Die Metamorphosen der Kultur(en)

17. Mai 2013, 17:57
32 Postings

"Kulturelle Vielfalt" hat einen eigenen Feiertag: am 21. Mai. Welche Kultur und wie viel Vielfalt ist da gemeint? Erkundungen im Spannungsfeld von Identität und Differenz, Selbstbehauptung und Überforderung der Zivilgesellschaft

Leberkässemmeln und Sushi, sri-lankisches Curry und Biogemüse vom lokalen Bauern zu Mittag im Büro? Brasilianische Papayas oder der Lavanttaler Bananenapfel, der die Reise über den Ozean schon in den 1880ern aus Massachusetts (USA) antrat? Der "Anteil mit Migrationshintergrund" in Schulen und im Wohnviertel? Die internationale Kollegenschaft am Arbeitsplatz? Wenn bei Romeo und Julia im Burgtheater die Liebe unterm Balkon multilingual beschworen wird und die Schüler auf der Galerie wissend kichern? Ljubov! Habibi! Die Mühlviertler Theatergruppe, die Felix Mitterers Kein Platz für Idioten aufführt? Prunkobjekte in Museen? Die geerbte Festtagstracht? Oder Omas Rezepte in Kurrentschrift?

Was ist "kulturelle Vielfalt"? Welche Kultur und wie viel Vielfalt wird gefeiert, wenn am 21. Mai der von der Unesco, der Kulturorganisation der Vereinten Nationen, proklamierte "Welttag der kulturellen Vielfalt für Dialog und Entwicklung" begangen wird?

Wer "Kultur" zu fassen kriegen will, begibt sich in unwegsames Gelände. Der Begriff ist im Prinzip ein Prozess, permanenter Bedeutungswandel. Dem britischen Literaturtheoretiker Terry Eagleton zufolge ist er heute " entmutigend weit und quälend eng".

Die Unesco beantwortete die Frage für sich in der "Allgemeinen Erklärung zur kulturellen Vielfalt" (siehe unten) als "Gesamtheit der unverwechselbaren geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Eigenschaften, die eine Gesellschaft oder soziale Gruppe kennzeichnen, und dass sie über Kunst und Literatur hinaus auch Lebensformen, Formen des Zusammenlebens, Wertesysteme, Traditionen und Überzeugungen umfasst".

Das Unesco-Kulturprogramm beinhaltet vier Schwerpunkte:

  •  Schutz und Förderung der kulturellen Vielfalt steht schon in Artikel 1 der Unesco-Verfassung von 1945.
  •  Erhaltung des materiellen Welterbes in Natur und Kultur.
  •  Schutz des immateriellen Kulturerbes Es wird als "fundamentaler Bestandteil des kulturellen Erbes" verstanden und umfasst auch Erinnerungsdokumente im "Memory of the World" wie z. B. die historische Kartensammlung "Atlas Blaeu" der Österreichischen Nationalbibliothek (siehe Foto unten).
  •  Förderung des interkulturellen Dialogs Dieser sei angesichts "intra- und interreligiöser Konflikte" ein "Schlüsselaspekt für Frieden".

Der Dichter T. S. Eliot (1888-1965) definierte Kultur als "a whole way of life" - der Einzelnen und des Kollektivs. Kultur als Lebensstil, gemeinsame Lebensweise. Mit allem Drum und Drin und Dran. Oder, wie der Literaturnobelpreisträger meinte: Kultur ist "das, was das Leben lebenswert macht", von Essen und Sport bis Bildung und Kunst. Das Leben im Plural. Darum ist für den Kulturwissenschafter Wolfgang Müller-Funk das Wortpaar "kulturelle Vielfalt" auch "doppelt gemoppelt", denn wie anders als vielfältig kann Kultur, jede Kultur denn sein? "Kultur ist immer Vielfalt. Sie trägt das Heterogene schon immer in sich - und die Gegenbewegung dazu."

Diese Gegenbewegung ist das, was auf der Rückseite allzu simpler Multikulturalismus-Projektionen lauert, wenn sie sich auf den harmlos-bunten Verschönerungsaspekt beschränken. "Wer über kulturelle Vielfalt spricht, muss auch über kulturelle Differenzen reden", rät Wolfgang Müller-Funk im Standard-Gespräch: "Es gibt einen romantischen Diskurs über kulturelle Vielfalt. Aber natürlich kann sie auch Probleme schaffen. Die Koppelung von kultureller Vielfalt und sozialen Differenzen kann mobilisiert werden, um gesellschaftliche Auseinandersetzungen zu führen." Denn "das Kulturelle" kann ein Ort der individuellen Freiheit sein, aber auch ein potenziell gefährliches Instrument der Ab- und Ausgrenzung, die im Namen von Identitätspolitik das unverstandene Andere verhindern, schlimmstenfalls zerstören will. Siehe Nationalstaatenkonflikte in der österreichisch-ungarischen Monarchie oder heutige Konfliktzonen multiethnischer und -konfessioneller Gesellschaften, wo es um politische Aushandlungsprozesse geht, wie man mit Differenzen und Heterogenität umgehen will und soll.

Oft sind Gesellschaften in der Geschichte daran furchtbar gescheitert, und es kam zur Zerstörung von kultureller Vielfalt, etwa im Faschismus oder durch Nationalismus.

Vor diesem Hintergrund sei es interessant, "dass kulturelle Vielfalt heute so positiv konnotiert ist", sagt Müller-Funk: "Sie wurde immer gelobt, wenn sie nicht mehr da war. Man findet sie erst schön, wenn sie weg ist."

Um diese historischen Verluste wissend, plädiert er für ein "Lob der Vielfalt als Eigenschaft unserer Programmatik einer Zivilgesellschaft, aber nicht als Lob einer Vielfalt, die die Zivilgesellschaft unterwandert oder die gefährliche Kippbewegung des Andersseins, die irgendwann zur Exklusion führt, unterschätzt. Es gilt, eine Spannung der Mitte zu erreichen. Aber wenn eine Gesellschaft mit kultureller Vielfalt als Herausforderung und Zugewinn umgehen kann - pragmatisch und nicht rührselig -, dann ist das auch ein Gewinn für die Zivilgesellschaft."

Im Unesco-Übereinkommen heißt es dazu: "Nur eine Politik der Einbeziehung und Mitwirkung aller Bürger kann den sozialen Zusammenhalt, die Vitalität der Zivilgesellschaft und den Frieden sichern. Ein so definierter kultureller Pluralismus ist die politische Antwort auf die Realität kultureller Vielfalt."

Es sind also die Metamorphosen der Kultur/en, die nervigen und staunen machenden, die anstrengenden und bereichernden, die alltäglichen und die besonderen, die gefährlich-eskapistischen und die zugewandt-neugierigen, die das Wesen "kultureller Vielfalt" ausmachen. Manchmal ist sie ein Nebeneinander, oft ein Gegeneinander, dann wieder ein Ineinander - oder, wie auf den Fotos der Künstlerin Susanne Bisovsky in dieser Schwerpunktausgabe, ein inspirierendes und irritierendes Durch- und Übereinander, das neue Interpretations- und Möglichkeitsräume jenseits des Eindeutigen eröffnet.   (Lisa Nimmervoll,  DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

Schützen und fördern
Die Unesco-Erklärung

Die Unesco (United Nations Educational, Scientific and Cultural Organization) mit derzeit 195 Mitgliedsstaaten verabschiedete 2001 die "Allgemeine Erklärung zur kulturellen Vielfalt" - und rief den "Welttag für kulturelle Entwicklung" am 21. Mai aus. Im Jahr 2005 folgte das "Unesco-Übereinkommen über den Schutz und die Förderung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen", das 2007 als erstes völkerrechtlich bindendes Instrument seiner Art in Kraft trat. Österreich hat es 2006 ratifiziert.

Dessen Kernstück ist das "Recht jedes Staats, regulatorische und finanzielle Maßnahmen zu ergreifen, die darauf abzielen, förderliche Rahmenbedingungen für eine Vielfalt kultureller Aktivitäten, Waren und Dienstleistungen zu schaffen".

In der Österreichischen Unesco-Kommission unter Präsidentin Eva Nowotny kümmert sich u. a. die Nationale Kontaktstelle um "kulturelle Vielfalt". (nim, DER STANDARD, 18./19./20.5.2013)

  • Zum kulturellen Gedächtnis der Welt gehört auch der Atlas Blaeu - Van der Hem (1662-1678) in der Nationalbibliothek, ein barocker 50-Band-Atlas des Amsterdamers Laurens van der Hem.
    foto: önb

    Zum kulturellen Gedächtnis der Welt gehört auch der Atlas Blaeu - Van der Hem (1662-1678) in der Nationalbibliothek, ein barocker 50-Band-Atlas des Amsterdamers Laurens van der Hem.

  • Artikelbild
Share if you care.