Rundschau: William Shatner schlägt zurück

    Ansichtssache29. Juni 2013, 10:13
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    Fantastische Trips mit George R. R. Martin, Frank Hebben, Jay Lake, E. C. Tubb, China Miéville und Carlton Mellick III

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    coverfoto: panini

    China Miéville & Mateus Santolouco: "Dial H. Volume 1: Into You"

    Graphic Novel, broschiert, 168 Seiten, DC Comics 2013 

    Ungefähr um diese Zeit im Jahr steht normalerweise der neue Roman von China Miéville ins Haus. Auf Deutsch der, der ein Jahr zuvor im Original veröffentlicht wurde und in aller Regel jetzt auf diversen Literaturpreis-Shortlists stünde. Und auf Englisch schon der nächste. Heuer gibt's da einen Knick. Vom bislang letzten Roman "Railsea" (2012) ist seltsamerweise immer noch keine Übersetzung in Sicht - und das, obwohl es vermutlich der am leichtesten verständliche Miéville-Roman seit langem ist. Dass aber auch englischsprachige LeserInnen vorerst in der Warteschleife hängen, liegt an Miévilles neuem Comic-Engagement. Es ist nicht das allererste Mal, dass der Brite eine Story für ein Comic geschrieben hat, aber das erste Mal, dass er gleich eine ganze Serie produziert.

    Dial: R for Relaunch

    Und da hat sich der notorische Freigeist auf was eingelassen. Denn viel stärker kann man gar nicht in einen vorgegebenen Rahmen eingebunden sein, als wenn man einen Teil zum unüberschaubar gigantischen Universum des Superheldencomic-Verlags DC, Heimat von Superman und Batman, beitragen soll. Nur ganz kurz zur Orientierung: Unter dem Emblem "The New 52" hat DC vor zwei Jahren wieder mal einen Relaunch durchgeführt und seine diversen altgedienten Superhelden-Serien in ein neues, hoffentlich stimmiges Gesamtschema gepresst.

    Das knirscht jetzt schon an allen Ecken und Enden, aber so ist das eben, wenn so viele verschiedene AutorInnen über Jahrzehnte hinweg mit denselben Figuren herumspielen. Auf Widersprüche folgen Kontinuitätsbrüche und Relaunches (Stichwort "Crisis on Infinite Earths"), darauf neue Widersprüche, 180-Grad-Volten ... und letztlich ist nach der "Vereinfachung" alles noch komplizierter als vorher. Näher darf man sich damit gar nicht auseinandersetzen, sonst wird man komplett narrisch. Wenn Disney demnächst seine Version von "Star Wars" vorlegt, ist ein ähnlicher Effekt zu erwarten: Bin mal gespannt, wie nahtlos die ihre Produktionen in den nicht minder ausgetüftelten Kanon der Wookieepedia einfügen werden.

    Das Ding

    "Dial H" basiert auf dem 60er-Jahre-Comic "Dial H for Hero", das später noch zwei kurzlebige Neuversionen erlebte und stets ein wenig im Abseits stand. Was für Miéville ein ungleich größeres Maß an schöpferischer Freiheit bedeutete, als wenn er sich Batmans angenommen hätte - und er hat diese Freiheit genutzt. "Dial H" hat sich in der seit 2012 laufenden Ausgabe rasch den Ruf erworben, exzeptionell bizarr zu sein (zumindest für DC-Verhältnisse). Der Meister des New Weird wird seinem Ruf also wieder mal gerecht.

    In Littleville, einer Stadt im Niedergang, lebt der Slacker Nelson Jent: arbeitslos, allein, verwahrlost und verfettet. Bis sein bester Kumpel von einer Gang zusammengeschlagen wird, Nelson ohne Handy dasteht und in einer der letzten Telefonzellen Hilfe rufen will. Womit wir auch schon beim Grundkonzept der ganzen Serie angekommen wären: Wer auf dieser ganz speziellen Wählscheibe H wie Held eingibt, wird flugs selbst in einen verwandelt. Leider nur kurzfristig und anscheinend ganz nach dem Zufallsprinzip, in welchen ... aber alle, die im Repertoire stehen, haben es in sich.

    Die bizarrsten Superhelden und -schurken aller Zeiten

    China Miéville hat "Dial H" als celebration of the superherogenerative drive bezeichnet. Als bekennender Fan der Original-Serie frönt er ungehemmt der kindlichen Lust, sich ständig neue und möglichst originelle Superhelden auszudenken. Boy Chimney ist eine dämonische Vogelscheuche mit Zylinderhut, aus dem erstickender Rauch strömt, Cock-a-Hoop eine lächerliche (aber effektive) Mischung aus Kampfhahn und Hula-Reifen, Ctrl+Alt+Delete anthropomorpher Elektrosmog mit einem Computerbildschirm als Kopf - der Fantasie wurden hier keinerlei Grenzen gesetzt. Weiters wurden im Getümmel unter anderem eine Superheldin mit Badezimmerarmaturen am Körper und eine Schurkin, die wie ein menschliches Schweizermesser aussieht, gesichtet. Ein paar Impressionen dazu finden sich hier (und jede Menge weitere auf Tumblr). Surrealismus und hohes Tempo knallen aufeinander: Zeichner Mateus Santolouco hatte alle Hände voll zu tun, der überbordenden Fantasie seines Autorenpartners gerecht zu werden.

    Miévilles fulminanter Umgang mit Sprache, der seine Romane kennzeichnet, kommt im Comic-Format nur sehr eingeschränkt zur Geltung. (Immerhin gibt es hübsche Wortspiele: zum Beispiel eine blitzeverschleudernde Kämpferin mit Schmollmund namens ElectroCutie.) Dafür dürfen wir eine seiner bizarren Fantasiewelten endlich einmal wirklich sehen. Und Vieles daran wird Miéville-LeserInnen vertraut erscheinen: Mensch-Maschine-Verschmelzungen, anachronistische Stil-Mixturen oder abstrakte Konzepte, die körperliche Gestalt annehmen. Einmal etwa gilt es gegen Abyss in den Kampf zu ziehen, das denkende und handelnde Nichts, dem nur andere Nichtse gefährlich werden können: Some people on my world think the whole of our universe is just the effluent of nihils' predation on each other ... that we live in the crumbling coprolite of nul-eat-nul. Das ist Miéville pur.

    Bekanntes und Vermisstes

    "Dial H" trägt teilweise parodistische Züge; am deutlichsten werden diese in Teil 6, der sich auch optisch abhebt: Während Santolouco auf giftfarbene Düsternis setzt, führt uns Gastzeichner David Lapham optisch ins Silver Age zurück (siehe hier). In dieser Episode ist Nelson dazu gezwungen, daheim zu bleiben, weil ihn die Wählscheibe zum politisch inkorrekten Abziehbild eines Klischee-Indianerhäuptlings gemacht hat. So kannst du heute nicht mehr auf die Straße gehen, da helfen alle Superkräfte nichts. Hilflos muss Nelson seine Zeit vor dem Fernseher absitzen ... und mitansehen, wie sein mit der Verwandlung mitgeliefertes Flügelross im Alleingang eine Geiselnahme beendet, indem es die Verbrecher im wahrsten Sinne des Wortes zuscheißt. Das ist schwer zu überbieten - für mich das absolute Highlight des Bands.

    Miéville agiert also durchaus subversiv, ganz wie man es von ihm gewohnt ist. Aber nur in Bezug auf die Mechanismen des Genres. Politische Subversion - eigentlich einer der wichtigsten Grundzüge in Miévilles Schaffen - sucht man hier leider vergeblich; vermutlich ist DC dafür auch nicht die geeignetste Umgebung. Stattdessen dreht sich alles um Themen wie Identität und Selbstfindung - schön auf den Punkt gebracht in einer Sequenz, in der Nelson kein neues Alter Ego anwählen konnte und sich kurzerhand mit einer schlechten Entschuldigung von Kostüm und dem Mut zur Tat in den Einsatz begibt, ganz er selbst. Allerdings sind Identitätskrisen auch genau das Thema, das Superhelden-Comics ohnehin seit Jahrzehnten abgrasen. Dem wird hier nichts wirklich Neues hinzugefügt, es sieht nur schriller aus.

    Fortsetzung folgt

    Ein paar Worte noch zur Ausgabe: Dieser Band ist keine abgeschlossene Erzählung, sondern die Zusammenfassung der ersten sieben Hefte der Serie (eine deutschsprachige Ausgabe des Sammelbands ist übrigens zeitgleich mit der amerikanischen bei Panini erschienen). Jedes Original-Heft endet(e) mit einem Cliffhanger, dementsprechend steht man am Ende des Bands natürlich ebenfalls vor der Frage, wie's weitergeht. Und um das Ganze noch ein bisschen komplizierter zu machen, ist nach den Teilen 1 bis 6 eine "Zero Issue" angefügt, die die fortlaufende Handlung unterbricht und eine davon abgetrennte Vorgeschichte enthält (inklusive eines bedeutsamen Plot-Twists übrigens).

    Das mag jetzt manchen verschrecken, der lieber eine Geschichte mit Anfang und Ende hätte. Zum Trost sei gesagt, dass bereits ein Auslaufen der Serie beschlossen wurde. Das ist zwar eigentlich eine schlechte Nachricht - andererseits ermöglicht es dem Autor wenigstens, ein befriedigendes Ende zu konzipieren. Und dann kann er sich auch wieder dem Romaneschreiben widmen, denn für seine Bücher ist "Dial H" trotz hohen Unterhaltungsfaktors letztlich doch kein ausreichender Ersatz.

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