Der Besonnene mit besonderen Fasern

    5. Mai 2013, 18:17
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    Klaus Bodenmüller ist noch immer Österreichs einziger Mann mit einer Leichtathletik-WM-Medaille. Das Rampenlicht suchte er nie

    Rankweil/Wien - Die erste Kugel ist ein Stein gewesen, rund war er nicht, aber immerhin oval. Mit diesem Stein hat alles angefangen, wobei es schon möglich ist, dass auch ohne den Stein alles angefangen hätte. " Den Stein haben wir in der Frutz gefunden, das war ein kleiner Fluss in der Nähe", erzählt Klaus Bodenmüller. "Wo ich aufgewachsen bin, gab es eine unfertige Straße. Da haben wir diesen Stein genommen und ihn von der Straße weg in den Kies gestoßen. Wir haben das in den Ferien immer wieder gemacht, und am Ende des Sommers war ich ganz gut." Wir, das waren Klaus, sein um ein Jahr älterer Bruder Michael und ein paar andere Burschen aus der Gegend. Die 1970er-Jahre waren relativ jung, und die Freizeitmöglichkeiten für Kinder in Rankweil relativ überschaubar. Es gab keine Computer, keine Handys, und es gab keine 120 Fernsehkanäle.

    Natürlich hatte die achtgrößte Gemeinde Vorarlbergs eine Pfarre zu bieten, einen Sportverein gab es auch, die sogenannte Turnerschaft. Klaus war ein eher introvertierter, menschenscheuer Bub, die Mutter schickte ihn deshalb ganz bewusst los, stellte ihn vor die Wahl: Jungschar oder Sportverein. Klaus entschied sich für das, wie er heute sagt, "kleinere Übel", brachte den Stein quasi selbst ins Rollen. Bei einem Schülermeeting am 26. April 1975 in Götzis, wo im selben Jahr das erste Mehrkampfmeeting stattfinden sollte, stieß er eine vier Kilogramm schwere Kugel 8,86 Meter weit. Das reichte zu Rang sieben, unmittelbar hinter seinem Bruder Michael (8,97). Klaus hat die ausgedruckten Resultate aufgehoben, im Kopf hat er sie auch, so wie er die meisten Resultate seiner Karriere im Kopf hat.

    "Eigentlich wollte ich Speerwerfer werden"

    Die Leichtathletik hatte im Vergleich zur Kirche etwas weniger, aber schon auch Tradition. Die Rankweilerin Regina Branner hatte bei den Olympischen Spielen 1956 in Melbourne den siebenten Platz belegt - im Kugelstoßen. Doch an Frau Branner, die seit ihrer Heirat Egger heißt, hat sich Bodenmüller, Jahrgang '62, kaum orientiert. Als er 1976 die Spiele in Montreal via TV verfolgte, überfiel ihn eine fixe Idee. "Ich wollte auch einmal zu Olympia fahren. Aber eigentlich wollte ich Speerwerfer werden."

    Er klopfte beim Schulwart seiner alten Volksschule an, der gab ihm den Schlüssel zu der Garage, in der die Sportgeräte verstaut waren. Und schon stand Klaus auf dem Schulsportplatz und warf einen Speer nach dem anderen. "Wenn ein Speer richtig segelt", sagt er, "ist das ein schöner Anblick." Bodenmüller übte mit dem Speer und wurde immer besser - auch mit der Kugel. "Dabei war Kugelstoß nicht unbedingt die große Liebe." Als er 1980 die sieben Kilo schwere Kugel 16,20 Meter weit beförderte und Vorarlberger Landesrekord fixierte, war schon klar, dass der Speer ausgedient hatte und die Zukunft der Kugel gehörte.

    Am seidenen Faden

    Auch Kugelstoßen kann schön, kann befriedigend sein. "Man kann bei einem Stoß das Gefühl bekommen", so drückt es Klaus Bodenmüller aus, "dass man innerhalb der kurzen Zeit, in der man das Gerät bearbeitet, sich komplett entleeren kann." Wie oft in seiner Karriere, die 1993 enden sollte, er dieses Gefühl empfunden hat? "Dreimal." Das war 1983, als er erstmals über 17 Meter kam, das war 1985 bei einem Stoß auf 18,30 Meter, und das war bei der Hallen-EM 1990 in Glasgow, wo er mit 21,03 Metern den Titel holte. "In diesen Stößen steckte die ganze Zeit, die man investiert hatte. Man hat gemerkt, es wäre nicht weiter gegangen." Nach diesen drei Stößen sei er, sagt Bodenmüller, "eben gewesen", das war " ein Wahnsinnsgefühl".

    Dieses Gefühl bedeutet ihm, auch im Rückblick, mehr als die Erfolge. Das mag auch daran liegen, dass seine Karriere mehrmals an einem seidenen Faden hing. Er hatte als Zeitsoldat in der Südstadt abgerüstet und sich 1984 zweimal erfolglos fürs neue HSNS-Zentrum in Dornbirn beworben. "Da hatte ich eigentlich abgeschlossen mit dem Spitzensport." Er arbeitete bereits als Radio- und TV-Mechaniker, in seinem erlernten Beruf, als Anfang 1985 der HSNS-Kommandant anrief und ihm mitteilte, er solle doch noch einrücken - ohne dass Bodenmüller eigens darum angesucht hätte.

    Kurz darauf, im April '85, nahm der Kugelstoßer am Ostertrainingskurs im Bundessportzentrum Schielleiten teil. "Ich habe wie ein Berserker trainiert, war unachtsam." Zwei Kugelstoßanlagen liefen quasi ineinander, auf der einen ging Bodenmüller seine Kugeln einsammeln, auf der anderen warfen die Damen, und Bodenmüller wurde von einem drei Kilo schweren Gerät am Kopf gestreift. "Bei einem Volltreffer hätte ich wohl das Zeitliche gesegnet." So lag er mit Gehirnerschütterung und eingerissener Schädeldecke drei Wochen im Spital.

    Herausragende Resultate

    Klaus Bodenmüller ist, das wissen die wenigsten, Österreichs erfolgreichster männlicher Leichtathlet der Nachkriegszeit, er ist der Einzige, der eine (Olympia- oder) WM-Medaille gewann. 1991, bei der Hallen-WM in Sevilla, musste sich der Vorarlberger mit 20,42 Metern nur dem Schweizer Werner Günthör (21,17) geschlagen geben. Ohne dass er ein " Wahnsinnsgefühl" gehabt hätte. "Da habe ich gedacht, es hätte weiter gehen können." Bemerkenswert ist Sevilla dennoch gewesen, schließlich verband Bodenmüller und Günthör eine jahrelange Trainingsgemeinschaft und Freundschaft. "Bei der WM haben wir sogar im selben Zimmer geschlafen."

    Günthör, dessen Betreuer Jean-Pierre Egger sich auch Bodenmüllers angenommen hatte, blieb der erfolgreichere. Die EM 1990 hatte der Schweizer wegen einer Bandscheibenoperation versäumt. So oder so war Bodenmüllers Goldene eine Sensation. Vor dem letzten Durchgang lag er hinter dem ostdeutschen Weltrekordler Ulf Timmermann auf Rang zwei, zunächst wurde er von Timmermanns Landsmann Oliver-Sven Buder überholt. " Dann kam der Traumstoß." Bodenmüller setzte sich an die Spitze, Timmermann konnte nicht kontern. Das ergab ein ungewöhnliches Bild bei der Siegerehrung. Rotweißrot in der Mitte, DDR-Fahnen links und rechts. Im Herbst davor war die Berliner Mauer gefallen, bald sollte sich Deutschland auch sportlich wiedervereinigen. Bodenmüller versöhnte sich 1992 als Olympia-Sechster noch mit den Spielen, nachdem ihm 1988 im zweiten Versuch die Quadrizepssehne im rechten Knie gerissen war. 1993 hörte er auf.

    Seine Alleinstellung als heimischer WM-Medaillengewinner bedeutet Bodenmüller "nicht sehr viel". Das liegt vor allem an einer prinzipiellen Bescheidenheit. "Ich hatte ja sehr spezielle Fähigkeiten." Eine Muskelbiopsie wies ihm achtzig Prozent schnelle Fasern im Oberschenkel aus - und zwar nicht Fasern vom klassischen Typ A, der den Sprintern hilft, sondern Fasern vom Typ B, der einen in der Bewegung mehr Kraft entfalten lässt.

    Unaufdringliche Art

    Dass Bodenmüller öffentlich unterschätzt wurde, lag vor allem an seiner stillen, unaufdringlichen Art. Sportler des Jahres wurden andere, 1990 Thomas Muster, 1991 Stephan Eberharter, in den damaligen Jahrbüchern der Bundes-Sportorganisation (BSO) wird Bodenmüller so gut wie gar nicht erwähnt. "Das stört den Bodo wahrscheinlich am wenigsten", sagt Konrad Lerch, der Götzis-Veranstalter und Bodenmüller-Manager war. "Mit Oberflächlichkeit hatte er nie viel am Hut. Er ist so gar nicht öffentlichkeitsgeil. Er hat als Athlet in sich geruht, er ruht auch jetzt in sich."

    Gespräche mit Klaus Bodenmüller dauern länger und gehen tiefer als andere Gespräche. Er überlegt sich, was er sagt, er überlegt sich, was er tut. 1994 hatte er sich überlegt, die HTL für Nachrichtentechnik und Elektronik nachzuholen. Er war der älteste Schüler, aber nicht der beste, maturierte 1999. Bodenmüller arbeitet als Programmierer für die Lustenauer Firma Alge-Timing. "Das Programmieren", sagt er, "hat mich immer interessiert." Er wertet Ergebnisse von Leichtathletik-Meetings aus, bei Landesmeisterschaften, in Götzis, aber auch beim Diamond-League-Meeting in Zürich. Nebenbei gibt er sein Wissen auch als Trainer weiter, etwa an die hoffnungsvollen Mehrkampftalente Niklas Schnetzer und Belinda Pirker.

    Bodenmüller ist alleinstehend, er hat kein Auto, keinen Fernseher und kein Handy, nicht aus einer Ablehnung heraus, sondern weil er einfach kein Auto, keinen Fernseher und kein Handy braucht. An Sonntagen dreht er gerne eine Laufrunde, die Runde ist meistens zwanzig Kilometer und im Sommer manchmal sogar vierzig Kilometer lang. Dreimal hat er den Drei-Länder-Marathon mit Ziel in Bregenz absolviert, jedes Mal kam er nach gut sechs Stunden ins Ziel. Das ist schon beachtlich für einen Mann, der bei 1,94 Metern Körpergröße zwar nicht mehr wie zu Wettkampfzeiten 110 Kilogramm auf die Waage bringt, aber immer noch dreistellig ist. "Man muss", sagt Klaus Bodenmüller, "nur im Sauerstoffgleichgewicht bleiben." (Fritz Neumann, DER STANDARD, 06.05.2013)

    • Kein Auto, keinen Fernseher und kein Handy, dafür eine WM-Medaille: Klaus Bodenmüller.
      foto: privat

      Kein Auto, keinen Fernseher und kein Handy, dafür eine WM-Medaille: Klaus Bodenmüller.

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