Welttag der Pressefreiheit existiert für Mexiko nur auf dem Papier

29. April 2013, 11:06
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Blutige Gewalt und wirtschaftlicher Druck - Reporter im Kreuzfeuer

Reporter leben gefährlich in Mexiko - Der Welttag der Pressefreit am 3. Mai gilt für das Land nur auf dem Papier. Seit 2006 wurden nach Angaben des Committee to Protect Journalists (CPJ) 14 Journalisten wegen ihrer Arbeit getötet. Bei 27 weiteren Journalistenmorden sei das Motiv noch nicht zweifelsfrei bestätigt. Die Nichtregierungsorganisation Article 19 beziffert die wegen ihrer Arbeit getöteten Journalisten allein für 2012 auf sieben. Auf dem Index der Pressefreiheit des Forschungsinstituts Freedom House liegt Mexiko auf dem 139. Platz, hinter Libyen und der Ukraine.

Dabei gibt es in Mexiko keine staatliche Zensur, vielmehr verstummen viele Journalisten aus Angst vor Repressalien der Kartelle oder der örtlichen Sicherheitskräfte. "Die Gewalt gegen Journalisten in Mexiko ist erschreckend", sagt der örtliche Vertreter des CPJ, Mike O'Connor. Die meisten Morde würden nie aufgeklärt und wenn tatsächlich mal jemand verurteilt wird, dann häufig der Falsche.

Dubiose Ermittlungen

So fand die Polizei etwa Regina Martinez im Badezimmer ihres Hauses. Die Journalistin des Nachrichtenmagazins "Proceso" war zusammengeschlagen und erdrosselt worden. Mit ihrer Arbeit hatte sie sich viele Feinde gemacht: Sie berichtete über die Verteilungskämpfe der Drogenkartelle im Osten Mexikos, Menschenrechtsverletzungen durch Sicherheitskräfte und korrupte Politiker. Bereits kurz nach der Entdeckung der Leiche erklärte die Staatsanwaltschaft, sie gehe von einem Raubmord aus - dabei waren nur Martinez' Computer und ihr Handy verschwunden.

Anfang April, rund ein Jahr nach der Tat, wurde das Urteil im Fall Martinez gesprochen. Zwar erklärte der Angeklagte vor Gericht, er habe sein Geständnis unter Folter abgelegt. Dennoch wurde der Mann wegen Mordes zu 38 Jahren Haft verurteilt. Für Martinez' früheren Arbeitgeber war der Prozess eine Farce. "Es gab so viele Unstimmigkeiten in den Ermittlungen", schrieb "Proceso" nach der Urteilsverkündung. "Die wirklich Schuldigen bleiben unbekannt."

Sprengstoffanschläge auf Redaktionen

Auch der Amerika-Referent der Organisation Reporter ohne Grenzen, Benoit Hervieu, hält die weit verbreitete Straflosigkeit für die größte Bedrohung der Pressefreiheit in Mexiko. "Nötig wäre eine grundlegende Reform des Justizsystems und eine bessere Kooperation zwischen den Bundesstaaten und der Zentralregierung."

Die unabhängige Berichterstattung vor allem der Regionalzeitungen wird gleich von zwei Seiten bedroht. Immer wieder werden Brand- und Sprengstoffanschläge auf Redaktionen verübt. Lokalpolitiker, die bei einer kritischen Berichterstattung über die Drogenkriminalität um den Ruf ihrer Region fürchten, üben hingegen wirtschaftlichen Druck aus. "Die Lokalpresse ist auf Anzeigen der Regierung und staatsnaher Unternehmen angewiesen", sagt CPJ-Repräsentant O'Connor. "Sie können es sich nicht leisten, die Politiker zu verärgern und ihre Haupteinnahmequelle zu verlieren."

Einstellung der Berichterstattung

Mehrere Zeitungen haben bereits Konsequenzen gezogen und ihre Berichterstattung über den Drogenkrieg eingestellt. Anfang März erklärte die Redaktion des "Zocalo" aus dem nordmexikanischen Bundesstaat Coahuila, die werde aus Sorge um die Sicherheit der Mitarbeiter künftig keine Artikel über das organisierte Verbrechen veröffentlichen. Im vergangenen Jahr hatte bereits die Zeitung "El Manana" aus dem Bundesstaat Nuevo Laredo die Berichterstattung über die Kartelle eingestellt. "Wenn Journalisten bedroht werden, hören sie auf Journalisten zu sein und die Öffentlichkeit zu informieren", sagt O'Connor.

Wo traditionelle Medien die Waffen strecken, werden Blogs und soziale Netzwerke im Internet immer wichtiger. Der "Blog del Narco" sammelt seit 2010 Informationen über den Drogenkrieg und das organisierte Verbrechen in Mexiko. Hinter dem Projekt steckt eine junge Frau. "Wir wechseln jeden Monat unseren Wohnort. Wir verstecken unsere Ausrüstung. Wenn uns die Behörden zu nahe kommen, hauen wir ab", sagte die Initiatorin mit dem Pseudonym Lucy kürzlich in ihrem ersten Interview der britischen Zeitung "Guardian". Oft habe sie schon daran gedacht aufzuhören, aber es stehe zu viel auf dem Spiel. "Wir haben eine Botschaft zu verbreiten. Sie haben uns unsere Gelassenheit genommen, unsere Träume und unseren Frieden." (APA, 29.4.2013)

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