Wie der Crashtest die Bankenkrise verhindern soll

28. Mai 2013, 19:18
1 Posting

Regelmäßige Stresstests sollen den großen Crash von Banken zumindest abmildern - Doch wirklich wirksam werden sie erst, wenn Untersuchungen knallharte Folgen zeitigen

Stress kann viele Auslöser haben, wissen Psychologen: physische genauso wie psychische. Doch in der Welt der Hochfinanz sieht der Stress fast immer gleich aus: Geldinstitute, die sich in Zeiten des Booms mit Risiken aller Art vollgesaugt haben, stehen plötzlich vor der Insolvenz. Faul gewordene Wertpapiere, wie exotisch oder banal auch immer, gefährden den Fortbestand von oft altehrwürdigen Instituten.

Seit 2009 befinden sich die weltweit größten Banken im Dauerstress. Nicht nur weil die Finanzkrise zuerst den Bankenmarkt und dann die europäischen Staaten ins Chaos gestürzt hat. Die Europäische Bankenaufsicht EBA ebenso wie die US-Notenbank Fed unterwerfen die Geldhäuser jährlichen "Stresstests". Dabei werden die Banken plausiblen, aber schwerwiegenden "Schocks" ausgesetzt, etwa einem Rückgang von Immobilienpreisen oder einer Rezession. Die Bankenaufseher prüfen dann, wie sich dieser Stress in die Bilanzen übersetzt.

"Die Stresstests sind ein deutlicher Fortschritt gegenüber einfachen statistischen Analysen der finanziellen Gesundheit", befindet Silvia Helmreich, Professorin an der FH des bfi Wien und Leiterin des Studiengangs "Quantita­tive Asset and Risk Management". Sie hat in einem vom Österreichischen Austauschdienst OeAD geförderten Projekt das Stresstesting von Banken und Versicherungen untersucht, mit Augenmerk auf Zentral- und Osteuropa.

Helmreich hält es für wichtig, auch künftig die Bilanzen von Geldinstituten mit Schockszenarien zu testen, um die Kosten von Bankenkrisen zu reduzieren. Zentral sei dabei die Transparenz. Gerade bei den europäischen Stresstests haben die Aufseher große Datenmengen über den Zustand der Banken, ihre Eigenkapitalausstattung und mögliche Risiken auf ihren Websites veröffentlicht: "Transparenz ist sehr wichtig, damit auch die Kunden und nicht nur die Eigentümer wissen, wie es den Banken geht. Basel II fordert in seiner dritten Säule schließlich auch umfassende Offenlegungen. Das soll die Banken erziehen", sagt Helmreich.

Daten gegen die Unsicherheit

Auch der Internationale Währungsfonds, der die Wirtschaftspolitik in vielen Fragen auf globaler Ebene koordiniert, stößt in dasselbe Horn. "Wenn man genug Material zusammen mit den Resultaten eines Stresstests veröffentlicht, kann das die Unsicherheit an den Finanzmärkten reduzieren helfen", so der IWF-Berater Daniel Hardy in einer aktuellen Stellungnahme.

Allerdings kann sich die Transparenz auch als Bumerang erweisen. Wenn ein Bankensystem in der Krise steckt, dann würde die Veröffentlichung von genauen Kennzahlen die Investoren womöglich noch weiter verunsichern. Auch das ist ein Grund, warum etwa die US-Notenbank Fed deutlich weniger Zahlenmaterial bei ihren Untersuchungen öffentlich macht. Aber, so betonen die IWF-Experten, bei Stresstests sollen vor allem künftige Schwachstellen im Finanzsystem aufgespürt werden – genau dazu braucht es Daten.

Bis es in der Eurozone wieder diese wertvollen Daten gibt, wird aber etwas Zeit vergehen. Erst Mitte Mai wurde beschlossen, den nächsten Stresstest ins Jahr 2014 zu verschieben. Dafür müssen sich die Banken dann zweimal hintereinander prüfen lassen. Die Europäische Zentralbank (EZB) übernimmt 2014 offiziell die Aufsicht über die rund 130 wichtigsten Banken in den 17 Euroländern. Bevor es einen Stresstest gibt, wollen die neuen Aufseher die Bücher der Banken gründlich prüfen. Damit soll verhindert werden, dass Altlasten der Geldinstitute vom europäischen Rettungsfonds finanziert werden müssen.

Doch auch die Schwierigkeiten von EU-weiten Verfahren werden immer deutlicher. "Die Finanzierungsstruktur in den einzelnen Ländern ist ganz anders", betont Helmreich. In Großbritannien etwa dominieren Finanzmarktprodukte wie Anleihen, in Österreich und Deutschland hingegen klassische Bankkredite.

Mehr Kapital für Crash-Bank

Bei allen lokalen Unterschieden ist das Ziel der Stresstests aber klar. Die Banken sollen durch die regelmäßige Untersuchung diszipliniert werden. Daher brauche ein guter Stresstest auch Konsequenzen. "Die Stresstests sollen die Banken dazu zwingen, etwas zu machen", sagt Helmreich. Banken, die bei dem Test durchrasseln, sollen auch ihre Kapitalpolster auffüllen, um für künftige Szenarien besser aufgestellt zu sein.

Nach dem EU-weiten Test 2011 etwa wurde den Banken rund ein Jahr Zeit eingeräumt, deutlich strengere Kapitalvorschriften zu erfüllen. Statt der rechtlich gültigen Vorgaben wurden dabei bereits Maßstäbe von Basel III vorgezogen, die erst ab 2019 vollständig gelten sollen. Eine Reihe von wichtigen Instituten haben daher nach der Untersuchung Kapitalerhöhungen angekündigt. "Daher besteht heute schon der Druck, dass Basel III implementiert wird. Das ist gut", befindet Helmreich.

Auch wenn die Stresstests "wohl nicht die nächste Krise verhindern werden", wie Helmreich betont. Die Fülle an Daten, die die Aufseher erheben, wird aber vielleicht ein besseres Bild des Auslösers der nächsten Krise liefern. (Lukas Sustala, DER STANDARD, 29./30.5.2013)

  • Artikelbild
    illu.: der standard
Share if you care.