Ein Schuljahr in Finnland

Leserkommentar24. Mai 2013, 14:46
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Traurig und frustriert. Nach einem Jahr als Unterrichtsassistentin in Finnland hat eine Studentin keine Lust nach Österreich zurückzukehren

Ein Jahr Finnland ist für mich bald vorbei. Ich bin traurig, weil eine schöne Zeit zu Ende geht und frustriert, weil ich jetzt die Gewissheit habe, dass die österreichische Bildungspolitik immer mehr einen vollkommen falschen Weg geht.

Keine Wunderwuzzis

Der erste Eindruck vom Schulalltag in Helsinki war allerdings kein positiver, es war vielmehr ein Schock: Die Lehrer hier sind gar keine Götter, der Unterricht oft langweilig, die Kinder wirken unmotiviert,... Das sollen die PISA-Sieger sein? Ich bin mit der Erwartung gekommen von den finnischen Lehrern viel mehr lernen zu können, als von Lehrern in Österreich. Das was ich gelernt habe ist, dass wir alle Menschen sind und österreichische Lehrer um Welten besser sind als ihr Ruf.

Erst mit der Zeit habe ich das Geheimnis des Erfolges der finnischen Schule in den Strukturen des Systems entdeckt. Hier dürfen Lehrer, Schüler und Eltern Menschen sein, die vom Staat entlastet und gefördert werden.  Menschen, die sich nicht darum kümmern müssen, wieviel die Unterrichtsmaterialien kosten, denn alles (Hefte, Bücher, Papier, Stifte, Malfarben,..) wird vor Ort zur Verfügung gestellt.  Sogar das tägliche Mittagessen ist gratis (für Schüler, nicht Lehrer!), sowie Museumsbesuche und Exkursionen. Jede Schule hier verfügt über ein großes Budget, das sie individuell verwalten kann. Wenn finnische Lehrer eine Idee für ein Projekt haben, welches Geld involviert, fragen sie einfach in der Direktion nach und ich habe noch nie erlebt, dass die jeweilige Idee nicht bewilligt wurde.

Unterstützung

Neben der großen finanziellen Entlastung für Eltern und Lehrer (österreichische Lehrer müssen jegliche Zusatzmaterialien anders als ihre finnischen Kollegen aus eigener Tasche bezahlen) werden auch Schüler entlastet. Es gibt keine vorgeschriebene Klassengröße und die Schule bekommt ähnlich wie in Österreich Geld pro Schüler, aber kein finnischer Schulleiter würde es jemals wagen die Klassengröße von 25 zu überschreiten. Es gibt auch viel kleinere Klassen: Die von der Gemeinde Helsinki empfohlene Zahl an Schülern pro Klasse ist 18 - ich habe auch Klassen mit 15 Schülern und weniger unterrichtet.

Durch die geringe Anzahl an Schülern kann sich der Lehrer den Schülern individuell widmen.  Und während man in Österreich als Lehrer sowieso nur mehr Zeit für die absoluten Härtefälle hat, gibt es für Schüler mit Lernschwierigkeiten in Finnland eigene Klassen. In diesen Klassen werden sie von einem Förderlehrer unterrichtet, allerdings nur solange die jeweiligen Schwierigkeiten bestehen. Läuft es wieder besser, kommt man in die ursprüngliche Klasse zurück. Dieses System ist nicht zu verwechseln mit einer Haupt- oder gar Sonderschule, da diese Klassen äußerst flexibel besucht werden können.

Hat ein Schüler zum Beispiel Schwierigkeiten in Mathematik und in anderen Fächern kaum, bleibt er nicht sitzen, sondern wird mitten im Schuljahr Mathematik in der Förderklasse weitermachen (und in allen anderen Fächern in die normale Klasse weitergehen). In Förderklassen dürfen höchstens 10 Schüler gleichzeitig unterrichtet werden. Unterrichtet wird von einer Lehrperson mit sonderpädagogischer Ausbildung, wobei Sonderpädagogik in Finnland im weitesten Sinn verstanden wird. Und während die finnischen Klassenzimmer generell mit dem neuesten technischen Schnickschnack und tollen Büchern ausgestattet sind, sind die Förderklassen immer am Besten ausgestattet.

Es gibt allerdings auch weitere zusätzliche Unterstützung für die Lehrer im Klassenzimmer. Ich bin nicht die einzige Unterrichtsassistentin in meiner Schule. Tatsächlich ist das ein Job in Finnland, für den man zwar keine Ausbildung braucht, dennoch aber Geduld und Einfühlsamkeit mitbringen sollte. Anders als die drei anderen Assistenten in meiner Schule werde ich später Lehrerin sein und unterrichte auch hier schon oft alleine. Normalerweise betreuen die Assistenten Schüler innerhalb der Klasse. Ähnlich wie Förderlehrer helfen sie mit den schwierigen Fällen, sind oft Ansprechpartner für die Schüler und kommunizieren mit Förder- und Klassenlehrern.

Als weitere Besonderheit ist zu erwähnen, dass es an jeder Grundschule (für Kinder von 7-12 Jahren) einen Schulpsychologen gibt. An meiner Schule (für Kinder von 13-16J) gibt es eine Sozialarbeiterin, zu der Lehrer störende Schüler während des Unterrichts schicken können. Überhaupt dürfen Lehrer hier mit Nachsitzen strafen, was mich am Anfang schockiert hat. Mittlerweile finde ich es gut als Lehrer Konsequenzen nicht nur androhen zu können. Und ich habe selbst erlebt, dass dieses Nachsitzen auch zu Einsicht führen kann (Entschuldigungen, Versuch sich besser in den Unterricht einzubringen etc.).

Leistung

All das gilt natürlich nur für die Pflichtschule, die neun Jahre dauert. Für das "Gymnasium", sofern man es so nennen kann, muss man sich in Finnland mit Prüfungsnoten vom 9. Schuljahr bewerben. Für Schüler die allgemein mit einer Lernschwäche diagnostiziert wurden und eventuell ständig in Förderklassen waren, fällt diese Option weg. Sie besuchen meist Berufsschulen, und für Schüler mit größeren Beeinträchtigungen gibt es eigene Berufsschulen, an der es viele Förderlehrer gibt. Die anderen Schüler bewerben sich meist an den "bestmöglichen" Gymnasien.

Das heißt Schulen, deren Abgänger über ein außerordentlich gutes Maturazeugnis verfügen. Die Ergebnisse der Schulen werden jedes Jahr veröffentlicht und normalerweise versucht jeder Schüler an eine Schule zu kommen, die ihn oder sie "gerade noch" nimmt. Es zählen hier nur die Noten vom standardisierten Test, sowie später bei der Matura ebenfalls nur die Noten der schriftlichen Prüfungen zählen, wobei man sich bei außerordentlich guten Maturaergebnissen direkt bei der Universität bewerben kann. Normalerweise muss man allerdings wiederum eine Prüfung bestehen um zum Studium zugelassen zu werden.

Das finnische System ist also nicht "nur" gerecht, es vertritt auch den Leistungsgedanken, was auf dem ersten Blick widersprüchlich wirkt. In Wahrheit ist die finnische Gesellschaft, anders als die österreichische offen leistungsorientiert. Auch Österreich ist ein Land mit kapitalistischer Wirtschaft, allerdings verstecken sich die Mächtigen hier allzu oft hinter undurchsichtigen Freundschaften und Verbindungen. In Finnland ist alles Transparenz: Es zählt die Leistung. Und was zu leisten ist wird immer im Vorhinein bekannt gegeben. Außerdem genießen alle bis zum 15. Lebensjahr hier die gleiche Bildung, was sich generell in dem nicht Vorhanden sein von gesellschaftlichen Schichten zeigt.

Einer für Alle, Alle für Einen?

Generell zählt in Finnland das Individuum mehr als das Kollektiv. Man muss sich hier nicht "packln" um weiterzukommen. Sogar im Klassenzimmer merkt man die unterschiedlichen Ansprüche der Lehrer an die Schüler und der Schüler an sich selbst. Während in Österreich Gruppenarbeiten zur Tagesnorm gehören, arbeitet der finnische Schüler meist alleine vor sich hin. Das geht so weit, das Schummeln hier absolut verpönt ist, während man in Österreich "ja nur einem guten Freund hilft."

Auch unter den Lehrern hat jeder seinen eigenen Aufgabenbereich und keiner würde auf die Idee kommen sich in die Verantwortung eines Anderen einzumischen. Die Hierarchie ist flacher und die Aufgaben gleichmäßiger verteilt. Der Direktor macht sich seinen Kaffee selbst. Das Putzpersonal wird zu Festen des Kollegiums eingeladen. Von der Direktion bis zum Sonderschüler sprechen sich alle gegenseitig mit Vornamen an. Was aber über Formalitäten hinausgeht ist der gegenseitige Respekt, der ebenfalls jedem Menschen gleich zukommt.

Das heißt wiederum nicht, dass keinem Respekt gezollt wird, sondern jedem der Größtmögliche. Die Probleme eines Tafelklässlers werden genauso ernst genommen, wie die Sorgen der Administratorin, Eltern lassen Lehrer in Ruhe arbeiten und Lehrer mischen sich nicht in private Dinge ein.

Am Liebsten würde ich hier bleiben, wo ich mich als Lehrerin direkt an einer Schule bewerben kann und nicht wie ein Objekt irgendwo hinplatziert werde. Wo ich in meiner Tätigkeit als Wissensvermittlerin geschätzt werde, und nicht wie eine unqualifizierte Sozialarbeiterin behandelt werde. Wo ich weiß, dass schwachen Schülern geholfen wird.

Vorerst kehre ich heim, um mein Studium abzuschließen. Daneben werde ich meine Finnischkenntnisse vertiefen. Schließlich sucht man in Finnland momentan noch mehr Unterstützung an den Schulen. (Leserkommentar, Marlene Gerber, derStandard.at, 24.5.2013)

Marlene Gerber (23) ist Lehramtstudentin und arbeitete als Comenius-Assistentin ein Jahr lang an einer Schule in Finnland.

 

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