Durchfallstagebücher im Labortest

2. April 2013, 17:47
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Initiativen wie Raw Matters zeigen Performances außerhalb von Institutionen

Wien - My twin sister is a dead body nennt die Kanadierin Arkadi Lavoie Lachapelle ihre Arbeit, die gerade im Rahmen der Performanceserie Raw Matters im Schikanederkino gezeigt wurde. Der Titel des Solos geht noch weiter: ... and a few tourists like her!

Kritisch zerlegt Lachapelle ein T-Shirt für Männer, das in Barcelona an Touristen verhökert wird. Darauf ist ein schlichtes Frauen-Piktogramm zu sehen, unter dem "Your Girlfriend" steht, und daneben der Umriss einer Figur in cooler Pose, die als "My Girlfriend" ausgewiesen ist. Die Frau als Angeber-Objekt. Nicht sehr lustig. My twin sister war als eines von vier Stücken zu sehen, mit denen die Betreiberinnen des Formats, die Choreografinnen Deborah Hazler und Nanina Kotlowski, ihren jüngsten Abend bestückt haben. Unter dem Label Raw Matters präsentieren die beiden seit 2011 in unregelmäßigen Abständen Experimente meist junger Performance- und Tanzschaffender. "Ungeschliffen" und ohne kuratorischen Einfluss können hier Arbeiten an einem interessierten Publikum ausprobiert werden, bevor sie an etablierte Häuser und Festivals kommen.

Das Konzept ist bekannt. Bereits im Jahr 2000 hat die Initiative Im_Flieger, damals als Teil des Wiener Wuk, damit begonnen, Performances zu zeigen, die noch keine institutionelle Aufmerksamkeit genießen. Mittlerweile nomadisiert Im_Flieger unter der Leitung der Choreografin Anity Kaya ohne feste Bleibe und wird am 20. April im Brick 5 einen Tag mit Performances und Konzerten zeigen.

Zwischen Im_Flieger und Raw Matters initiieren immer mehr Künstler Performance-Events abseits der Institutionen. Beispielsweise in dem von Amanda Piña und Daniel Zimmermann gegründeten und zusammen mit Lisa Hinterreithner betriebenen Na-Da-Lokal, wo demnächst, am 18. und 19. April, ein Performance- und ein Filmabend stattfinden wird. Zwischen Probephasen präsentieren auch Elio Gervasi und Chris Haring in ihrem Raum 33, dem ehemaligen Gudrunkino, Gastspiele. Ähnliche Initiativen gibt es etwa von Paul Wenninger und Bert Gstettner.

Eine wichtige Entwicklung. Denn gerade in einem entspannten Ambiente kann, wie nun bei Raw Matters zu erleben war, etwa ein so zwiespältiges politisches Stück wie die Diarrhoesen Diarien von Steffi Neuhuber und Lena Violetta Leitner ausprobiert werden. Darin leiten die Künstlerinnen den Untergang der Power-Point-Lecture ein. Weitere Wagnisse folgen beim nächsten Raw-Matters-Abend am 20. Mai. (Helmut Ploebst, DER STANDARD, 3.4.2013)

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