Emily Bell über Print: "Es wird schlimmer, bevor es besser wird"

6. Mai 2013, 13:01
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Zeitungskongress in Wien beschäftigt sich mit der Zukunft von Qualitätsjournalismus

Qualitätsjournalismus darf sich nicht in die Abhängigkeit von politischer Subvention begeben, sondern muss auch künftig für die Verlagshäuser leistbar sein. Zwar selbstbewusst, aber etwas undifferenziert blieb die zentrale Conclusio der Auftaktdiskussion beim diesjährigen "European Newspaper Congress" in Wien. Entsprechend formulierte der ehemalige "Presse"-Chefredakteur Michael Fleischhacker angesichts der "endlichen Lebensdauer von Tagesprint": "Wie organisiert man den Übergang und was ist jenseits davon?"

Dass die aktuelle Zeitphase der medialen Transformation auch Erfolgsgeschichten zu bieten hat, davon berichtete etwa Jan-Eric Peters, Chefredakteur der "Welt"-Gruppe. Diese habe in den vergangenen zehn Jahren ihre Angebote nicht eingestellt, "sondern zugelegt. Als 'Welt'-Gruppe sind wir schwarz", verwies er auf den wirtschaftlichen Erfolg. Er sprach auch vom "Prinzip Tageszeitung", das mitgenommen wurde: "Einordnung kann man auch digital anbieten."

Information kostet Geld

Mehr als die Übertragung von Print-Qualitäten forderte wiederum "Kurier"-Chefredakteur Helmut Brandstätter mit dem Hinweis auf Video-Angebote oder Bilderstrecken. "Und man muss klar machen: Information kostet Geld. Wenn Leute das Gefühl haben, sie bekommen mehr heraus als sie einzahlen, dann wird es funktionieren." Er sparte gleichzeitig nicht mit Kritik an der staatlichen Förderung für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk, der auf der anderen Seite im Web-Bereich mit den Auftritten der Printprodukte konkurriere. Eine Abhängigkeit von öffentlicher Seite erteilte in Folge das komplette Podium eine Abfuhr.

Tobias Trevisan, Geschäftsführer der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung", forderte online eine stärkere Hinwendung auf Leserbedürfnisse, um "dann entsprechend Produkte zu machen". Eine neue Möglichkeit bieten sich Fleischhacker zufolge auch Tablets, die erstmals elektronischen Medienkonsum im "Leanback-Modus" ermöglichen. Hier sei auch "Unterhaltung auf gehobenem Niveau" erfolgsversprechend.

Paywall-Modelle

Paywall-Modelle sind für alle ein Thema, und während die deutschen Kollegen in der Durchführung schon weiter fortgeschritten sind, denke man beim "Kurier" derzeit "verschiedene Modelle an", so Brandstätter. "Ich glaube, dass es gebündelte Modelle sein werden", verwies er auf die mögliche Kombination von Print, Web, Tablet und mobilen Anwendungen. Trevisan wiederum kritisierte die "Dumpingpreispolitik" beim Springer-Verlag, zu dem auch die "Welt"-Gruppe gehört. Das hier mögliche, einmonatige Testabo zu 99 Cent "macht das Geschäftsmodell gleich wieder kaputt", konstatierte er. "Unsere Zielsetzung muss sein, digitale Produkte zu schaffen, die attraktiver sind, als es im Print möglich ist."

Emily Bell

Dass Journalismus auch künftig gerade im Sinne einer identitätsstiftenden und für die demokratische Gesellschaft relevanten Funktion notwendig sein wird, darin waren sich nicht nur die vier Praxisexperten einig, sondern auch Emily Bell. Die Medienwissenschafterin und Journalistin, die lange Zeit beim britischen "Guardian" gearbeitet hat, zeichnete aber in ihrem Eröffnungsvortrag düstere Zukunftsszenarien. Nicht nur würden große Redaktionen der Vergangenheit angehören, auch Versuche der Integration eines on- und offline abdeckenden Newsrooms erteilte sie eine Abfuhr.

Paywalls sieht sie hingegen als eine mögliche, "aber sicher nicht die komplette Antwort". Gerade in den USA werden aktuell verschiedenste Modelle angedacht und ausprobiert. "Nur durch rapide und beständige Innovation können wir Journalismus bestärken." Deshalb müssten Medien- und Verlagshäuser auch vermehrt an Kooperationen denken, während für Journalisten die Auseinandersetzung mit Geschäftsmodellen und Technologien zunehmen würde. "Es ist wichtig, dass Journalismus überlebt. Aber Print hat eine limitierte Lebensdauer. Klar ist: Es wird schlimmer, bevor es besser wird." (red, APA, 6.5.2013)

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