Rundschau: Aus dem Leben eines SF-Autors

    Ansichtssache18. Mai 2013, 10:10
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    Einstein als Comic-Held, außergewöhnliche Biografien und SF-Krimis von Peter F. Hamilton, Hannu Rajaniemi und Barbara Slawig

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    coverfoto: septime

    Julie Phillips: "James Tiptree Jr. Das Doppelleben der Alice B. Sheldon"

    Gebundene Ausgabe, 800 Seiten, € 29,90, Septime 2013 (Original: "James Tiptree, Jr.: The Double Life of Alice B. Sheldon", 2007)

    "Man hat mich als genial bezeichnet, als schön, neurotisch, selbstmordgefährdet, rastlos, amoralisch, anarchisch, gefährlich, durcheinander, schwach, stark, verdreht und schlichtweg verrückt. [...] Und es ist meine Überzeugung, dass mindestens neunzig Prozent von all dem auf meine Angehörigkeit zum weiblichen Geschlecht an diesem Ort und zu dieser Zeit zurückzuführen sind." (Major Alice Hastings Bradley Davey Sheldon, Ph. D., 1915 - 1987)

    Ende und Anfang einer Tragödie

    Wir kennen mittlerweile in groben Zügen die Geschichte von der "netten älteren Dame" Alice B. Sheldon, die in den späten 60ern und frühen 70ern unter männlichem Pseudonym die SF-Community in Wallungen versetzte. Mit ebenso temporeichen wie beunruhigenden, in knappem und vermeintlich "männlich-kraftvollem" Stil gehaltenen Erzählungen über Sex und Tod (was oft auf ein und dasselbe hinauslief; hier die Nachlese zu ein paar Beispielen). In der rein brieflich gehaltenen Kommunikation dieses sensationellen neuen Autors mit der Außenwelt klangen verlockende Anspielungen auf seine Vita (Geheimdienstarbeit!) an, die das Faszinosum "James Tiptree Jr." noch weiter verklärten.

    Wer sich aber ausgemalt hat, dass diese nette ältere Dame die ganze Zeit über vergnügt im Kämmerchen saß und sich in diebischer Freude über ihre Charade die Hände rieb, der hat sich leider getäuscht. In Wirklichkeit war alles sehr viel tragischer, wie uns die großartige Biografie der Kulturjournalistin Julie Phillips über das wahre Leben der Alice B. Sheldon zeigt. Diese Bio liest sich - ihrer Hauptfigur ist's verdankt - stellenweise selbst wie ein Roman. Einer von Hemingway beinahe - immerhin war die kleine Alli schon im zarten Alter von sechs Jahren mit auf Gorillajagd im damals noch weitgehend unerforschten Kongo. Und machte dort ihre ersten Erfahrungen mit Angst und Sterblichkeit.

    Sheldon streifte mit dem Gewehr durch die Wildnis, nahm Drogen, sprang sexuell bedrängt aus dem Fenster, war in Prügeleien verwickelt (was sie irgendwie dennoch mit ihrer "viktorianischen" Erziehung unter einen Hut brachte) und lieferte mit haarsträubenden Episoden ausreichend Stoff für einen ganzjährigen TV-Schwerpunkt; mal Krimi, mal Doku-Soap, mal Sitcom. Siehe etwa die Anekdote über ein in die Binsen gegangenes Referat: "[Ich] kletterte auf das einen halben Meter hohe Rednerpult, kündigte mein Thema an, schaute in den Saal voller Gesichter, übergab mich entschieden, und krachte ohnmächtig zu Boden, wobei ich mir zwei Veilchen einhandelte. (Später hörte ich, dass der Auftritt zur 'interessantesten Präsentation' gekürt worden war.)" Nur leider war sie dabei die ganze Zeit über unglücklich.

    Ein Leben im Zickzackkurs

    Geboren in eine Chicagoer Familie der besseren Gesellschaft und gesegnet/verflucht mit einer überlebensgroßen Mutter, die als Abenteurerin und Schriftstellerin wie ein Prototyp der späteren Karriere ihrer Tochter wirkt, macht Sheldon früh die Erfahrung, dass Frauen in ihrer Zeit eine zweitklassige Rolle zukommt. Das verstärkt sich noch, als sie im Zweiten Weltkrieg dem eher verlachten als bedankten Women's Army Corps beitritt. Die Auswertung von Luftbildern wird sie dann nicht nur nach Deutschland zur Stunde Null führen, sondern auch der Beginn ihrer kurzen, aber vielzitierten CIA-Karriere sein.

    Und sie lernt dabei ihren zweiten Mann kennen, nachdem ihre erste Ehe zwischen Alkohol, Gewalt und beiderseitigen Affären gelinde gesagt stürmisch verlaufen war. Mit ihrem zweiten Mann Huntington Sheldon wird sie dann ein Leben lang in platonischer Liebe zusammenbleiben. 1987 wird sie ihn nach einem geschlossenen Selbstmordpakt - Phillips lässt offen, wie bereit Huntington wirklich dafür war - im Schlaf erschießen und dann sich selbst das Leben nehmen.

    Die letzte Karrierestation

    Weitere prägende Stationen, noch lange vor der Geburt ihres Autorenpseudonyms: Ein mit 41 begonnenes Psychologiestudium, das sie nach Abschluss doch nicht zu einer wissenschaftlichen Karriere weiterführte, das aber später für ihre schriftstellerische Arbeit wichtig werden sollte: Immer dann, wenn sie in ihren Erzählungen Wahrnehmung und Perspektive in Frage stellte und ihren LeserInnen damit den Boden unter den Füßen wegzog. Weiters ein absurdes Kükenzucht-Intermezzo und das Erleben des großen Backlashes in Sachen Frauenrechte, wie er nach dem Krieg von Staat und Gesellschaft systematisch betrieben wurde. Und dann endlich, 1967: Tiptree. Aus einer Laune heraus benannt nach einer Marmeladensorte. Und beibehalten, nachdem die ersten unter diesem Namen an Verlage geschickten Erzählungen auf Beifall stießen.

    ... aber auch das war für Sheldon nicht der Weg ins Glück. Als James Tiptree Jr. schien Sheldon endlich ihre Stimme gefunden zu haben und genoss zeitweise das raffinierte Versteckspiel, wenn sie mit SF-Größen wie Ursula K. LeGuin, Harlan Ellison oder Joanna Russ aus der Warte eines männlichen Feministen debattierte. Aber sie wurde auch von Zweifeln geplagt, ob sie den gleichen Erfolg gehabt hätte, wäre ihr Geschlecht bekannt gewesen - und sie verspürte sogar Neid auf Tiptree. Bittere Ironie: Als die Täuschung 1976 aufflog, verstummte Sheldon für lange Zeit und sollte danach nie wieder zur alten Popularität zurückfinden.

    Die Faktoren und ihr Produkt

    Ursprünglich hatte ich geplant, mich auf die Tiptree-Phase - die etwa die Hälfte von Phillips' Buch ausmacht - als Kern zu konzentrieren; auch weil mich Kindheits- und Jugendgeschichten von AutorInnen in der Regel nur mäßig interessieren. Das war hier jedoch anders: Nicht nur, weil die Schriftstellerkarriere nur eine Facette dieses schillernden Lebens war, sondern auch, weil sich alle auch für das Schreiben entscheidenden Faktoren schon viel früher abzeichneten: Sheldons verkorkste und niemals ausgelebte Homosexualität, ihre durch eine bipolare Störung verursachten Depressionen und der daraus folgende Medikamenten- und Drogenkonsum, die Selbstzweifel, die Vorliebe für Rollenspiele und Geheimnisse und das Erleben der Zweitrangigkeit als Frau.

    ... was auch dazu führte, dass die risikofreudige Sheldon selbst eine schleichende Verachtung für die ihr zu passiven Frauen ihrer Zeit hegte. Als dann endlich doch der Feminismus aufkam, fühlte sie sich dafür bereits zu alt und kommentierte ihn aus der Außenseiterposition eines aufgeschlossenen, aber nicht involvierten Mannes.

    Das rekonstruierte Leben

    Tiptree, obwohl aus dem Zufall geboren, wirkt nachträglich wie das logische Produkt aus all diesen Faktoren. Oooooder so stellt es sich zumindest in der Art, wie Phillips Sheldons Leben kompiliert, dar. Natürlich muss man da vorsichtig sein. In den Text sind zahllose Auszüge aus Briefen und Tagebüchern eingewoben. (Nebenbei bemerkt: Gute Entscheidung, die Fußnoten - knapp 700 an der Zahl - nicht mit hochgestellten Zahlen im Text zu verankern. So wird der lästige Reflex unterdrückt, ständig zwischen dem Fließtext und dem mit Fotos, Bibliografie und Literaturverzeichnis 100 Seiten langen Anhang hin- und herzublättern.) Nichtsdestotrotz bleibt es natürlich eine Rekonstruktion. Genauso wie es bereits eine nachträgliche Interpretation ist, wenn Sheldon selbst ihr jüngeres Ich beschreibt als der "kleine blonde Liebling meiner Eltern [...], der den Kopf voller Tod hat".

    Ein Freund Sheldons wird mit dem Satz zitiert: "Sie hätte drei oder vier Leben gleichzeitig leben können." Was sich weniger auf die Vielseitigkeit Sheldons bezieht, als darauf, dass niemand sie jemals wirklich ganz gekannt hat. Wenn Julie Phillips' mit dem Hugo ausgezeichnetes Buch also so unglaublich rund wirkt, dass man glaubt, das Phänomen Alice B. Sheldon alias James Tiptree Jr. alias Raccoona Sheldon verstanden zu haben, dann sitzt man vielleicht nur einer weiteren Fiktion auf. Aber das gilt letztlich ja für jede Biografie. Auf jeden Fall ist dies das mit Abstand fesselndste Sachbuch, das ich seit langer Zeit gelesen habe.

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