Eine Lady am Riff

30. Mai 2013, 16:50
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Die Unesco sorgt sich ums Great Barrier Reef. Berechtigt, wie das südlichste Atoll zeigt. Sein Ökosystem war kaputt, wurde aber teilweise repariert

Die Propeller brummen um eine Oktave tiefer, dann setzt das Sportflugzeug auf. Die Landebahn von Lady Elliot Island ist eine grüne Wiese im weißen Korallensand, die immer zu Mittag gemäht und jeden Samstag zum Cricketspielen benutzt wird. Einen Terminal gibt es nicht auf dem südlichsten Atoll des Great Barrier Reef. Das Gepäck wird direkt ins Lady Island Resort neben der Piste verladen.

Robert Thomas, der Hotelmanager, empfängt uns ohne Floskeln und fragt als Erstes: "Wer will heute Abend Champions League schauen?" Rob ist gebürtiger Neuseeländer, seit fünf Jahren auf der Insel, und wer ihn oberflächlich mustert - eine stilisierte Haifischflosse um den Hals, in Bermuda-Shorts, die langen Haare unterm Baseball-Kapperl versteckt -, könnte glauben, er wäre zum Surfen hergekommen. Doch der 29-jährige Sunnyboy hat einen verantwortungsvollen Job am australischen Riff.

Manchmal ist er schon um vier Uhr früh auf den Beinen, um Erste Hilfe zu leisten. Wenn sich ein Urlauber beim Tauchen verletzt, muss er Hand anlegen, denn einen Arzt gibt es nicht auf der Insel. Nur wenn es ganz schlimm kommt, muss der Patient zum Festland geflogen werden. Normalerweise bereitet er aber einfach nur Buchungen vor: Um acht Uhr kommt der erste Flieger, an diesem Tag sind es insgesamt fünf. Auf die Insel dürfen nie mehr als 150 Hotelgäste und maximal 100 zusätzliche Tagesgäste.

Lady Elliot Island setzt seit Jahren gezielt auf Öko-Tourismus. "Weniger ist mehr" scheint die Devise zu lauten. Die Unterkünfte sind spartanisch ausgestattet, der Wasser- und Energieverbrauch wird aufs Nötigste reduziert. Eine Solaranlage liefert 70 Prozent des Strombedarfs, und mithilfe eines Wind- und eines Gezeitenkraftwerks soll die Insel bald völlig energieautark werden. Die Bemühungen auf der Insel wurden bereits mit dem Label "Ecotourism Australia" honoriert, doch Australien selbst steht momentan nicht gerade als Galionsfigur für ein grünes Gewissen da.

Erst Anfang Mai 2013 hat die Unesco die australische Regierung erneut daran erinnert, das Great Barrier Reef doch etwas engagierter zu schützen. Die bisherigen Maßnahmen würden nämlich nicht ausreichen, um das Korallensterben zu stoppen, das in den vergangenen 30 Jahren rund die Hälfte des Riffs erfasst hat. Würden die Schäden durch Tourismus, Kohle- und Gasabbau künftig nicht effizienter begrenzt, sähe sich die Unesco veranlasst, den Status als Weltnaturerbe in einen Eintrag auf der Liste gefährdeter Welterbegüter abzuändern.

Guano und das Gleichgewicht

Tatsächlich bilden Flora und Fauna auf Lady Elliot Island ein sensibles Ökosystem, das leicht aus dem Gleichgewicht gerät. Im 19. Jahrhundert wurde auf der Insel in großem Stil Guano-Mining betrieben. Guano ist ein feinkörniges Phosphat, das aus den Exkrementen von Seevögeln entsteht und als Kunstdünger dient. Allein durch dessen Abbau verlor die Insel einen Meter an Höhe. Die Gänse, die hier von früheren Siedlern mitgebracht wurden, fraßen überdies das wenige und zarte Gras. Als Folge verschwand die gesamte autochtone Vogelpopulation.

1966 wurde auf Lady Elliot Island schließlich ein Aufforstungsprogramm gestartet - das Atoll konnte sich langsam vom Raubbau an der Natur erholen. Mittlerweile sind die Vögel zurückgekehrt - zur Paarungszeit sind es über 100.000. 1985 eröffnete dann das Lady Elliot Eco Resort, dessen Betreibern bis heute viel daran liegt, das Bewusstsein für die Biodiversität zu schärfen. So wird man hier bei Ebbe durch die Lagune geführt, um etwa die Weihnachtsbaumwürmer - kleine Wunderwesen in Grün, Gelb und Orange, die tatsächlich die Form einer Tanne haben - zu bestaunen. Und das Korallenriff, bekommt man bei dieser Gelegenheit erzählt, sei halt nicht nur das bunte Kinderzimmer der Fische, sondern wirkt durch die Einbindung in den Kohlenstoff-Kreislauf auch als wichtiger Klimastabilisator. Nur wenn das Riff wirklich intakt ist, funktionieren die gesamte Nahrungskette und das Ökosystem.

Das betrifft auch etliche Arten der Meeresschildkröte, die hier mitunter bis zu 140 Zentimeter groß, 200 Kilogramm schwer und über 100 Jahre alt werden. Für sie stellt Lady Elliot eines der wichtigsten Habitate im gesamten Great Barrier Reef dar, an dessen Korallen sie vorsichtig knabbern. Jedes Jahr zwischen November und März kehren die Reptilien zur Brutzeit zurück, ihre Eier vergraben sie immer an derselben Stelle. Doch ihre Anzahl ist im gesamten Riff und in den vergangenen 40 Jahren schon um rund 80 Prozent geschrumpft.

Das heute wieder weitgehend intakte Ökosystem von Lady Elliot ist gerade einmal 40 Hektar groß, man kann die Insel in einer halben Stunde umrunden. Rob scherzt, das sei so klein, dass es dafür im Fernsehen nicht einmal eine offizielle Wettervorhersage gebe. Aber der einzige Apparat der Insel wird eh nur aufgedreht, wenn Fußballfans da sind. (Adrian Lobe, DER STANDARD, Rondo, 30.5.2013)

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    Nur rund um die südlichen Atolle des Great Barrier Reef - so auch um Lady Elliot Island - genießt das Weltnaturerbe bereits die höchste Schutzstufe.

  • Anreise & Unterkunft
Flug von Wien nach Brisbane zum Beispiel mit Emirates via Dubai. Von Hervey Bay oder Bundaberg mit Seair Pacific weiter nach Lady Elliot Island - nur zehn Kilogramm Gepäck sind erlaubt! Unterkunft: Lady Elliot Island Eco Resort, ab 131 Euro pro Person im Doppelzimmer, Vollpension; beste Reisezeit: von April bis Oktober. Regionale Informationen bei Tourism Queensland
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    Anreise & Unterkunft

    Flug von Wien nach Brisbane zum Beispiel mit Emirates via Dubai. Von Hervey Bay oder Bundaberg mit Seair Pacific weiter nach Lady Elliot Island - nur zehn Kilogramm Gepäck sind erlaubt! Unterkunft: Lady Elliot Island Eco Resort, ab 131 Euro pro Person im Doppelzimmer, Vollpension; beste Reisezeit: von April bis Oktober. Regionale Informationen bei Tourism Queensland

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