Bastionen der Zivilisation zu bewahren. In diesem Fall eine Kolonie von Steampunks - gar nicht so abwegig gedacht, immerhin gibt es innerhalb der Tinker-Subkultur einen starken Zug von "Wir bereiten uns auf den großen Zusammenbruch vor". Allerdings konnte niemand damit rechnen, mit brennenden Tribbles attackiert zu werden ...

    Flashbacks bringen uns die Hauptfiguren näher: Benny, der als Game-Entwickler nicht an seinen Debüterfolg anknüpfen kann und die soziale Leiter nach unten klettert. Der drogensüchtige Gary, der Slash-Fiction schreibt und glaubt, dass Kirk zu ihm aus dem Fernseher spreche. Und Janice, die für eine Beziehung mit einem Banker ihre sorgsam aufgebaute Nerd-Sammlung geopfert hat. Sie alle fanden im Comic-Laden Brave Nerd World einen sicheren Hafen - selbst Streunerin Squishy, die ohne die Fastfood-Abfälle der Comic-Fans verhungert wäre.

    Burk schreibt, er habe aufgrund persönlicher Erfahrungen die seelenheilende Wirkung der Vernetzung mit anderen Geeks darstellen wollen. Und das drückt sich in "Shatnerquest" nicht nur in den Lebensgeschichten der Hauptfiguren aus. Der Roman ist im Grunde eine einzige Rundreise durch Fankulturen. Und selbst wenn manche davon ins Aberwitzige verzerrt sind, kommt man doch nicht umhin zu bemerken, dass offenbar niemand die Apokalypse überlebt hat, der nicht irgendwie "fannish" wäre. Wer ist jetzt der Mainstream? Ha!

    Resümee

    "Shatnerquest" hat schon so seine Momente. Gegen Ende, wenn sich endlich die Titelfigur wieder mit brachialer Gewalt in den Mittelpunkt rückt, knüpft es sogar an die Qualitäten von "Shatnerquake" an, das Burk im Vorwort zu Unrecht als silly little book abgetan hat. Geplant oder nicht geplant - geschaffen hatte er damit ein Stück Metafiktion, dessen Tempo und Unterhaltungswert fast überschatteten, wie klug es eigentlich war.

    Im letzten Abschnitt samt großartigem Showdown kommt die Fortsetzung dem nahe. Davor wirkt sie bei allem Witz über weite Strecken doch eher beliebig in dem, was so passiert. Zumindest ist "Shatnerquest" aber eine gute Alternative zum Phantastik-Humoristen A. Lee Martinez. Und zum Genreparodien-Output à la "Der kleine Hobbnix" oder gar "George R.R. Marzahn: Das Lied von Eis und Schlagsahne" erst recht. 

    weiter ›
    Share if you care.