Gilbert-Syndrom: Hohes Bilirubin verbessert Fettstoffwechsel

22. April 2013, 12:57
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Außerdem scheint ein erhöhter Bilirubinspiegel vor DNA- und Chromosomenschäden zu schützen

Gelbe Haut, gelbe Augen: Was auf den ersten Blick krank wirkt, hat einige positive Auswirkungen, so Ernährungswissenschaftler der Universität Wien. Gesichert ist das für den Fettstoffwechsel, und es scheint, als stecke noch weitaus größeres Potenzial in den Gallenfarbstoffen.

Der Prozess ist einfach erklärt: Beim Abbau des roten Blutfarbstoffs Hämoglobin entsteht zuerst der Gallenfarbstoff Biliverdin. Daraus geht Bilirubin hervor, das zur Leber wandert und dort in einen wasserlöslichen Stoff umgewandelt wird. Die nächste Station ist der Darm. "Hier erfolgt wieder eine Reduktion, Bilirubin heißt nun Urobilinogen. Einen beträchtlichen Anteil dieses Stoffs scheidet der Mensch aus, der Rest gelangt zurück zur Leber", erklärt Karl Heinz Wagner vom Department für Ernährungswissenschaften.

Mehr Bilirubin im Organismus

Doch bei rund acht bis zehn Prozent der Bevölkerung schaut die Sache anders aus: Sie haben eine geringere Aktivität des "UDP-UGT1A1"-Enzyms, das in der Leber das wasserlösliche, damit ausscheidbare, Bilirubin bildet. Ihr Bilirubinspiegel ist daher höher als üblich ("Gilbert-Syndrom"). Vor allem in Stresssituationen erscheinen dann Haut und Augäpfel gelblich. Christine Mölzer war an mehreren Publikationen zum Thema beteiligt. Sie erklärt: "Eine Gelbfärbung kann etwa durch physischen und psychischen Stress, sei es durch das Aussetzen von Nahrung oder aber durch Nervosität wie vor Prüfungen oder Referaten, ausgelöst werden." Auch bei Neugeborenen wird das Symptom oft beobachtet, unter anderem da das Enzym noch nicht vollständig arbeitet.

Für die Betroffenen ist das nicht gefährlich, im Gegenteil: Es deutet einiges darauf hin, dass ein erhöhter Bilirubinspiegel vor DNA- und Chromosomenschäden, beispielsweise Mutationen, und somit vor Krebserkrankungen und Herz-Kreislauferkrankungen schützt. Warum das so sein könnte, haben die Wissenschaftler in mehreren Einzelstudien untersucht und sind dabei in verschiedene Richtungen gegangen.

Schutz vor DNA-Schädigung

Die antimutagene Wirkung des Bilirubin erforschte Mölzer zuerst anhand von Salmonellenstämmen im Labor. Sie führte den kranken, also bereits mutierten Zellen, gemeinsam mit verschiedenen mutagenen Substanzen Gallenfarbstoffe zu und konnte zeigen, dass die Zellen geschützt sind. Da die Gallenfarbstoffe eng mit dem Darm in Verbindung stehen, hat sich die Nachwuchswissenschaftlerin dann im Zellkulturmodell mit den beiden zentralen Organen Leber und Darm beschäftigt und Krebszellen untersucht. "Während wir im Bakterienmodell einen stark antimutagenen Effekt – also Schutz vor DNA-Schädigung – feststellen konnten, ist es bei den Krebszellen genau umgekehrt: Die Gallenfarbstoffe bewirken eine Schädigung der DNA. Da es das Ziel jeder Krebstherapie ist, die Krebszellen selektiv abzutöten, ist das ein positives Ergebnis", so Mölzer.

Verbesserter Fettstoffwechsel

Was im Labor funktioniert, lässt sich "in vivo" im Rahmen von Humanstudien aber nicht so einfach nachweisen. Im "Reagenzglas" sieht man zwar, dass Gallenfarbstoffe als Anti-Oxidantien wirken. Sie verhindern eine unerwünschte Oxidation, die zu DNA-Schädigung führt und können Mutation sogar rückgängig machen. In Untersuchungen bei Menschen mit Gilbert-Syndrom ist diese Wirkung aber noch nicht bestätigt.

Doch die Wissenschaftler um Wagner sind im Rahmen ihrer Humanstudien auf eine andere Fährte gestoßen. Sie stellten fest, dass Personen mit dieser chronischen Stoffwechselstörung einen stark verbesserten Fettstoffwechsel haben. "Die klassischen Risikoparameter wie beispielsweise Cholesterin sind signifikant niedriger als in der Kontrollgruppe der Personen ohne erhöhtem Bilirubin", erklärt der Ernährungswissenschaftler: "Es scheint daher einen Schutz vor altersbedingten Störungen, wie hohem Cholesterin- oder Triglyceridspiegel zu geben." Weiters bemerkte das Team, dass Menschen mit Gilbert-Syndrom einen niedrigeren BMI aufweisen, also generell schlanker sind. Auch das trägt zu einem geringeren Risiko für Erkrankungen bei. (red, derStandard.at, 22.4.2013)

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