"Der Song Contest ist harte Arbeit, aber auch viel Spaß"

Blog12. Mai 2013, 16:33
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Natália Kelly über die Startnummer eins, die Gefahr eines Misserfolgs, ihre Konkurrenz, Benny Andersson und Multikulturalität

Am Dienstag wird es ernst für die österreichische Kandidatin beim diesjährigen Eurovision Song Contest in Malmö. Bevor Natália Kelly die Saison 2013 eröffnet, traf ich sie zu einem Gespräch.

Schreuder: Als du gehört hast, dass du die Startnummer eins im ersten Semifinale hast, wie war da deine Reaktion?

Kelly: Am Anfang unentschlossen. Es kamen von überall so viele verschiedene Meinungen. Viele fanden es nicht gut, wenn man eine Show startet. Ich habe dann darüber reflektiert und für mich entschieden, dass es eine große Ehre ist, den Eurovision Song Contest, die größte Musikshow der Welt, zu eröffnen.

Schreuder: Viele Künstler und Künstlerinnen kommen nach dem Song Contest international oder zumindest in ihren Heimatländern groß heraus, manche wiederum sind beim Bewerb vielleicht sogar erfolgreich, aber man hört nachher nie wieder etwas von ihnen. Hast du dir darüber schon Gedanken gemacht?

Kelly: Mir ist das Risiko sehr bewusst, dass so etwas auch nach hinten losgehen kann. Aber ich konzentriere mich jetzt darauf, dass ich diese einmalige Chance habe, und die Erfahrungen, die ich da mache, kann mir keiner mehr nehmen. Ich fühle mich hier wohl, ich stehe gerne auf der Bühne, ich liebe Musik, ich lerne gerne neue Menschen kennen. Das ist eine Bereicherung für mich. Auch wenn es beim Song Contest nicht gut ausgehen sollte, ich mache weiterhin Musik, habe meine CD.

Schreuder: Hast du den Song Contest in den Vorjahren verfolgt?

Kelly: Ja, das war immer eine Familientradition, den zu schauen. Wir sind im Jahr 2000 nach Österreich gekommen, und da haben wir schon geschaut. Wirklich erinnern kann ich mich an 2002, als Manuel Ortega für Österreich antrat - bis heute noch eine meiner Lieblingsnummern. Und von meiner Mama.

Schreuder: Hast du einen Lieblingsbeitrag?

Kelly: Neben Manuel Ortega liebte ich den Sieger von 2009, Alexander Rybaks "Fairytale", und Loreen vom Vorjahr natürlich. Das war wirklich etwas Neues, und die Performance war so spannend. Das Siegerlied von 1988 meines großen Idols Céline Dion habe ich erst später gehört, aber das hat mich sehr für den Song Contest begeistern lassen.

Schreuder: Kennst du die anderen diesjährigen Beiträge?

Kelly: Angehört habe ich mir alle, die Proben aber nur von ganz wenigen gesehen. Viele Kandidaten habe ich auch schon davor kennengelernt. Es ist eine erstaunlich gute Harmonie hier.

Schreuder: Viele Menschen werden sich fragen: Was macht so eine Teilnehmerin eigentlich zwei Wochen vor Ort? Ist das nur Halligalli und Party? Wie schaut denn ein Tag einer Teilnehmerin in Malmö aus?

Kelly: Es ist sehr, sehr viel Arbeit. Wir haben natürlich Spaß daran, aber es ist Arbeit. In der Nähe des Hotels haben wir ein Tanzstudio gemietet. Dort proben und perfektionieren wir etwa drei Stunden am Tag. Dann gibt es zahllose Pressetermine, Drehtermine, Meet-and-greets mit anderen Delegationen. Abends gibt es oft Auftritte, für die wir alte Song-Contest-Songs vorbereiten, um sie live zu spielen. Das ist viel harte Arbeit, aber auch viel Spaß. Zum Beispiel am Mittwoch waren wir in Stockholm. Das bedeutete um 4 Uhr morgens aufstehen, hinfliegen, Termine und erst um Mitternacht wieder ins Bett.

Schreuder: Aber dafür hast du in Stockholm immerhin einen von ABBA kennengelernt!

Kelly: Ja, genau! Benny Andersson habe ich kennengelernt. Eigentlich haben wir zuerst mit seinem Sohn im Studio gejammt und eine neue Version von "Shine" entwickelt. Auf einmal spaziert sein Vater rein. Das war urcool, und ich habe ihm gleich meine CD gegeben.

Schreuder: Du hast schon zwei Proben in der Arena gehabt. Wie liefen sie?

Kelly: Bei der ersten Probe war ich vor allem von der Halle und dem Sound begeistert. Das war so ein Zwick-mich-Gefühl.

Schreuder: Glaubst du, dass aller guten Dinge drei sind?

Kelly: Ähm, ja, wieso?

Schreuder: Es ist das dritte Mal, dass beim Song Contest ein Lied mit dem Titel "Shine" antritt. 2009 kamen damit die Niederlande nicht ins Finale, 2010 Georgien allerdings schon. Was soll beim dritten Mal passieren?

Kelly: Vielleicht ein Sieg, wäre doch nicht schlecht?

Schreuder: Du willst also den Song Contest nicht nur eröffnen, sondern auch beim Finale am Samstag beenden?

Kelly: Inwiefern beenden?

Schreuder: Na ja, das Siegerlied wird am Schluss ja noch einmal gesungen.

Kelly: Das würde mich natürlich reizen. Das will ja jeder Kandidat, der da mitmacht. Aber am Ende geht es darum, dass wir das Beste für uns selbst tun und uns mit unserer Leistung wohl fühlen. Jetzt will ich erst einmal ins Finale. Darauf arbeite ich hin. Ein Sieg bleibt immer im Hinterkopf. Das wird bei allen so sein. Aber ein Finaleinzug wäre schon ein Riesenerfolg.

Schreuder: Solltest du nicht gewinnen, wer soll es deiner Meinung nach tun?

Kelly: Meine persönlichen Favoriten sind Irland und Norwegen. Ich glaube auch, dass Norwegen gewinnen wird.

Schreuder: Worum geht es in deinem Song "Shine"?

Kelly: Darum, dass wenn man hinfällt, man wieder aufstehen kann. Dass man auch in dunklen Zeiten, wenn man glaubt, dass man nie wieder aus einem Loch herauskommt, einen Weg finden kann, das zu tun. Man muss nur die Chance ergreifen. Ich weiß, wie das bei mir war, als ich die sechste Schulklasse wiederholen musste. Ein verlorenes Jahr, das war schrecklich und sinnlos für mich, ich konnte das nicht verstehen.

Schreuder: Na ja, du bist ja nun sehr jung, aber es gibt auch Menschen, die Dramatischeres erleben, die ihren Job verlieren oder ...

Kelly: Jeder muss seine eigene Geschichte dazu finden. Wenn jemand schwer krank ist, dann wirkt meine Geschichte vermutlich etwas erbärmlich. Aber es ist trotzdem eine Erfahrung, die ich gemacht habe. Aber um zu meiner Geschichte zurückzukommen: Dieses eine Jahr hat mir total geholfen, und in diesem Jahr hatte ich dann Möglichkeiten, die ich sonst gar nicht gehabt hätte. Die Teilnahme beim Song Contest zum Beispiel.

Schreuder: Gäbe es zum Gesang eine Alternative? Irgendetwas, wo du sagen könntest: Das wäre ein Traumberuf für mich?

Kelly: Als ich klein war, wollte ich immer Tierärztin werden. Aber eigentlich war mir immer klar, dass ich Sängerin sein will. Etwas anderes müsste ich mir suchen. Natürlich gibt es auch andere Interessen, zum Beispiel etwas mit Sprachen oder Tourismus. Aber vermutlich würde ich das halbherziger machen und nicht wie bei der Musik, wo ich voll dabei bin.

Schreuder: Das Symbol des diesjährigen Song Contests ist ein Schmetterling mit vielen Farben und dazu das Motto "We are one". Damit soll die kulturelle Vielfalt Europas symbolisiert werden, aber eben auch das, was uns eint. Du hast einen amerikanischen Vater, eine brasilianische Mutter, dazu österreichische und irische Wurzeln und kamst als Zuwandererkind nach Österreich. Ist dir Multikulturalität ein Anliegen?

Kelly: Definitiv! Das ist für mich sehr wichtig, und genau das macht mich zu dem, was ich bin. Man kann sich aus allem das Wichtigste für sich selbst herausnehmen und wächst damit. Außerdem fühle ich mich überall wohl. Österreich ist schon meine Heimat, aber auch in Brasilien fühle ich mich geborgen, auch mit dem anderen Lebensstil. Dasselbe in den USA. Das macht das Leben schöner. (Marco Schreuder, derStandard.at, 12.5.2013)

  • Natália Kelly im Gespräch mit Marco Schreuder.
    foto: marco schreuder

    Natália Kelly im Gespräch mit Marco Schreuder.

  • Das Song-Contest-Outfit von Natália Kelly.
    foto: orf/thomas ramstorfer

    Das Song-Contest-Outfit von Natália Kelly.

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