Stimmung am Zentralfriedhof

16. Mai 2013, 18:30
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Benfica ist im EL-Finale mehr der Abschlussschwäche als Chelsea unterlegen. Die viel bessere Geschichte ist aber, dass Portugals Rekordmeister wegen seines in Wien begrabenen Ex-Trainers noch lange kein Finale gewinnen darf

Wien - Vielleicht ist es ja nur ein Gerücht, dass aus Béla Guttmanns Grab auf dem Wiener Zentralfriedhof Mittwochnacht schallendes Gelächter zu hören war. Die ungarische Trainerlegende, die 1981 im 82. Lebensjahr in Wien starb, war wohl nicht wirklich nachtragend. Ja, nicht einmal mit Benfica Lissabon hat Guttmann endgültig gebrochen, nachdem ihm im Sommer 1962 von Präsident Antonio Vital trotz des zweiten Triumphes im Meistercup infolge eine Gehaltserhöhung verwehrt worden war.

Benfica werde in den nächsten 100 Jahren keinen Europacup mehr gewinnen, soll der Förderer von Torjäger Eusébio wütend prophezeit haben, ehe er die Adler stante pede verließ, um 1965, nach einigen Monaten als österreichischer Teamchef, nochmals kurz zum portugiesischen Rekordmeister zurückzukehren.

Pleitenserie

Guttmanns Fluch holte den nach Mitgliederzahl (rund 225.000) größten Sportverein der Welt auch im Finale der Europa League ein, das am Mittwoch in Amsterdam gegen Chelsea durch ein Tor in der Nachspielzeit mit 1:2 verloren ging. Es war Benficas achte internationale Finalniederlage en suite. Die erste setzte es noch 1962 unter Guttmanns chilenischem Nachfolger Fernando Riera im Weltpokal gegen Pelés FC Santos. Fünf Pleiten folgten im Meistercup, eine im Uefa-Cup.

"Viel Geld, viel Fußball, wenig Geld, wenig Fußball" hat Guttmanns Landsmann Ference Puskás schon vor Jahrzehnten postuliert. Im Fall von Chelsea ist die Wahrheit des einstigen Wunderstürmers um den Erfolg zu erweitern. Die dank Roman Abramowitsch steinreichen Londoner sind nach dem zweiten reichlich glücklichen Finalsieg innerhalb eines Jahres für wenige Tage gar regierende Champions- und Europa-League-Sieger.

Viel mehr Fußball bot in der Amsterdam Arena Benfica, das erst am vergangenen Samstag beim ungeschlagenen FC Porto mit der ersten Saisonniederlage - ein natürlich in der Nachspielzeit erlittenes 1:2 - eine Runde vor Schluss wohl die nationale Meisterschaft vergeigt hatte. Dementsprechend geknickt war Coach Jorge Jesús: "Wir haben exzellent gespielt, uns hat aber das nötige Glück gefehlt, das wir verdient gehabt hätten."

Sein Kollege Rafael Benítez, der bei Chelsea stets wie die Notlösung, die er ja war, behandelt wurde, wirkte nach Rettung der Saison nicht viel glücklicher. "Das Fundament ist gelegt, die Zukunft wird rosig", sagte der Spanier, der sicher gehen muss und höchstwahrscheinlich seinem Intimfeind José Mourinho Platz macht. "Chelsea wird nächste Saison noch viel besser sein. Weil sie 100 Millionen Euro für neue Spieler ausgeben werden", sagte Benítez. Er verdiene Lob und Dank und könne nach einem halben Jahr mit Spott und Verunglimpfungen erhobenen Hauptes gehen, schrieb ihm The Telegraph nach.

Benítez Landsmann Fernando Torres, der Chelsea in Führung geschossen hatte, firmiert nun wie Teamkollege Juan Mata als regierender Welt- und Europameister sowie Champions- und Europa-League-Sieger. Allerdings wirkte Torres im Gegensatz zu Mata, der dafür auch regierender U21-Europameister ist, in allen Endspielen mit.

Portugals Presse beschwor natürlich Guttmanns Fluch. Den hatte 1990 nicht einmal Eusébio bannen können, als er vor dem Wiener Meistercup-Finale gegen Milan zum Grab seines einstigen Trainers auf den Zentralfriedhof pilgerte. Benfica unterlag den Italienern im Prater mit 0:1. (sid, lü, DER STANDARD, 17.5.2013)

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    Für den Fan von Benfica heißt es weiter auf einen internationalen Titel warten.

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