Entfernung der Mandeln bei Kindern häufig nicht notwendig

16. April 2013, 13:55
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Statt einer Tonsillektomie ist nicht selten eine Teilentfernung der Gaumenmandeln sinnvoller, wodurch sich auch das Blutungsrisiko deutlich senken lässt

In Deutschland zählt die Mandel-Operationen an Kindern im Alter bis zu 14 Jahren zu einem der häufigsten Eingriffe in dieser Altersklasse. Insbesondere bei einer Komplettentfernung besteht das Risiko von Komplikationen wie Nachblutungen, die auch lebensbedrohlich sein können, betonen Experten. 

"Blutungskomplikationen nach einer Tonsillektomie, der vollständigen Entfernung der Gaumenmandeln, die im OP versorgt werden müssen, ereignen sich bei etwa fünf Prozent aller Patienten. Diese können sich zu jedem Zeitpunkt und bei jedem Patienten zu einer lebensbedrohlichen Komplikation entwickeln", erklärt Jochen Windfuhr, HNO-Chefarzt der Kliniken Maria Hilf in Mönchengladbach.

Relevanz postoperativer Betreuung

Unter den Risikofaktoren für das Auftreten und die Intensität postoperativer Blutungen werden immer wieder Operationstechnik, aber auch Patientenalter, Patientengeschlecht und Narkoseform genannt.

"Dies hat uns aber bisher nicht geholfen vorherzusagen, wer von unseren Patienten bluten wird. Bei kleinen Kindern ist die Situation außerdem komplizierter, denn sie tolerieren nur geringere Mengen an Blutverlust. Dabei sind es nicht immer Massenblutungen, die wir fürchten. Auch bei so genannten Sickerblutungen können große Blutmengen unbemerkt verschluckt werden und dann zum schwallartigen Bluterbrechen beziehungsweise zum Kollaps des Herz-Kreislaufsystems führen", so der Mediziner.

Deswegen sei besonders bei jungen Patienten eine lückenlose postoperative Betreuung auch nach Entlassung aus der stationären Versorgung bis zum vollständigen Verheilen der Wunden besonders wichtig. "Eltern müssen wissen, was zu tun ist, wenn ihr Kind blutet", ergänzt Windfuhr.

Individuelle Umstände berücksichtigen

Die wissenschaftliche Beurteilung, ob die Mandeln überhaupt entfernt werden müssen, wird inzwischen wesentlich strenger beurteilt und hat zu einem erheblichen Rückgang der Operationshäufigkeit geführt: "Internationale Leitlinien und folglich immer mehr Ärzte orientieren sich an den Ergebnissen einer Studie aus den USA aus dem Jahre 1984, die den Nutzen einer Mandelentfernung für Patienten im Alter bis zu 15 Jahren untersuchte und bis heute Berücksichtigung bei den Leitlinien findet", so der HNO-Experte.

Eine Indikation zur Tonsillektomie - der vollständigen chirurgischen Entfernung der Gaumenmandeln - im Kindesalter besteht nach dieser Studie erst ab einer bestimmten Anzahl an wiederkehrenden Mandelentzündungen. In aktuellen Leitlinien wird aber auch darauf hingewiesen, dass die individuellen Umstände des Patienten berücksichtigt werden müssen. Liegen beispielsweise multiple Antibiotika-Allergien vor, die eine Entzündungstherapie unmöglich machen, ist die Indikationsstellung gerechtfertigt. Aber auch bei anderen Krankheitsbildern, wie Mandelabszessen oder einem PFAPA-Syndrom, eine seltene Fiebererkrankung, ist die Mandelentfernung hilfreich.

Tonsillotomie statt Tonsillektomie

War früher noch die vollständige Entfernung der Gaumenmandeln als Routinetherapie bei den verschiedensten Krankheitsbildern anerkannt, so werden seit Ende der 1990er Jahre zunehmend Teilentfernungen - sogenannte Tonsillotomien - vorgenommen.

Bei dieser Technik bleibt die Tonsillenkapsel erhalten und die größeren zuführenden Gefäße werden geschont. Dadurch ist das Blutungsrisiko deutlich geringer und der Patient hat weniger und kurzfristiger Schmerzen. "Wenn die Mandeln zu groß sind, führt dies gerade bei unseren kleinen Patienten zu einer Verengung der Atemwege. Das hat erhebliche Auswirkungen auf die Schlafqualität bei den betroffenen Kindern, die deswegen von der Verkleinerung der Gaumenmandeln deutlich profitieren", so das Fazit von Windfuhr. (red, derStandard.at, 16.4.2013)

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