Rundschau: Aus dem Leben eines SF-Autors

    Ansichtssache18. Mai 2013, 10:10
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    Einstein als Comic-Held, außergewöhnliche Biografien und SF-Krimis von Peter F. Hamilton, Hannu Rajaniemi und Barbara Slawig

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    coverfoto: bastei lübbe

    Peter F. Hamilton: "Die Dämonenfalle"

    Broschiert, 350 Seiten, € 12,40, Bastei Lübbe 2013 (Original: "Manhattan in Reverse", 2011)

    Für alle, die Peter F. Hamilton - Schöpfer der "Commonwealth"- und "Void"-Reihen - schätzen, sich von seinen Ultrasuperlang-Epen aber doch ein wenig eingeschüchtert fühlen, kommt hier das Richtige: Sieben Kurzgeschichten, die der Brite zwischen den Jahren 1998 und 2011 veröffentlicht hat. Guter Stoff. Auf Deutsch vielleicht ein wenig unter Wert verkauft bzw. fehldeklariert, weil die eigentliche Titelgeschichte "Manhattan in Reverse" hier "Ein ganz großer Deal" heißt, was als Buchtitel zugegebenermaßen nicht so besonders klingen würde. Also musste wohl "Demon Trap" einspringen. Mit Fantasy oder Horror hat die Storysammlung aber nichts zu tun, es handelt sich um SF reinsten Wassers.

    Sehnsucht nach der guten alten Welt

    Etwa das großartige "Abstimmung mit den Füßen" ("Footvote"), das Hamilton ursprünglich 2005 veröffentlichte, für diese Sammlung aber mit Verweisen auf die Weltwirtschaftskrise der vergangenen Jahre aktualisierte. Den Hintergrund von "Footvote" bildet ein wahr gewordener Wutbürgertraum: Ein Privatmann hat in England ein Wurmloch zu einer anderen Welt geöffnet und baut sich dort drüben seine ideale Gesellschaft auf. Eine ohne Politiker und Politessen, ohne Callcenter-Betreiber und Börsenmakler - eben ohne all das, was dem hilflosen Globalisierungsverlierer von heute so zusetzt. Manche der aufgestellten Regeln klingen himmlisch: Größtmögliche Freiheit für jeden, Verzicht auf Gewalt, Verbot von Religionen und ähnlichen Ideologien ...

    ... doch für Multikulturalität hat das sehr der Vergangenheit zugewandte neue Utopia auch keinen Platz. Und während viele Übersiedlungswillige ausgesperrt bleiben, findet unter den "echten EngländerInnen" ein Exodus statt, der das Land allmählich lahmlegt. Eine der ProtagonistInnen empört sich über das rassistische, faschistoide Arschwurmloch (das hätte ich fast als Rundschau-Titel genommen). Aber letztlich stehen auch diejenigen, die aus ethischen Gründen gegen die neue Welt protestieren, vor der ganz persönlichen Entscheidung, ob sie wirklich lieber in ihrer bröckelnden alten bleiben wollen. Diese moralische Ambivalenz macht "Footvote" zur besten der hier versammelten Geschichten.

    Im "Commonwealth"-Universum

    Hamilton-Fans werden natürlich besonders auf die Geschichten gespannt sein, die in seinem Intersolaren Commonwealth angesiedelt sind: Ein Zukunftsentwurf, der sich technologisch auf dem Level von Iain Banks' Kultur bewegt (Auferstehung durch gespeicherte Bewusstseinskopien oder geradezu lächerlich schnelle Wurmloch-Verbindungen durch die Galaxis ...), leider aber nicht deren inneren Frieden hat. Gesellschaftliche Konflikte und Verbrechen gehören noch immer dazu - kein Wunder, es gibt ja auch noch Geld. Woraus sich zwei neue Fälle für die unbestechliche Ermittlerin Paula Myo ergeben, die wir bereits aus einigen Romanen kennen.

    "Ein ganz großer Deal" ("Manhattan in Reverse") ist zeitlich ca. ein Jahr nach dem Starflyer-Krieg angesiedelt, allerdings tut diese Insider-Info nichts zur Sache: Im Grunde ist es der klassische SF-Plot von einer menschlichen Kolonie, die plötzlich Ärger mit eingeborenen Lebensformen kriegt. "Dämonenfalle" ("The Demon Trap") ist schon stärker mit dem "Commonwealth"-Hintergrund verwoben: Wenn auf einer Extremsportwelt eine Flugzeugladung Jeunesse dorée in die Luft gesprengt wird, dann hängt dies eng mit dem evolutionären Kampf der verschiedenen transhumanen Entwicklungslinien zusammen, die Hamilton in seinem "Commonwealth"-Zyklus beschreibt. Das gilt auch für die sexuellen Infiltrationsversuche eines Angels auf einer leicht verschlafenen Randwelt in "Wenn Engel reisen" ("Blessed by an Angel"): Altfans werden darin eine Art Vorgeschichte der "Void"-Trilogie erkennen.

    Roter Faden Unsterblichkeit

    Obwohl die Erzählungen dieser Sammlung abgesehen von obigem Trio in unterschiedlichen Welten angesiedelt sind, taucht ein Motiv doch immer wieder auf: Unsterblichkeit. Siehe auch die Vignette "Das ewige Kätzchen" ("The Forever Kitten"), die aber in ihrer Kürze hauptsächlich deshalb bemerkenswert ist, weil sie ursprünglich im Wissenschaftsmagazin "Nature" veröffentlicht wurde. Nebenbei bemerkt: Bibliografische Angaben werden in der deutschsprachigen Ausgabe der Sammlung leider vermisst.

    Interessanter ist die Parallelwelten-Geschichte "Auf ein Neues" ("If At First ..."), ein beinahe nostalgisches Vergnügen. Ein Polizist erfährt vom Stalker des berühmtesten Industriellen des Planeten, dass dieser Infos durch die Zeit zurückschicken konnte, was seinem jüngeren Ich einen Startvorteil verschaffte. Ein auf seine altmodische Art nettes Stück Ideen-SF.

    Das Jahrhundertverbrechen

    Die neben "Footvote" zweite herausragende Erzählung ist die Novelle "Den Bäumen beim Wachsen zusehen" ("Watching Trees Grow"); auf Deutsch schon einmal in der Anthologie "Unendliche Grenzen" (2003) veröffentlicht. In dieser Alternativweltgeschichte ist das Römische Imperium nie untergegangen. Zusammengehalten wurde es durch adelige Familien, die das Geheimnis extremer Langlebigkeit entdeckt haben. Allerdings hat dieser stabilisierende Faktor auch dazu geführt, dass der technische Fortschritt hier schneller abgelaufen ist als in unserer Welt - ein bezauberndes Paradoxon. Und nicht das einzige: Im frühen 19. Jahrhundert ist man hier schon auf dem technologischen Stand unseres 20., das Jahr 2000 der Romanwelt ist dem Commonwealth in Hamiltons Hauptschöpfung ebenbürtig. Und trotzdem überwiegen familiäre Strukturen weiterhin eine übergeordnete Staatsgewalt, und die Kirche wacht eisern über ein totales Verhütungsverbot.

    Edward Buchanan Raleigh ist Vertreter einer Adelsfamilie und muss sich mit etwas beschäftigen, das in dieser zivilisierten Welt, die weder Armut noch Kriege kennt, eigentlich undenkbar ist: ein Mord. Um diesen zu klären, muss Edward all das aufbieten, was seine Peers auszeichnet: Die langfristige Perspektive des Beinahe-Unsterblichen, verbunden mit der Disziplin, sich durch ständiges Weiterlernen der technologischen Akzeleration anzupassen. Edward bleibt mit seinen Ermittlungen am Ball, von 1832 bis ins Jahr 2038 - und er wird den Fall zu guter Letzt tatsächlich lösen. Was als klassische Murder Mystery (in Oxford!) begann, wird sich dann als untrennbar mit dem Setting verbundenes Verbrechen erweisen. "Watching Trees Grow" ist damit das perfekte Beispiel eines SF-Krimis. Höchst lesenswert, wie auch diese Sammlung insgesamt.

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