Rundschau: Aus dem Leben eines SF-Autors

    Ansichtssache18. Mai 2013, 10:10
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    Einstein als Comic-Held, außergewöhnliche Biografien und SF-Krimis von Peter F. Hamilton, Hannu Rajaniemi und Barbara Slawig

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    coverfoto: golkonda

    Barbara Slawig: "Flugverbot. Die Lebenden Steine von Jargus"

    Klappenbroschur, 297 Seiten, € 17,40, Golkonda 2013

    Dies ist die bereits dritte Ausgabe von Barbara Slawigs ursprünglich im Jahr 2000 veröffentlichten SF-Krimi "Flugverbot" - zuvor als "Die Lebenden Steine von Jargus" erschienen - beim dritten Verlag. Slawig übrigens eine deutsche Biologin, die ihre wissenschaftliche Karriere nach Abschluss des Studiums in den Wind geschossen und sich der Literatur zugewandt hat: Da, schon wieder eine Tiptree-Parallele, wenn man so will.

    Das Setting

    Schauplatz des Romans ist der für Menschen ungeeignete Planet Jargus. Weil dort jedoch eine ungewöhnliche Lebensform auf Siliziumbasis - eben die "lebenden Steine" - heimisch ist, hat man eine große Wohnkuppel mit Laborkomplex in die Wüste gepflanzt. Politisch gehört Jargus zur Welt Volga, die sich vor ein paar Jahrzehnten vom großen Rest der galaktischen Menschheit abgekoppelt hat. Das von ANACs (vermutlich KIs) gelenkte Synarchon ist ein auf Stabilität angelegtes Pseudo-Utopia, in dem offenbar jeder seine individuelle Freiheit so sehr ausleben kann, wie der Markt Nischen für ihn bereithält. Klingt ziemlich nach unserer Gegenwart - wie auch vieles andere im Roman.

    Aber die Freiheit hat Grenzen, und was nicht passt, wird passend gemacht - notfalls in sogenannten Therapielagern, die in "Flugverbot" eine indirekte, aber wichtige Rolle spielen. Volga jedenfalls wollte mit diesem Gesellschaftsentwurf nichts mehr zu tun haben und hat sich seine Unabhängigkeit erkämpft. Wenn der Chefwissenschafter von Jargus jetzt zwecks besserer Computertechnologie wieder Kontakte zum Synarchon knüpft, gilt es ein misstrauisches Auge darauf zu werfen. Soweit die politische Ausgangslage.

    Die ProtagonistInnen

    Slawig präsentiert uns zwei Hauptfiguren, die beide einen ordentlichen Rucksack Vergangenheit mit sich herumschleppen. David Woolf ist ein frischgebackener Kommissar (was in diesem Fall eine Art wissenschaftlichen Beirat der volganischen Regierung bedeutet, keinen Polizisten) und soll auf Jargus nach dem Rechten sehen. Dort ist er aber erst mal dazu genötigt, eine Reihe von Computerausfällen im Laborkomplex zu untersuchen. Vermutlich Sabotage.

    Jeanne Andrejew indes, als Deserteurin aus dem Unabhängigkeitskrieg berüchtigt, trifft als mutmaßliche Schmugglerin auf Jargus ein und bekommt's in der Folge kalt-warm: Sie wird verdächtigt und verhört - und dann wieder wegen ihrer Fähigkeiten als Computerspezialistin zur Mitarbeit gezwungen. Nach und nach erschließt sich uns dabei Jeannes Lebensgeschichte, und neben der Krimi-Handlung schildert "Flugverbot" auch die langsame Annäherung zwischen David und Jeanne.

    Der menschliche Faktor

    Slawigs Roman ist eindeutig Soft SF, also auf das Menschliche konzentriert. Es ist auch - trotz Vorgeschichte der Autorin - kein Roman über Wissenschaft, sondern über WissenschafterInnen. Also die typischen Egozentrismen, Eifersüchteleien, Liebschaften, Karrieregedanken und nicht zuletzt auch der echte Forscherdrang in einem akademischen Umfeld. Kantinentratsch spielt eine wesentliche Rolle im Roman.

    Da auch keine übermäßig avancierte Technologie vorkommt - etwa im Vergleich zu Hannu Rajaniemi - hat man keinerlei Probleme, sich in dieses 22. Jahrhundert zu versetzen. Ob ich mir einen Poul Anderson aus den 50ern, eine Lois McMaster Bujold aus den 80ern oder diesen nochmal drei Jahrzehnte später entstandenen Roman aus dem Regal greife ... allen ist dieser gewisse Kuschelfaktor zu eigen, der klassisch gehaltene SF ohne Verfremdungselemente auszeichnet.

    Ausbaufähiges

    Nichtsdestotrotz hätte sich aus manchem mehr machen lassen. So hätte der Action-Anteil ruhig ein wenig höher sein können - selbst das Verbrechen, um das sich der Roman dreht, ist ja vergleichsweise harmlos. Rätsel gibt mir auch das Frauenbild des Romans auf: Slawig zeichnet ein durchgängiges Bild von schleichender bis offener Diskriminierung, festgemacht insbesondere am Lebensweg Jeannes. Das ist bei der Beschreibung einer zukünftigen Gesellschaft keine Selbstverständlichkeit, sondern eine bewusste Entscheidung - nur sehe ich den Anlass dafür nicht so recht.

    Frauen haben im Roman in etwa den Status, den sie vor der Emanzipationsbewegung der 70er Jahre hatten. Wäre "Flugverbot" in dieser Ära geschrieben worden, hätte Slawig damit klar erkennbare Kritik an der (damaligen) Gegenwart geübt. Nachdem er aber ein Kind des neuen Millenniums ist, hätte es im Roman einer Erklärung für den Backlash bedurft, der hier offenbar stattgefunden hat. Denn bei aller Kritik an der - hier und heute - immer noch mangelhaften Gleichstellung: Ein paar der Dinge, die sich Frauen im Roman seltsam selbstverständlich gefallen lassen, sind nicht auf dem Stand der Gegenwart.

    Eher Krimi als Science Fiction

    Und dann wären da noch die "lebenden" Steine, die dem Roman immerhin seinen ersten Titel und jetzigen Untertitel gegeben haben. Tja, die liegen schwarz und unspektakulär in der Gegend herum und spielen eine derart unwichtige Rolle, dass man sie nicht einmal als MacGuffin bezeichnen kann. Immerhin ist dieser Ausgabe des Romans die Kurzgeschichte "Pakettage" angefügt, die nach "Flugverbot" entstand und ein paar Jahrzehnte vor dessen Handlungszeit angesiedelt ist. Da bekommen die Steine dann zum Glück doch noch ihren Auftritt.

    Im Gegensatz zu Peter F. Hamiltons "Den Bäumen beim Wachsen zusehen", auf das ich vorher eingegangen bin, ist "Flugverbot" also ein SF-Krimi mit klarer Betonung auf Krimi; Unterkategorie "Whodunnit". Das Setting könnte mit Leichtigkeit gegen ein nicht-phantastisches ausgetauscht werden. Wer in diese Richtung weiterschmökern will, wird Entsprechendes sowohl unter Slawigs richtigem Namen als auch unter dem Pseudonym "Carla Rot" finden.

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