Keiner kümmert sich ums Klima

11. Mai 2013, 16:24
266 Postings

Auch in Europa hat der Klimaschutz keine Lobby – nicht einmal bei den Grünen

Die Nachricht, dass der CO2-Gehalt in der Atmosphäre mit 400 Teile von einer Million (ppm) den höchsten Stand seit mindestens drei Millionen Jahren erreicht hat, sollte eigentlich weltweit alle Alarmsirenen hochgehen lassen. Das ist ein Anstieg von 26 Prozent in nur 55 Jahren.

Statt über Finanzkrisen, Ungleichheit, Terrorismus und Bürgerkriege sollten sich die Politiker fast ausschließlich dem Problem des Klimawandels widmen, der die Menschheit stärker bedroht als alles andere.

Sie tun es aber nicht. Der globale Kampf gegen die Erderwärmung, der auf dem Rio-Gipfel vor 21 Jahren ausgerufen wurde, wurde selten so halbherzig und ineffektiv geführt wie heute. Alles deutet darauf hin, dass die Menschheit einem weiteren Anstieg der Treibhausgase tatenlos zusehen wird. Ein Umdenken wird erst einsetzen, wenn es möglicherweise zu spät ist.

Einige Beispiele:

In den USA ist die Obama-Regierung zwar anders als die Republikaner davon überzeugt, dass menschliches Handeln den Klimawandel verursacht. Aber durchsetzen kann sie im Kongress dennoch wenig, und die Wirtschaft des Landes setzt immer mehr auf Schiefergas und -öl, das zwar durch die Verdrängung der noch schlimmeren Kohle den CO2-Ausstoß kurzfristig reduziert, aber die Abhängigkeit des Landes von fossilen Brennstoffen auf Jahre einzementiert.

In Japan hat die Tsunami- und Atomkatastrophe von Fukushima zu einer weitgehenden Abkehr von der Kernkraft geführt – mit der Konsequenz, dass die drittgrößte Volkswirtschaft der Welt wieder mehr Erdöl und verbrennt. Auch die deutsche Atomwende erhöht dort den CO2-Ausstoß.

Überhaupt ist in Europa der Elan beim Klimaschutz erlahmt. Das groß gefeierte Emissionshandelssystem hat sich als Fehlschlag erwiesen, weil die Industrielobbys für die Herausgabe viel zu vieler Verschmutzungsrechte gekämpft haben. Und statt dem Vorschlag der EU-Kommission zu folgen, Zertifikate aus dem Markt zu nehmen, hat das Europaparlament aus Rücksicht auf die schwache Konjunktur die Reform blockiert. Ja, Arbeitsplätze sind wichtig, aber die Erderwärmung wird so nicht gestoppt.

Zwar reden viele in Europa von der Förderung erneuerbarer Energien, aber oft geschieht das Gegenteil. Die vor kurzem beschlossenen Dumpingzölle gegen chinesische Solarmodule sind klimapolitisch ein Wahnsinn. Erst die billigen chinesischen Produkte machen die Sonnenenergien halbwegs rentabel. Statt dies zu feiern, geben die Behörden dem Druck der viel zu teuer produzierenden eigenen Herstellern nach, die selbst nie eine wirtschaftlich funktionierende Solarindustrie auf die Beine stellen könnten.

(Anmerkung: Ich kenne keinen Fall von Anti-Dumping-Maßnahmen, der wirklich berechtigt wären, weil echtes zerstörerisches Dumping betrieben wird. Das Motiv ist immer klassischer Protektionismus, getrieben von Interessensgruppen).

Und selbst in unseren eigenen grünen Gefilden tun sich erneuerbare Energien schwer. In Niederösterreich wird jetzt der Ausbau der Windkraft gestoppt, wegen der Sorgen um den Landschaftsschutz.

Überhaupt sind neben der Industrie, den mit ihnen verbundenen Gewerkschaften und den Klimawandelleugnern die Umweltschützer die schlimmsten Feinde des Klimaschutzes. Wer wirklich die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen brechen möchte, sollte nicht eine utopische Abstinenz predigen, sondern muss auf realistische Alternativen setzen – und dazu gehören nicht nur Wind und Sonne, sondern auch Wasserkraft (ja, auch in Tiroler Alpentäler und im Amazon), sinnvoll erzeugter Agrartreibstoff und die Atomkraft.

 Hunderte Milliarden müssten in die Forschung fließen, und das auch in den umstrittenen Bereich des Geo-Engineering.

Aber all das lehnen Grüne und Umweltschutzorganisationen vehement ab. Sie nehmen eher den Klimawandel in Kauf als ein Aufweichen ihrer Prinzipien.

Dabei sollte es heute jedem klar sein: Über den traditionellen Weg der Verteuerung der fossilen Emissionen, dem Aufruf zum Energiesparen und der Förderung bestimmter erneuerbarer Energien werden wir den Klimawandel nicht stoppen können.  Da werden wir in einigen Jahren auf Hawaii 500 ppm messen.

Das Hauptproblem dabei ist, dass der Klimaschutz keine wirkliche Lobby hat. Ja, jedem normal denkenden Menschen ist er wichtig, aber ein Herzensanliegen ist er nicht. Dazu ist die Bedrohung zu abstrakt, zu unsichtbar, und der Weg zur Lösung politisch, wirtschaftlich und technologisch zu kompliziert.

Das macht mir Angst. Wir – oder unsere Kinder – werden den Preis dafür eines Tages bezahlen.

Share if you care.