Das Problem mit der sprachlichen Gleichberechtigung

Leserkommentar16. April 2013, 13:46
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Medien und Literatur forcieren eine "sprachliche Gleichbehandlung von Frauen und Männern" - zum Leidwesen der deutschen Sprache

Anstatt sich diskriminiert zu fühlen, sollten sich Frauen doch geehrt fühlen, vom Autor im generischen Maskulinum eingeschlossen zu sein. Wenn nämlich die männliche Formulierung der Grund für die Repression sein soll, obliegt es doch der selbstbewussten Frau, den Herren der Schöpfung zu zeigen, dass die maskulinen Bezeichnungen auch auf Frauen zutreffen können.

Das war eine Denkweise, die sich bis in die 70er des 20. Jahrhunderts gehalten hatte, obwohl das generische Maskulinum seit den 1960ern in der Germanistik explizit als verallgemeinernd und geschlechtsneutral verstanden wird beziehungsweise ein Zusammenhang zwischen Genus und Sexus dezidiert ausgeschlossen wird.

Grammatikalischer Unsinn

Die Deutsche Grammatik selbst sieht daher auch keine Sichtbarmachung vor. Binnenmajuskeln, Schrägstriche oder symbolische Attribute ("(m/w)") stören nicht nur den Lesefluss und Verkomplizieren das Verfassen, sondern sind auch in der Grammatik nicht beschrieben und gelten in Orthografien mit lateinischer Schrift als schlichtweg falsch. Eine neutrale Bezeichnung hingegen gibt es in der Deutschen Sprache jedoch schon, seit sie geboren ist: Bereits Ende des 16. Jahrhunderts, als die ersten Grammatiken der Deutschen Sprache von Sprachwissenschaftlern (Albertus 1573, Oelinger 1574, Clajus 1578) geschrieben wurden, war das Neutrum in der Sprache verankert: "Vater und Mutter sind jedes ein Mensch für sich", oder "Jemand Fremdes hat gefragt" wären diesbezügliche Beispiele (nach Doleschal 2002).

Ich sehe mich in erster Linie als Mensch, nicht als Mann

Linguistik beiseite, entsteht der angebliche Schaden jedoch in der vermeintlich impliziten Konstruktion eines sozialen Geschlechts durch Unterdrückung der femininen Form: Aus der neutral gemeinten Berufsbezeichnung "Doktor" wird ein ausschließlich männliches Bild, "der Bürger" exkludiert alle Frauen und "Experten" gibt es ohnehin nur in männlicher Ausführung. Doch frage ich: Wird durch die Sichtbarmachung nicht der Mann diskriminiert? Entbehren nicht Gruppen von "ExpertInnen" männlicher Mitglieder, wenn nicht bereits optisch auf dem Papier so doch spätestens bei der Aussprache?

Was in jeder ernsthaften Diskussion stört, sind energische Vertreter einer bestimmten Meinung: Wenn aus dem Indefinitpronomen "man" (per Definition ein hinsichtlich Genus, Sexus und sogar Anzahl indifferentes Pronomen) zwecks Gleichstellung ein "man/frau" wird, ist an einen objektiven Zugang zum Thema nicht mehr zu denken.

Solche Auswüchse können nur im Kontext der aktuellen Zeit zu verstehen sein, wo auf dem ideologischen Nährboden des Neoliberalismus Neid und Misstrauen hervorragend gedeihen und die intellektuellen und zivilisatorischen Errungenschaften seit den Zeiten der Aufklärung zu Gunsten einer Stärkung der eigenen, unreflektierten Position wieder verworfen werden. Denn de jure sind alle geschlechterdiskriminierenden Limitierungen abgeschafft und es kann der Frau nur hoch angerechnet werden, wenn sie in so einer unmoralischen Welt Schwierigkeiten hat, Fuß zu fassen. Die Vergewaltigung der Sprache ist aber keine Lösung und erzürnt höchstens die Sprachwissenschaftler - und von denen gibt es bekanntermaßen Vertreter beiderlei Geschlechts.

Die Problematik reproduziert sich selbst

Insgesamt weist eine separate Sichtbarmachung der Geschlechterdifferenz eben nur auf eine solche hin: Auf einen Unterschied zwischen den Geschlechtern. Während eine geschlechterspezifische Formulierung explizit auf die Unterdrückung der Frau im Alltag hinweist, und dies dadurch entweder verstärkt oder aber die Frau in eine Opferrolle drängt, stößt die geschlechterneutrale Sprache schlichtweg grammatikalisch an ihre Grenzen*. In jedem Falle aber verhindert die derzeitige "geschlechtergerechte Sprache" eine echte Gleichstellung der Geschlechter.

Erst eine neue Grammatik, ein wahrlich geschlechterneutrales Regelwerk, das eine unabhängige Formulierung erlaubt und auch, die in der Diskussion bisher weitgehend unberücksichtigten, Transgender mit einschließt, kann das Dilemma endgültig lösen. Bis dahin ist jede Form der Neuformulierung aufgrund der vermeintlichen Diskriminierung der/des Anderen zum Scheitern verurteilt.

Bernhard Kastner ist Student der Landschaftsplanung und -architektur an der Universität für Bodenkultur in Wien.

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