Zwischen Algenmedizin und Mikrobenstrom

28. Mai 2013, 14:03
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Zu wenige Wissenschafter wagen hierzulande den Schritt zur Unternehmensgründung: Ein Überblick

Die Wissenschaft hat es schmerzlich oft erfahren: Häufig ist eine Idee gut, aber die Welt dafür noch nicht bereit. Deshalb reicht es nicht, ein innovatives Konzept zu haben, um mit einem neugegründeten Unternehmen erfolgreich zu sein. Der Sprung aus dem Labor ins kalte Wasser des Wirtschaftswesens ist eine große Herausforderung. Schließlich ist es ein komplexer Prozess, als kleine Start-up-Firma eine Idee in ein marktfähiges Produkt umzuwandeln. Der Unternehmergeist in Österreich ist aber nicht nur deshalb stark ausbaufähig, wie Innovationsökonomen kritisch anmerken. Es fehlt nicht zuletzt an privatem Risikokapital. Vom Staat kommt Unterstützung unter anderem über die Förderbank Austria Wirtschaftsservice (aws) des Wirtschafts- und Verkehrsministeriums.

Bei Gründungen kommen häufig Personen aus verschiedenen wissenschaftlichen Bereichen zusammen - wie ein oft genanntes Erfolgsbeispiel zeigt: Beim Pharma-Start-up Marinomed aus Wien waren es eine Immunologin, ein Virologe, ein Veterinärmediziner und ein Meeresbiologe. Ihre Idee: Stoffe aus dem Meer zu verwenden, um eine neues Therapeutikum gegen Viren zu entwickeln. So entstand ein Nasenspray, der aus Molekülen der Rotalge gewonnen wird und bei Infektionen im oberen Atmungsbereich angewendet werden kann. Das Projekt wurde von verschiedenen Stellen gefördert. Bei Studien arbeitete man in Wien mit dem Allgemeinen Krankenhaus der Stadt Wien und dem St. Anna Kinderspital zusammen.

Klare Strategie formulieren

"Es gibt in Österreich eine starke Förderbereitschaft im medizinischen Feld. Wichtig für den Erfolg eines Start-up-Unternehmens in diesem Bereich ist, dass es sehr früh für sich ein klare Strategie formuliert," weiß Eva Prieschl-Grassauer, Marinomeds wissenschaftliche Leiterin. Der Nasenspray ist seit 2007 auf dem Markt und inzwischen in 39 Ländern zugelassen. Derzeit arbeitet man daran, den Wirkstoff auch in Form von Lutschtabletten oder als Rachenspray anbieten zu können.

Auch beim Unternehmen Krajete ist die Natur ein wesentlicher Mitarbeiter: Das Linzer Start-up entwickelte eine umweltfreundliche Methode zur Energiespeicherung, bei der sich aus schädlichen Stoffen wie CO2 und Wasserstoff speicherbares Methan machen lässt: Im Mittelpunkt dieser Umwandlung stehen Mikroorganismen vom Typ Archäa. Diese früher Urbakterien genannten Einzeller sind durch ihren Stoffwechsel in der Lage, Schadstoffe in das Gas Methan umzuwandeln, das sich als Kraftstoff nutzen lässt. Firmengründer Alexander Krajete wollte das Unternehmen ursprünglich in Norwegen gründen, wo der promovierte Chemiker beruflich tätig war. Dort jedoch fand er keine Unterstützung. In Österreich startete er 2009 mithilfe erster Förderungen die Entwicklungsarbeit für das Projekt, die Gründung der Firma erfolgte 2012.

Die anfängliche Zurückhaltung vonseiten möglicher Kunden und Investoren ist spätestens seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima, dem Atomausstieg Deutschlands und dem Arabischen Frühling großem Interesse gewichen: Die drei Ereignisse hätten nochmalig vor Augen geführt, wie gefährlich Atomenergie sei und wie fragil der Zugang zu Kraftstoffen wie Öl sein könne, sagt Gründer Alexander Krajete. "Unsere Technologie bietet die Möglichkeit einer autarken Energieversorgung, weshalb dieses Verfahren derzeit gerade dort nachgefragt wird, wo es infrastrukturelle Schwierigkeiten gibt wie in etwa in Teilen Südamerikas."

Batoro Systems in Wien hingegen widmet sich einem Alltagsproblem der westlichen Konsumwelt. Der Kleidungskauf via Internet boomt, jedoch bleibt das Anprobieren für Kunden und Anbieter ein Problem: Niemand kann wissen, ob das Hemd oder die Hose wirklich passen. Durch Rücksendungen entstehen bei den Versandhäusern Kosten - wegen des Mehraufwands für Lager und Logistik.

Das Maßband für Onlinekunden

In Zusammenarbeit mit der TU Graz und dem dortigen Fraunhofer-Institut Visual Computing hat Jürgen Eckstein einen 3-D-Körperscanner konzipiert, mittels dessen sich die genauen Maße des Kunden ermitteln lassen. Auch diesem Projekt halfen von der Geburt der Idee bis zur Marktreife Fördermaßnahmen. Schwierigkeiten hatte Eckstein zu Beginn nur mit den bürokratischen Abläufen: "Unterstützung für das Projekt habe ich schnell gefunden. Um die Anträge aber richtig zu verfassen, musste ich mir Hilfe holen."

Auch die Firma Auphonic will das digitale Leben verbessern. Das Grazer Start-up bietet einen Webservice zur Nachbearbeitung von Audiodateien an. Mit den bestehenden Technologien braucht man ein umfangreiches Anwenderwissen. Mit dem neuen Webservice kann man hochgeladene Audiodateien relativ einfach in professioneller Qualität nachbearbeiten. Vor allem an Podcast-Nutzer hat man bei der Entwicklung gedacht. Es ist auch denkbar, das Programm an Universitäten für die Aufzeichnung von Vorlesungen zu nutzen. An der TU Graz greift man bereits darauf zurück. (Johannes Lau/DER STANDARD, 28. 5. 2013)


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Starthilfe aus der Staatskassa

Start-ups wird in Österreich von mehreren Institutionen unter die Arme gegriffen. So unterstützt das Austria Wirtschaftsservice (aws), die Förderbank des Bundes, Neugründungen im innovativen Bereich.

Etwa durch "PreSeed" werden Konzepte mit bis zu 200.000 Euro gefördert. Mit den Mitteln des Wirtschaftsministeriums wird in erster Linie die wissenschaftliche Vorbereitung einer Neugründung unterstützt. "Seed Financing" wiederum dient dem Aufbau und der Markteinführung eines Unternehmens. Zum Startkapital erhalten geförderte Neugründungen bis zu eine Million Euro, Mittel, die bedingt rückzahlbar sind. Ergänzt wird diese Initiative vom Programm "Management auf Zeit", das mit bis zu 50.000 Euro anfängliche Kosten für externe Beratungen mitträgt. Das Programm "impulse" schließlich hilft Neugründungen im Bereich Kreativwirtschaft mit bis zu 200.000 Euro. Der 2013 gestartete Gründerfonds, eine Initiative von Wirtschafts- und Finanzministerium, stellt mit einem Volumen von 65 Millionen Euro Jungunternehmern Beteiligungskapital zur Verfügung.

Auch die Gründerzentren "Academica plus Business" (AplusB) sollen das Unternehmertum fördern. Dazu sind die acht Zentren an akademischen Einrichtungen angebunden und unterstützen von dort Gründer hinsichtlich Finanzierung, Etablierung und Expansion. In diesem Netzwerk sind fast alle Universitäten Österreichs vertreten ebenso wie zahlreiche Fachhochschulen, sonstige wissenschaftliche Einrichtungen, Förderungsagenturen und Privatunternehmen. Gefördert wird dieses Netzwerk durch Gelder des Verkehrsministeriums über die Österreichische Forschungsförderungsgesellschaft (FFG). (lau)

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Gründerfonds

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