Die Österreicher sind reiselustig aber impfmüde

21. Mai 2013, 17:00
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Nur ein Bruchteil der Österreicher lässt sich vor dem Urlaub impfen, besonders Senioren sind Risikogruppe – Gut bestückte Apotheke kann Reise retten

"Die Jungen denken: Was kostet die Welt? Die Alten bemerken nicht, dass sie älter geworden sind", fasst Katharina Riedl die zwei meistgefährdeten Gruppen von Urlaubern zusammen. Gemeinsam mit zwei Kollegen informiert die Internistin in der Tropenordination im dritten Bezirk Menschen darüber, welche Gefahren im Urlaubsland lauern. Davon gibt es genug – und sie sind nicht nur auf exotische Destinationen begrenzt.

Dass die Urlaubsvorbereitungen nicht mit dem Kaufen des Reiseführers abgeschlossen sind, wissen scheinbar nur die wenigsten: "Wir würden uns freuen, wenn sich die Leute etwas mehr informieren vor Antritt der Reise", meint Riedl. Sie zeigt bei Beratungsgesprächen Menschen auf Landkarten die bunt markierten Risikoregionen im jeweiligen Urlaubsland. Dabei gebe es immer wieder rot markierte Überraschungen: viele, die in Kenia einen Badeurlaub am Meer gebucht haben, wüssten zum Beispiel nicht, dass die Küstenregion um Mombasa ein Hochrisikogebiet für Malaria sei.

Teure Impfungen

Während eine Gelbfieberimpfung nachgewiesen werden muss, um in einigen Ländern Südamerikas und Afrikas überhaupt einreisen zu dürfen, sind die meisten anderen Impfungen lediglich empfohlen. Nur ein Bruchteil der Urlauber lässt sich laut Riedl überhaupt impfen.

Gründe dafür seien oft Unwissenheit und Leichtsinn. Doch auch die beträchtlichen Kosten schrecken viele ab: diese übersteigen manchmal sogar den Preis für das Flugticket, wie die Ärztin vorrechnet. Sie überschlägt, dass Indienreisende mit Impfungen gegen Hepatitis A und B, Typhus, Tollwut  und, je nach Region, Japan Encephalitis mit Kosten von bis zu 500 Euro rechnen müssten.

Waldemar Malinowski, Leiter des Impfservice und der reisemedizinischen Beratung der MA 15, empfiehlt unabhängig von der Urlaubsdestination grundsätzlich einen Basisimpfschutz gegen Hepatitis A und B, Keuchhusten, Diphtherie, Tetanus und Kinderlähmung. Beim Gesundheitsdienst der Stadt Wien rät man außerdem zu einer Impfung gegen Frühsommer-Meningoenzephalitis, die in Österreich, einigen Nachbarstaaten, sowie am Baltikum und Russland verbreitet ist.

Je nach Destination, Reisedauer und Reiseart würden auch Impfungen gegen Typhus, Tollwut, Meningokokken, Japanischer Enzephalitis und Cholera empfohlen. Idealerweise sollte man spätestens vier Wochen vor Reiseantritt mit dem Impfen beginnen, weil gewisse Abstände zwischen den Impfungen eingehalten werden müssen.

Risikogruppe Senioren

Besonders wichtig sind Impfungen laut Riedl für über 60-Jährige und unter 19-Jährige, da ihr Immunsystem schlechter sei. Pensionisten haben die zeitlichen und finanziellen Ressourcen für ausgedehnte Reisen und seien grundsätzlich auch gesundheitlich fit. "Daher reisen sie weit: da geht es zum Kilimandscharo und nach Ecuador, wo sie auf 4.000 Meter Höhe sind", nennt Riedl zwei Urlaubsdestinationen, die durch extreme Hitze und Feuchtigkeit selbst jüngeren Menschen zu schaffen machen.

Doch die Probleme beginnen oft schon vorher. Alleine die Anreise kann Risiken bergen: Bewegungsmangel im Flugzeug und zu wenig trinken könnte gefährlich werden. Menschen mit Flugangst und Raucher würden oft die Herausforderung unterschätzen, die ein 11-Stunden-Flug bedeutet. "Die sind im Hochrisikobereich", so Riedl.

Vorsicht beim Essen

Die Beschwerden, die im Urlaubsalltag aber am wahrscheinlichsten auftreten, sind Durchfallerkrankungen. Dafür muss man nicht einmal weit reisen: auch in Spanien, Italien, der Türkei und vor allem in Ägypten könne man daran erkranken, zum Beispiel nach Verzehr von Salaten oder Speiseeis, das nicht entsprechend gelagert wurde. Besonders für ältere Menschen könne eine Durchfallerkrankung im Urlaub problematisch werden. Durch Verlust von Flüssigkeit in Verbindung mit Hitze komme es nämlich schnell zu Kreislaufproblemen. "Das ist die Erkrankung vor der Sie sich am meisten schützen sollten", warnt Riedl.

Sie rät daher auf Reisen zu Vorsicht bei Leitungswasser, Eiswürfeln und ungeschältem Obst. Außerdem sei es wichtig, sich vorab über das Essen im Urlaubsland zu informieren: Mexikanische oder thailändische Kost sei für den österreichischen Geschmack zu scharf und benötige daher eine Gewöhnungszeit.

Vor einer Reise nach Südamerika, Teilen Asiens, aber auch Ägypten wird daher in der Tropenordination eine Choleraimpfung als Option empfohlen: mit der Schluckimpfung könne eine Mehrzahl der Reisedurchfallerkrankungen verhindert werden, weil der von den Erregern erzeugte Stoff dem Choleratoxin sehr ähnlich sei.

Reiseapotheke als Urlaubsretter

Auf die medizinische Versorgung in südostasiatischen oder afrikanischen Ländern soll man sich laut Riedl grundsätzlich nicht verlassen: "Die Leute denken, solche Länder haben ein Gesundheitssystem wie bei uns, wo alles kontrolliert wird, aber das sind dort wirklich Entwicklungsländer. Da ist eine Pritsche in der Hütte eine Krankenstation."

Auch die Reiseapotheke sollte bereits vor Antritt der Reise auf den neuesten Stand gebracht werden: in Ländern wie China seien nämlich viele gefälschte Medikamente im Umlauf.

Fixbestandteil der Reiseapotheke sollen Elektrolytlösungen, die fehlende Mineralstoffe im Körper bei Durchfallserkrankungen ausgleichen, sein. Diese müssen in Kombination mit viel Flüssigkeit eingenommen werden. Auch Medikamente wie Imodium sollten im Koffer landen. Diese dürfen aber laut Riedl nur im "absoluten Notfall", nämlich wenn man im Bus oder Flugzeug unterwegs ist, eingenommen werden, weil sie die Symptome und nicht die Ursache der Erkrankung bekämpfen.

Während die Wirkung von Kohletabletten wissenschaftlich nicht belegt sei, ist laut Riedl gegen Probiotika, die die Darmflora stärken, nichts einzuwenden. "Grundsätzlich gilt: bei Fieber und Durchfall braucht man ein Antibiotikum", so die Medizinerin. Daher sollte bei längeren Reisen neben schmerzstillenden und fiebersenkenden Medikamenten auch ein Antibiotikum im Gepäck sein.

Klein aber gefährlich

Auch an Insektenschutz muss gedacht werden. Einerseits könnten nämlich bei aufgekratzten Insektenstichen lokale Infektionen auftreten, andererseits übertragen Mücken in vielen Teilen der Welt gefährliche Krankheiten. Bekanntheit erlangte in den letzten Jahren etwa das Dengue-Fieber, das in tropischen und subtropischen Regionen auftritt und für das es momentan keine Impfung gibt. 2012 erkrankten insgesamt 74 österreichische Urlauber daran (mehr zu Dengue-Fieber-Fällen in Österreich)

Die einzige Vorbeugung gegen das Virus, das aufgrund der unerträglichen Gliederschmerzen, die es auslöst, auch "Knochenbrecherkrankheit" genannt wird, sind Mückensprays. Dabei lohnt sich laut Riedl ein Blick auf die Inhaltsstoffe: nur jene, die mindestens 30 Prozent DEET (Diethyltoluamid) enthalten, würden ausreichend Schutz bieten.

Auch Sonnenschutz und zuhause regelmäßig eingenommene Medikamente sollten in der Reiseapotheke nicht fehlen.

5,4 Millionen Österreicher fuhren laut Statistik Austria im Vorjahr mindestens einmal auf Urlaub im In- oder Ausland. Über die Risiken der Reise hat sich wohl nur ein Bruchteil ausreichend informiert. Das kann gut gehen, muss es aber laut Riedl nicht: "Der Mensch hat Glück. Manche reisen quer durch die Weltgeschichte und haben nie etwas. Manche verreisen einmal und landen mit Malaria in einem afrikanischen Buschspital." (Franziska Zoidl, derStandard.at)

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