Türkisches TV auf Linie

Blog2. Juni 2013, 19:51
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Die Nachrichtensender in der Türkei berichten nur eingeschränkt über die Protestbewegung in Istanbul und anderen Städten. Die offensichtliche Hörigkeit gegenüber der Regierung finden auch AKP-Wähler befremdlich

Halb neun am Abend im Istanbuler Stadtteil Kadiköy, zugegebenermaßen nicht eben eine Hochburg der regierenden AKP: Einer packt einen Topf aus der Küche, geht ans Fenster und fängt an, mit einem Löffel darauf zu schlagen. Fünf Minuten später sind die Nachbarn mit dabei, in allen Straßen wird gehämmert und geklingelt, die Passanten unten applaudieren. Eine halbe Stunde geht das so. Ein kollektives Nein zu Regierungschef Tayyip Erdogan und den Polizeitruppen. Im türkischen Fernsehen sieht man das nicht, weder bei den großen Nachrichtensendern NTV, CNN-Türk und Habertürk noch beim Staatsfernsehen TRT. Es kommen auch keine Demonstranten zu Wort. 

Die Hörigkeit der Sender - bei den Zeitungen sieht es sehr viel besser aus - inmitten der größten gesellschaftlichen Mobilisierung seit Jahren ist das eine, was die breite Masse der Türken verstört, auch jene, die Erdogans konservativ-muslimische Partei wählen. Tierfilme, historische Sendungen, anrührende Reportagen aus dem Gazastreifen oder eine linkisch anmutende Diskussion über die Bedeutung des Umweltschutzes anschauen zu müssen, während Zehntausende auf den Straßen sind, steckt niemand einfach weg.

Der Stopp des öffentlichen Verkehrs in Istanbul, je nach Einfall des Gouverneurs und der Regierung, um die Bürger in ihrer Beweglichkeit zu behindern, ist der andere schwerwiegende Eingriff in den Alltag, der AKP-Wähler und Oppositionsanhänger gleichermaßen trifft.

Die Fernsehsender haben nach der Taksim-Schlacht am vergangenen Freitag einiges zum Abschreiben beim Inventar. Wenigstens drei Sendewagen mussten Techniker und Journalisten wegen der wütenden Proteste der Demonstranten über die manipulierten Berichte Hals über Kopf aufgeben. In der Nacht zum Sonntag zerlegten enragierte Männer dann nach und nach die Wagen, rissen die Türen heraus, schlugen die Scheiben ein und kippten das eine oder andere Mobil um. Mannschaftswagen der Polizei und einem Bus der Stadtverwaltung erging es ebenso. 

Polizei war weit und breit nicht zu sehen, zumindest nicht in Uniform. Dass der Staat so einfach den zentralen Platz der Stadt räumt, ist allerdings kaum denkbar. Beamte in Zivil sind wohl vor Ort und - so glauben zumindest viele der Leute im Gezi-Park und auf dem Platz - auch Provokateure im Dienst der Polizei, die möglicherweise gar die Sendewagen demolierten und auch die Baracken der Bauarbeiter in Brand setzten (die Demonstranten brachten Wasser).

Nachrichten über die Protestbewegung werden deshalb auf Halk TV angesehen, bis 2011 offiziell ein Sender im Besitz der sozialdemokratisch-nationalen CHP, mittlerweile auch auf Kanal D, vor allem aber von Demonstranten über das Internet verbreitet. Einen Liveblog von den Protesten auf dem Taksim und den Background zum Umbau bietet zum Beispiel mashallahnews. Regierungschef Erdogan hat in den weidlich ausgebreiteten Interviews und Reden am Wochenende schon erklärt, was man zum Beispiel von den Meldungen auf Twitter halten muss: "Alles Lügen." (Markus Bernath, derStandard.at, 2.6.2013)

  • Junge Demonstranten in der Nähe des Taskim-Platzes schreiben Nachrichten auf Facebook und Twitter.
    foto: markus bernath

    Junge Demonstranten in der Nähe des Taskim-Platzes schreiben Nachrichten auf Facebook und Twitter.

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