Tunesiens Salafisten mobilisieren gegen die Regierung

20. Mai 2013, 18:48
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Dutzende Verhaftungen und ein Toter bei Ausschreitungen nach Verbot einen Islamistenkongresses

Nach dem Verbot ihres Jahrestreffens durch die islamistische Regierung haben sich Salafisten Straßenschlachten mit Tunesiens Polizei geliefert. Dutzende Demonstranten wurden verhaftet, mindestens einer starb.

Tunis/Madrid – Es waren Szenen, wie sie Tunesien nicht einmal während der Revolution gegen Diktator Zine El Abidine Ben Ali gesehen hat. Am Sonntag brannten in einen Vorort von Tunis und in der heiligen Stadt Kairouan die Barrikaden, in weiteren Städten gab es Zwischenfälle. Hunderte Anhänger der salafistischen Ansar al-Scharia (Anhänger des islamischen Gesetzes) griffen Polizisten und Soldaten mit Steinen, Knüppeln und Brandsätzen an.

Am Freitag hatte die Regierung der islamistischen Ennahda das für das Wochenende geplante Jahrestreffen der Ansar al-Scharia in Kairouan verboten. 11.000 Polizisten und Soldaten waren im Einsatz, um den Beschluss umzusetzen. Ansar al-Scharia reagierte mit einer Mobilisierung in einem der armen Vororte von Tunis. Mindestens ein Demonstrant kam ums ­Leben. Der 27-Jährige sei einem Schuss der Polizei zum Opfer gefallen, heißt es aus dem behandelten Krankenhaus. Wie viele Salafisten verletzt wurden, ist nicht klar. Auf Polizeiseite soll es elf zum Teil schwer verletzte Beamte geben. Einer lag am Montag noch im Koma. Mindestens 200 radikale Islamisten wurden verhaftet, darunter offenbar der Sprecher der Ansar al-Scharia, Seifeddine Rais.

Ansar al-Scharia ist die größte salafistische Gruppe in Tunesien. Sie entstand nach dem Sturz Ben Alis. Nach eigenen Angaben zählt sie 40.000 Mitglieder. Ihre Hochburgen befinden sich in den armen Vororten der großen Städte. Doch auch auf dem Land rekrutieren die Salafisten Mitglieder, indem sie an Menschen, die unter der Wirtschaftskrise leiden, Lebensmittel und andere Güter des täglichen Bedarfs verteilen.

Die Gruppe macht immer wieder durch gewalttätige Übergriffe auf Veranstaltungen säkularer Parteien, Konzerte und Kunstausstellungen von sich reden. Ihr Anführer, der ehemalige Afghanistankämpfer Saif Allah Bin Hussein, genannt Abou Iyadh, befindet sich seit einem Überfall auf die US-Botschaft in Tunis im September 2012 auf der Flucht. "An die Tyrannen, die glauben, Islamisten zu sein" , richtete sich Abou Iyadh zum Kongressverbot an die Ennahda: "Eure dummen Taten werden euch in den Krieg reißen."

Premier rechtfertigt Einsatz

"Ansar al-Scharia ist eine illegale Organisation, die die Autorität des Staates provoziert" , rechtfertigt Regierungschef Ali Laarayedh Verbot und Polizeieinsatz. Tunesische Websites wurden Sonntag nicht müde, Laarayedh daran zu erinnern, dass er es war, der die Salafisten einst ermutigte. Vor seiner Ernennung zum Premier war er Innenminister. Verhaftete wurden damals schnell wieder auf freien Fuß gesetzt. Ennahda-Präsident Rachid Ghannouchi traf sich mit der Führung der Salafisten und versicherte, auch für die Islamisierung Tunesiens einzutreten.

Ein zaghafter Richtungswechsel setzte erst ein, als der Oppositionelle Chokri Belaid im Februar erschossen wurde und kurz darauf eine Terrorzelle in den Bergen nahe Algerien den Kampf aufnahm. Ansar al-Scharia stehe mit den Terroristen, die Al-Kaida im islamischen Maghreb (AQMI) angehören sollen, in Kontakt, so Premier Laarayedh am Wochenende.  (Reiner Wandler /DER STANDARD, 21.5.2013)

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    Mehr als 11.000 Polizisten waren am Wochenende in Tunesien bei Großprotesten der salafistischen ­Ansar al-Scharia im Einsatz. Die Regierung hatte zuvor deren Jahreskongress verboten. Foto: Reuters/Mili

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