"Energieeffizienz spürt man in der Geldbörse"

24. Mai 2013, 19:15
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Billigenergie zum Ankurbeln der Wirtschaft, wie das die EU-Kommission will, ist für Klaus Töpfer kein taugliches Mittel

Standard: Die Erderwärmung scheint gestoppt; Daten der Nasa belegen, dass sich die Durchschnittstemperatur der bodennahen Luft seit 15 Jahren nicht mehr erhöht hat. Eine gute Nachricht?

Töpfer: Durchaus. Schlecht wäre die Nachricht, wenn sie beitragen würde, damit eine allgemeine Entwarnung zu verbinden. Nun ist zu klären, warum das so ist und welche Konsequenzen zu ziehen sind.

Standard: Kein Zurücklehnen?

Töpfer: Dazu besteht kein Anlass. Ein Ausstieg aus fossilen Energien ist nicht zuletzt aufgrund der Verfügbarkeiten ohnehin notwendig.

Standard: Im September erscheint der nächste Klimareport der Uno?

Töpfer: Es wird jedenfalls nicht drinnen stehen, dass Klimapolitik obsolet ist.

Standard: Die USA haben das Kioto-Protokoll nicht unterschrieben, sind aber in Sachen CO2-Ausstoß erfolgreicher als etwa Deutschland.

Töpfer: Die Amerikaner fördern massiv Schiefergas, gehen weg von der Kohleverstromung. Das bringt erhebliche CO2-Reduktionen. In Europa leiden wir darunter, dass die CO2-Zertifikate aufgrund des Preisverfalls keine Steuerungsfunktion haben. So hängen leider alte Kohlekraftwerke mit hohem CO2-Ausstoß statt moderner Gaskraftwerke am Netz.

Standard: Ist Energie zu teuer?

Töpfer: Die Bürger schauen auf die Stromrechnung, und die setzt sich zusammen aus Preis mal Menge. Durch steuerliche Absetzbarkeit von Investitionen in mehr Effizienz bei Gebäuden ließe sich viel Energie sparen. Das würde man auch in der Geldbörse spüren.

Standard: Die EU-Kommission möchte aber mit billiger Energie die Wirtschaft ankurbeln?

Töpfer: Dass man das jetzt zur Begründung macht, überrascht. Es geht in erster Linie um Effizienz. Energieeffiziente Produkte, wie sie unsere Industrie herzustellen vermag, sind auf dem Weltmarkt gefragt. Würde man keine Rücksicht mehr nehmen auf die Frage, ob unser Handeln Auswirkungen auf die Klimaveränderung hat oder auf soziale Bezüge, dann wäre das eine teure Angelegenheit. Das hat man etwa bei der Kernenergie gesehen.

Standard: Sie rechnen mit keiner Renaissance der Atomkraft?

Töpfer: Nein, weil viel zu teuer. Beim Rückbau etwa stellt sich die Frage, wohin mit den Abfällen, wie sieht es aus mit einem Endlager und vieles mehr. Das sind sehr kostenintensive Investitionen.

Standard: Was muss geschehen, damit die Energiewende doch noch ein Erfolg wird?

Töpfer:Sie muss nur sinnvoll und in Kenntnis der Komplexität der Aufgabe umgesetzt werden.

Standard: Sie haben wiederholt nach einem professionellen Projektmanager gerufen, vergebens.

Töpfer: Das muss man leider so konstatieren. Ich selbst war als Bauminister für den Umzug von Bonn nach Berlin verantwortlich - ein Projekt von 20 Mrd. DM damals. Wir haben auch nicht alles selber gemacht, sondern haben uns von außen Expertise geholt. So konnten wir das Projekt im Zeit- und Kostenrahmen halten. Und das war noch eine vergleichsweise kleine Sache. Ein Unikat wie die Energiewende bedarf aber einer darauf zugeschnittenen Umsetzungsinfrastruktur.

Standard: Und wenn der gesellschaftliche Rückhalt schwindet?

Töpfer: Das sehe ich in Deutschland nicht. Die Anforderung an die Regierung, es effizient umzusetzen, die steigt in der Tat.

Standard: Der Verkehr ist einer der Hauptemittenten von CO2?

Töpfer:Weiter so wie bisher geht nicht, das weiß jeder. Wenn man sieht, wie unsere Städte mehr und mehr im Verkehr ersticken ...

Standard: ... dann ist E-Mobilität auch keine Lösung, das Parkplatzproblem würde bestehen bleiben.

Töpfer: Mit E-Mobilität würde sich aber die Frage der Emissionen anders stellen, sofern der Strom aus erneuerbaren Quellen kommt.

Standard: Wir begeben uns in eine andere Abhängigkeit - weg von Öl und Gas, hin zu Seltenen Erden, die vor allem in China vorkommen.

Töpfer: Die werden derzeit nur in China ausgenutzt, weil andere bestehende Möglichkeiten gar nicht nutzen. Russland zum Beispiel ...

Standard: ... ist nicht in der EU.

Töpfer: Wir können nicht nur das nutzen, was wir in der EU vorfinden, wir wollen unsere Produkte auch verkaufen. Die beste Vorsorge ist, mehrere Quellen zu haben. Derzeit haben wir bei Seltenen Erden in der EU eine Recyclingquote von einem Prozent. Wenn es gelingt, den Kreislauf zu schließen, gewinnen wir viel.

Standard: Sie sind auch Fußballfan. Ihr Tipp für Samstagabend: Bayern oder Dortmund?

Töpfer: Ich wohne in Westfalen, bin allein deswegen Dortmund viel näher. Außerdem sehe ich mit Besorgnis, wie Fußballvereine in strukturschwächer werdenden Regionen an Bedeutung verlieren. Wenn Dortmund die Champions League gewinnen würde, wäre das eine antizyklische Bewegung. (Günther Strobl, DER STANDARD; 25.5.2013)

Klaus Töpfer (74) ist Direktor des Institute for Advanced Sustainability Studies in Potsdam, das auf die Erforschung des Klimawandels spezialisiert ist. Von 1987 bis 1994 war Töpfer deutscher Umwelt-, bis 1998 Bauminister. Danach leitete er acht Jahre das Umweltprogramm der Vereinten Nationen in Nairobi. Töpfer ist verheiratet und hat drei Kinder.

  • Klaus Töpfe kann für Europa keine Alternative zum Ausstieg aus fossilen Energien erkennen.
    foto: standard/urban

    Klaus Töpfe kann für Europa keine Alternative zum Ausstieg aus fossilen Energien erkennen.

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