Wissen, Ahnungen und Träume der Kunst

30. Mai 2013, 17:45
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Der Biennale-Ausstellung im Zentralpavillon in den Giardini und im Arsenal hat deren künstlerischer Leiter Massimiliano Gioni das Motto "Il Palazzo Enciclopedico" gegeben

Ab 1. Juni ist sie öffentlich zugänglich.

Alle aktuelle Weltkunst auf einem Kunstplatz: Vermutlich ist die Idee der Biennale von Venedig ebenso absurd und größenwahnsinnig wie Marino Auritis Traum von einem Museum des Weltwissens. Spannend aber sind die vielen Wege und Versuchsanordnungen, die zum Traumziel führen könnten, die vielen Möglichkeiten des Irrens und Ver(w)irrtseins inklusive. Davon handelt die diesjährige internationale Biennale-Ausstellung im Zentralpavillon und im Arsenal.

Massimiliano Gioni, diesjähriger künstlerischer Biennale-Leiter, ist mit seinem megalomanischen Ausstellungskonzept ein hohes Risiko eingegangen, ein deutlich höheres als viele seiner unmittelbaren Vorgänger. Er hat sich für die 55. Ausgabe der Urmutter aller Biennalen, die 1895 im Geiste der Weltausstellungen gegründet wurde, nicht auf kunstmarkttaugliches Namedropping eingelassen, kein "Director's Choice der Superstars", wenngleich natürlich auch viele prominente Künstlernamen auftauchen - vielleicht sogar nicht immer mit ihren besten Arbeiten.

Allerdings wird ihre Prominenz immer relativiert durch ihre unmittelbaren, mitunter provokanten Nachbarschaften: Kunst von Autodidakten, Schamanen, Shakern und, ja, auch Spinnern. Großartig vieles, medioker einiges, banal manches. Einige Positionen werden unmittelbar nach der Biennale wohl wieder im Dunkel der Vergessenheit verschwinden, einige sogar noch schneller - die Geschichte enzyklopädischen Wissens ist eine Geschichte des Scheiterns. So wie auch der Anspruch, die einzig wahre, allumfassend richtige Ausstellung zu machen, misslingen muss. Das so deutlich zu formulieren erfordert kuratorischen Mut. Und das Bekenntnis zu Pathos und Kitsch. Und enormer Dichte.

Welt der inneren Bilder

Die rund 2000 Werke im Zentralpavillon, die Gioni wie einen Zickzackkurs durch Jahrhunderte, eine Assoziationskette durch künstlerische Gedankenwelten angeordnet hat, beschäftigen sich vornehmlich mit dem, was Hans Beltin mit "inneren Bildern" beschreibt - jenen Räumen, die sich eröffnen, wenn die Augen geschlossen sind: Träume, Fantasien, Visionen, Utopien. Stimmig daher gleich unter der Eingangskuppel, als Auftakt, C. G. Jungs Das rote Buch. Zu Lebzeiten hielt der Erfinder der aktiven Imagination seine Traumzeichnungen streng geheim, aus Angst, sie könnten seine wissenschaftliche Glaubwürdigkeit untergraben.

Maria Lassnig, die am Samstag mit dem Goldenen Löwen für ihr Lebenswerk ausgezeichnet wird, malt ihre Körperbewusstseinsbilder zumeist mit geschlossenen Augen. Während der großen österreichischen Malerin ein Raum im Raum gewidmet ist, müssen die schlichten, edlen Skulpturen Walter Pichlers (1936-2012) unglücklicherweise die singenden und chantenden Living Sculptures des Briten Tino Sehgal ertragen. Oder die welterklärenden Zeichnungen des Esoterikers und Philosophen Rudolf Steiner, die wie eine Art frühe Powerpoint-Präsentation Steiners mehr als 5000 Vorlesungen bebildern.

Eine Entdeckung unter vielen: 387 Modellhäuser - von Einfamilien- und Bauernhäusern über Tankstellen bis zu Kirchen -, die ein österreichischer Versicherungsbeamter namens Peter Fritz aus Karton gebastelt hatte; die beiden Künstler Oliver Croy und Oliver Elser haben sie in einem Altwarengeschäft aufgestöbert und zu einer Art architektonischer Enzyklopädie geordnet.

Während also im Zentralpavillon über das Unsichtbare, über die Selbsterfahrung durch innere Bilder nachgedacht werden kann, liegt der Fokus im Arsenal auf dem Sehen, dem Sichtbaren: auf der Sehnsucht, die Welt durch Bilder zu sehen und zu verstehen. Es ist - mit mehr als 4500 (zumeist zeitgenössischen) Kunstwerken - eine in jedem Wortsinn dichte Bilderreise, beginnend bei Auritis enzyklopädischem Palast.

Architektin Annabelle Selldorf hat die riesige Industriehalle des Arsenals in intime Kunst- und Wunderkammern unterteilt. Neben Videokunst, Objekten und raumgreifenden Installationen (etwa von Cindy Sherman, Matt Mullican oder Pawel Althamer) finden sich minimalistische Entdeckungen wie die des 41-jährigen US-Amerikaners Wade Guyton oder der Inderin Prabhavathi Meppayil, aus deren monochromen weißen Bildflächen Kupfer- oder Goldfäden zart durchschimmern. Bilder, sagte der Renaissance-Gelehrte Leon Battista Alberti, sind Töchter unserer Sehnsüchte. Wir machen sie, um das Abwesende in die Gegenwart zu holen.

Vielleicht ist Massimiliano Gionis Ausstellung ja gar keine richtige Biennale. Gelungen ist ihm aber jedenfalls ein spannendes, temporäres Museum der überraschenden (Kunst- und Menschheits-)Geschichten.   (Andrea Schurian aus Venedig, DER STANDARD, 31.5.2013)


Über Marino Auritis "Palazzo Enciclopedico"

1955 beantragte ein unbekannter Künstler ein US-Patent für ein imaginäres Museum, das alles Wissen der Welt beherbergen sollte. Marino Auriti, so hieß der aus Italien eingewanderte Autodidakt, wurde 1891 in einem kleinen Dorf in den Abruzzen geboren. Als deklarierter Antifaschist emigrierte der gelernte Automechaniker in den 1920er-Jahren in die USA und gründete eine Autokarosserie – und eine Bilderrahmenwerkstatt. 

Und er malte, vor allem Reproduktionen alter Meister. Allerdings stellte er zu Lebzeiten nur zweimal aus: in einer Bank und in einer Geschäftsstraße.

Aus Holz, Metall und Plastik(kämmen) baute Auriti schließlich ein 136-stöckiges Modell für den Wissenspalast und erläuterte in einem umfangreichen Begleittext seine Vision eines Museums, das die größten Errungenschaften der Menschheit beherbergen sollte. Wäre das Gebäude, wie Auriti hoffte, in Washington D. C. realisiert worden, wäre es mit mehr als 700 Metern Höhe das damals höchste Gebäude der Welt gewesen und hätte sich über 16 Häuserblocks erstreckt.

Nun ist Auritis "Palazzo Enciclopedico" als Leihgabe des New Yorker Folk Art Museum im Arsenal ausgestellt. (asch, DER STANDARD, 31.5.2013)

Weitere Beiträge zur Biennale 2013:

  • Verwirren und entwirren - Ein erster Rundgang: Deutschland und Frankreich haben ihre Pavillons getauscht, und Mathias Poledna überrascht als Vertreter Österreichs mit einem aufwändig produzierten Zeichentrickfilm
  • "Ich hoffe, ich habe eine Zukunft" - Massimiliano Gioni, jüngster künstlerischer Leiter in der Geschichte der Biennale, im Interview über das diesjährige Motto und seine Ansprüche an Kunst

Bis 24. 11.

  • Marino Auritis "Palazzo Enciclopedico", umrahmt von Fotos der Nigerianerin Okhai Ojeikere.
(Ausführlicher zum "Palazzo Enciclopedico" siehe Artikel unten.)
    foto: anna blau

    Marino Auritis "Palazzo Enciclopedico", umrahmt von Fotos der Nigerianerin Okhai Ojeikere.

    (Ausführlicher zum "Palazzo Enciclopedico" siehe Artikel unten.)

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