Führungswechsel an WHO-Spitze

12. August 2003, 13:39
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Porträt: Gro Harlem Brundtland, "eiserne Lady der Linken", als Generaldirektorin abgelöst

Genf/Wien - Der südkoreanische Arzt Jong Wook Lee übernimmt mit Montag von der Norwegerin Gro Harlem Brundtland das Amt der/des WHO-GeneraldirektorIn. "Ich sehe die Rolle der WHO als moralische Stimme und als technische Führerin, um die Gesundheit der Menschen in der Welt zu verbessern." Das sagte Gro Harlem Brundtland bei ihrer Antrittsrede vor fünf Jahren, als sie Generaldirektorin der Weltgesundheitsorganisation wurde.

Als langjährige norwegische Ministerpräsidentin und Vorsitzende der UNO-Kommission für Umwelt und Entwicklung in den achtziger Jahren hatte sie sich für das Amt empfohlen. Der Kampf gegen den Tabakkonsum und Malaria stand in ihrer WHO-Arbeit ganz oben auf der Prioritätenliste.

Biografie

Gro Harlem Brundtland wurde 1939 in Oslo als Tochter eines Arztes und Ex-Ministers geboren. Vom Vater hatte sie nicht nur ihre Leidenschaft für Medizin geerbt - sie studierte in Harvard - sondern auch die Begeisterung für die Politik. Mit sieben Jahren wurde sie in die Kindersektion der norwegischen Arbeiterpartei eingeschrieben. Später sollte sie ihre Partei dreimal als Ministerpräsidentin in die Regierung führen.

Zunächst arbeitete sie unter anderem als Kinderärztin und wurde Direktorin des Gesundheitsservice für die Schulkinder in Oslo. 1974 wurde ihr das Amt der Umweltministerin angeboten. Zunächst war sie skeptisch, da sie nicht über genügend Erfahrung zu verfügen glaubte. Doch da sie auch von einem fundamentalen Zusammenhang zwischen Gesundheit und Umwelt überzeugt war, änderte sie ihre Meinung.

Die erste Premierministerin

1981 wurde sie zum ersten Mal für kurze Zeit Premierministerin. Sie war nicht nur die erste Frau in diesem Amt, sondern mit 41 Jahren auch die jüngste. 1983 wurde sie Vorsitzende der UNO-Umweltkommission und legte vier Jahre später mit dem Bericht "Unsere gemeinsame Zukunft" eine wegweisende Analyse über den Zusammenhang zwischen Wirtschaftswachstum und Umweltzerstörung vor. Der so genannte Brundtland-Report führte 1992 zur UNO-Weltkonferenz in Rio über nachhaltige Entwicklung. Dieses Schlagwort gilt seither als untrennbar mit dem Bericht der Norwegerin verbunden.

1986 wurde "Gro", wie sie in ihrer Heimat genannt wird, neuerlich Regierungschefin. Die Hälfte ihres Kabinetts besetzte sie mit Frauen. Ein damaliger führender Oppositionspolitiker gestand ein: "Solange Brundtland Ministerpräsidentin ist, haben wir anderen eigentlich keine Chance."

"Friedensprojekt" EU

In den neunziger Jahren wollte sie ihr Land in die EU führen. Ihre Beliebtheit sollte ein zweites "Nein" der NorwegerInnen nach 1972 verhindern. Sie setzte sich mit aller Kraft für den Beitritt zum "Friedensprojekt" EU ein. Für ihre Verdienste um die europäische Einigung erhielt sie 1994 den Aachener Karlspreis. Doch die Bevölkerung verweigerte ihr die Gefolgschaft - es war ihre größte Niederlage. 1996 trat sie aus persönlichen Gründen als Ministerpräsidentin ab.

BeobachterInnen meinten schon immer, dass Norwegen für so eine Frau mit internationalen Ambitionen zu klein sei. Den Kreislauf von Armut und Gesundheit zu durchbrechen, wurde ihr zu einem wichtigen Anliegen. Mit dem Pharmakonzern Aventis wollte Brundtland die Ausbreitung der in Afrika vorkommenden Schlafkrankheit eindämmen - für sie ein Vorbild für die Kooperation zwischen Unternehmen und WHO.

Erfolg im Kampf gegen den Tabakkonsum

Gegen Ende ihrer Amtszeit konnte sie noch einen Erfolg in ihrem Kampf gegen den Tabakkonsum erreichen. Jahrelang hatte sie die Tabakkonzerne wegen ihrer aggressiven Art, neue Märkte in den Entwicklungsländern zu erschließen und die Gesundheitsfolgen zu verschleiern, kritisiert. Auf der Jahresversammlung der WHO wurde im Mai dieses Jahres eine Anti-Tabak-Konvention verabschiedet. Werbung für Tabakprodukte soll eingeschränkt, die Warnung vor dem Rauchen auf Zigarettenpackungen größer und Tabaksteuern erhöht werden. Dass es zur Annahme der Konvention kam, ist angesichts der bis zuletzt vorgebrachten Einwände von Staaten, wie der USA, Deutschland, China oder Japan bereits ein Erfolg.

Das Auftauchen der Lungenkrankheit SARS forderte die Norwegerin nochmals heraus. Die Ursache der plötzlich aus dem Nichts ausgebrochenen Infektion war lange Zeit unklar. Schnelles Handeln war angesichts der raschen Ausbreitung notwendig. Die Abwehrmaßnahmen gegen SARS brachten für Brundtland noch einmal zum Ausdruck, dass Umwelt und Gesundheit keine Grenzen kennen. Wegen ihres eisernen Willens wurde sie oft auch als die linke Version von Margaret Thatcher gesehen. Trotzdem: Nach 30 Jahre in führenden Positionen sei es genug, begründete Harlem Brundtland ihre Entscheidung nicht für eine zweite Amtszeit zu kandidieren. (APA)

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    Fünf Jahre lang war Gro Harlem Brundtland Generaldirektorin der WHO.
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