Das Gesicht wahren

Blog7. Mai 2013, 21:00
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Sein und Schein: Leben zwischen religiösem Traditionalismus und westlichem Pluralismus

Amirah ist ein weiblicher Vorname arabischer Herkunft. Übersetzt bedeutet er Anführerin, aber auch Prinzessin. Amirah, so nenne ich ein zehnjähriges Mädchen, das regelmäßig in unserem Jugendzentrum zu Besuch kommt - sie hat uns immer etwas zu erzählen.

Darunter sind auch Sachen, die ihr Kopfzerbrechen bereiten. Diesmal geht es um den Religionsunterricht an ihrer Schule. "Ich habe keine Lust, diese Zeilen auswendig zu lernen", verrät sie mir. Sie muss Hausaufgaben machen. Ihr Lehrer hat ihr aufgetragen, das islamische Gebet auswendig zu lernen. Doch Amirah interessiert sich nicht im Geringsten dafür.

Während sie erzählt, streift sie gelangweilt mit ihrem Bleistift über ein leeres Blatt Papier, dabei schaut sie auf die große Wanduhr: "Ich schwänze gerade den Unterricht." Ihre Mutter weiß nichts davon. Deshalb kommt die Zehnjährige zu uns und geht danach wieder heim. So soll zumindest der Schein gewahrt bleiben. Eine Zeit lang.

Nächstes Jahr wird sie elf. Dann soll sie keine kurzen Röcke und eng anliegenden Sachen mehr tragen, hat ihr die Mutter behutsam zu verstehen gegeben. "Das gehört sich einfach nicht", erklärt mir Amirah. Auch wenn sie gerne in kurzen, luftigen Sachen herumläuft.

Aus anderen Erzählungen, die ich bröckchenweise zu hören bekommen habe, weiß ich, dass es einem Großteil anderer, vor allem junger Mädchen ähnlich geht. Auch wenn diese Problematik nicht für alle Gültigkeit hat und es sich von Fall zu Fall unterscheidet. Ebenso auch, welchen Stellenwert Religion für den Einzelnen hat und wie Religiosität praktisch ausgelebt wird.

Trotzdem gibt es nicht wenige Fälle, in denen aus diesem traditionellen Korsett ein individuelles Problem entspringt. Denn manche leben in dem Spannungsverhältnis, in dem sie aufgewachsen sind. Es sind Wege, die zwischen religiösem Traditionalismus und westlichem Pluralismus gegangen werden. Die zugespitzten Schlagzeilen hierzu wurden schon oft geschrieben: "Zwischen Moschee und Disco" oder "Handy und Islam". Dazwischen ist es sehr facettenreich. Vieles findet aber auch dort statt, wo die Sicht von außen trüb und unklar erscheint. Sein und Schein oder Doppelleben sind Synonyme dafür. Andere vollziehen den mühsamen Balanceakt zwischen dem Erziehungssystem der Eltern und den Wertevorstellungen der Gesellschaft, an der sie, wie alle anderen auch, aktiv teilhaben.

Dabei können sich die Burschen oftmals freier fühlen als die Mädchen. Zumindest was Kleidungsvorschriften, Partnerschaften und das Ausgehen betrifft. Sie müssen sich nur selten moralisch rechtfertigen oder ihren Eltern Rede und Antwort stehen. Im Gegensatz dazu stehen viele Mädchen. Eine davon ist Amirah. (daStandard.at, 7.5.2013)

Der Autor ist Mitarbeiter einer Jugendbetreuungseinrichtung. Er möchte - vor allem im Sinne seiner jungen KlientInnen - anonym bleiben.

  • Keine Lust auf Religion? In der Jugendbetreuungseinrichtung können Mädchen wie Amirah den Schein wahren.
    foto: standard/newald

    Keine Lust auf Religion? In der Jugendbetreuungseinrichtung können Mädchen wie Amirah den Schein wahren.

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