Warum stellen nicht alle Verkehrsbetriebe ihre Daten zur Verfügung?

Gastkommentar2. April 2013, 17:25
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Entwickler Patrick Wolowicz über acht grosse Öffi Open Data Mythen

Wie schnell sich die Situation doch ändern kann: Nach Jahren der Vorbehalte seitens der Wiener Linien, ihre Daten als Open Data freizugeben, wurde am 22.3.2013 eine, dem neuen Petitionsgesetz entsprechende Petition namens "Wiener Linien & Open Data" eingereicht. Am Montag darauf ging unsere Offene Öffis Website online. Einen Tag später hatten wir bereits die benötigten 500 Stimmen zusammen. Am Mittwoch wiesen die Wiener Linien darauf hin, dass sie einer politischen Entscheidung folgen würden. Die Grünen und die Opposition (FPÖ, ÖVP) gaben bekannt, dass sie die Petition unterstützen. Stille seitens der SPÖ. Ich fing an zu befürchten, es würde sich wieder nichts ändern. Doch dann, am Freitag, genau eine Woche nach Start der Petition, gaben Vizebürgermeisterin Dr. Renate Brauner und die Wiener Linien bekannt, dass Open Data kommen werde, sogar schon bis zum Sommer.

Warum stellen nicht alle öffentliche Verkehrsbetriebe ihre Daten als Open Data zur Verfügung? In den Medien sind ihre Argumente zu lesen. Von "Angst vor Hackern" bis hin zu "Kontrollverlust" ist hier alles zu hören. Dieser Kommentar setzt sich mit diesen Argumenten, beziehungsweise Mythen, aus der Sicht eines Softwareentwicklers auseinander. Hier eine Zusammenfassung, genaueres darunter.

Angriffe von Hackern: Öffis können mit und ohne Open Data genauso leicht/schwer gehackt werden.
Hohe Kosten: Öffis haben bereits die Infrastruktur für Open Data, es entstehen nur minimale Zusatzkosten.
Kontrollverlust: Öffis haben bereits jetzt wenig Kontrolle über ihre Daten. Open Data könnte die Kontrolle verbessern.
Serverüberlastung: Es ist unwahrscheinlich, dass Open Data Apps die Server überlasten, da diese jetzt bereits täglich tausende Anfragen beantworten. Mehr Anfragen durch neue Apps bedeuten auch weniger Anfragen durch die vorhandenen Apps.
Beschwerden wegen Apps: Kundenbeschwerden können an die App Entwickler weitergeleitet werden.
Google hat Fahrplan nicht aktualisiert: Wenn Apps die Daten direkt von dem Verkehrsbetriebsserver laden kann dies nicht passieren.
Überregionale Server wären besser: Ein überregionaler Server ist kompliziert und wird noch lange auf sich warten lassen. Die regionalen Server funktionieren bereits jetzt und könnten sofort von Entwicklern genutzt werden.
Wir haben bereits hauseigene Apps: Apps wie Qando, BusBahnBim, SmartRide & Co sind wie ein Schweizer Taschenmesser. Man würde aber mit einem Taschenmesser nicht kochen, geschweige denn Operationen durchführen. Neue Apps werden neue Wünsche der Kunden erfüllen, oder vorhandene Wünsche anders/besser verwirklichen. Mehr Auswahl bedeutet glücklichere Öffi Kunden.

Diese 8 Argumente werden oft von verschieden Verkehrsbetrieben als Grund für fehlende Open Data genannt. Für den Laien klingen Argumente wie diese vielleicht überzeugend, als Softwareentwickler ist für mich aber klar, dass diese Argumente überzeichnet sind.

"Wir könnten gehackt werden."

Um Open Data in Echtzeit anbieten zu können, muss ein Verkehrsbetrieb einen Server betreiben, den man aus dem Internet erreichen kann. Dadurch kann dieser Server, wie jeder andere Server im Internet, potentiell gehackt werden. Soweit stimmt das Argument also noch. Was die Verkehrsbetriebe hier aber nicht erwähnen, ist, dass es besagten Server bereits jetzt im Internet gibt (jeder Verkehrsbetrieb hat seinen eigenen) und er jetzt schon täglich tausende Anfragen von Apps wie Qando, BusBahnBim, etc beantwortet. Wie ist bereits gut dokumentiert. Open Data ändert hier also nichts: Vor Open Data ist ein Server im Internet der potentiell gehackt werden kann, mit Open Data bleibt genau derselbe Server im Internet und kann immer noch potentiell gehackt werden. So oder so muss der Verkehrsbetrieb auf die Sicherheit des Servers achten, und auch dieselbe Summe hierfür aufwenden.

"Open Data anzubieten ist aufwendig und teuer."

Open Data anzubieten kann durchaus mit einem Aufwand verbunden sein. Daten könnten nur auf dem Papier existieren und müssten aufwendig digitalisiert werden. Dadurch entstehen Kosten. Der Haken an dem Argumentationsstrang: Die Verkehrsbetriebe haben diese Arbeit bereits für ihre eigenen Apps gemacht. Die Daten der Wiener Linien kann man z.B. von hier abrufen, die Grazer Daten von hier. Die Server und die Daten sind bereits da. Es gibt keinen, bzw. nur minimalen technischen Aufwand (z.B. API Keys). Wenn die Verkehrsbetriebe wollten, könnten sie, aus technischer Sicht, jetzt sofort ihre Server als Open Data anbieten. Aufwand und Kosten kämen maximal von der Verwaltung: Jemand muss sich künftig im Betrieb als Ansprechperson für Open Data zur Verfügung stellen, die Nutzungsbedingungen schreiben, und die gelegentliche Email eines Softwareentwicklers zum Server beantworten. Wenn hier also ein Verkehrsbetrieb, oder die Firma die beauftragt wurde für den Verkehrsbetrieb den Server zu warten, mit hohen Kosten argumentiert, sollten diese Kosten gründlich durchleuchtet werden, denn eventuell stimmt hier dann etwas nicht.

"Bei Open Data haben wir keine Kontrolle darüber, was mit unseren Daten passiert."

Wie ich bereits erwähnt habe, sind die Daten der Verkehrsbetriebe für uns Softwareentwickler schon längst im Internet verfügbar. Wir nutzen sie aktiv und schreiben Apps für uns selbst. Manche von uns gehen einen Schritt weiter und veröffentlichen ihre Apps. Man könnte also argumentieren, die Verkehrsbetriebe hätten technisch bereits jetzt wenig Kontrolle über ihre Daten. Nur Abmahnungen verhindern hier, dass es noch mehr Apps gibt. Hier schadet Open Data also auch nicht, ganz im Gegenteil. Wenn ein Verkehrsbetrieb seine Daten freigibt und Nutzungsbestimmungen an die Daten knüpft, gewinnt er seine Kontrolle zurück. Denn dann ist geregelt, was man mit den Daten machen darf, und was nicht. Falls sich ein Entwickler tatsächlich mal "daneben benimmt", können die Verkehrsbetriebe leicht mit ihm Kontakt aufnehmen und ihm Notfalls den Zugriff auf die Daten entziehen (z.B. durch die zuvor erwähnten API Keys).

"Die neuen Apps werden unsere Server überlasten."

Klar, die neuen Apps werden auf die Server der Verkehrsbetriebe zugreifen und damit die Auslastung erhöhen. Gleichzeitig wird es aber weniger Anfragen der hauseigenen Apps (BusBahnBim, Fahrtinfo & Co.) geben. Die meistern User werden nicht im selben Moment z.B. BusBahnBim und ein anderes App verwenden. In Summe wird sich die Auslastungserhöhung in Grenzen halten, wenn die Nutzungsbedingungen richtig formuliert werden.

"Kunden werden sich bei uns über die Apps beschweren."

Für Beschwerden zu Apps sind die jeweiligen Entwickler zuständig. Sollten sich trotzdem Beschwerden zu den Verkehrsbetrieben "verirren", können diese kurzerhand an den Entwickler weitergeleitet werden (wie es z.B. aktuell mit den Beschwerden zu den hauseigenen Apps geschieht, die meist extern entwickelt werden).

"Google hat alte Daten verwendet, die Kunden haben sich bei uns beschwert."

Chronik: Während der Fußball-EM 2008 durfte Google die Abfahrtsdaten der Wiener Linien verwenden. Nach einer Fahrplanänderung der Wiener Linien hat Google anscheinend seine Kopie der Daten nicht aktualisiert. Dadurch zeigte Google Maps eine falsche Abfahrtszeit an; Kunden haben sich bei den Wiener Linien beschwert. Folgende Punkte sind in diesem Fall anzuführen:

1: Würden Verkehrsbetriebe die Daten direkt von ihren Servern liefern, wären diese immer aktuell.

2: Siehe "Bei Open Data haben wir keine Kontrolle darüber, was mit unseren Daten passiert." sowie "Kunden werden sich bei uns über die Apps beschweren."

Auf einen Open Data Server kann auch Google zugreifen, und müsste sich wie alle anderen Entwickler an die Nutzungsbestimmungen halten.

"Wir arbeiten an einer überregionalen Lösung."

Manche Verkehrsbetriebe sagen, sie wollen mit anderen Verkehrsbetrieben einen überregionalen Server aufstellen. So könnte ein Nutzer eine Routenplanung vornehmen, z.B. vom Wiener Stephansplatz zum Bregenzer Landeskrankenhaus. Die Daten wollen sie dann vielleicht auch als Open Data anbieten. Diese Projekte befinden sich seit Jahren in Arbeit. Konkrete Ergebnisse und Daten, die man nutzen könnte, gibt es nicht.

Warum, ist klar: Es ist aus technischer Sicht nicht einfach, diese sehr verschiedenen Datenquellen unter einen Hut zu bringen, sodass auch jeder der involvierten Verkehrsbetriebe mit dem Ergebnis einverstanden ist. Die Lösung dieses Problems wird lange benötigen. Die regionalen Server sind jetzt schon verfügbar; es spricht nichts dagegen, Entwicklern jetzt Zugriff auf diese zu geben. Parallel dazu können die Verkehrsbetriebe an der überregionalen Lösung arbeiten. Diese werden Entwickler auch gerne nutzen, wenn sie fertig ist.

"Wir haben bereits hauseigene Apps."

Apps wie Qando, BusBahnBim, SmartRide & Co sind wie ein Schweizer Taschenmesser. Sie können sehr viel, vom Routenplanen bis zum Ticketkauf. Ich verwende sie oft und sie helfen mir in meinem Alltag. Man würde aber mit einem Taschenmesser nicht kochen, geschweige denn Operationen durchführen. Egal wie viele Werkzeuge die Entwickler in die hauseigenen Apps reinpacken, sie können niemals alle Anwendungsfälle von Kunden abdecken. Irgendwann wäre das "Taschenmesser" so vollgepackt, dass man damit nicht mal mehr vernünftig schneiden könnte. Die Lösung ist nicht, vorhandene Apps mit neuer Funktionalität zu erweitern, bis sie nicht mehr bedienbar sind. Andere Entwickler können aus ihren unterschiedlichen Blickwinkeln neuartige oder spezialisierte Apps entwickeln. Mein App "Wann" ortet den User und zeigt ihm so schnell wie möglich seine nächsten Abfahrten in der Umgebung, ohne dass er irgendetwas eingeben muss. "Erreichbarkarte" zeigt visuell auf, wie lang man von einem Punkt in Wien zu jedem anderen braucht. Diese Apps eröffnen Kunden neue Verwendungsmöglichkeiten, was wiederum deren Zufriedenheit mit den Verkehrsbetrieben erhöht. Parallel dazu werden die hauseigenen Apps weiterentwickelt, ohne den Druck jede Verwendungsmöglichkeit abdecken zu müssen.

Die Linz AG bietet ihre Daten bereits seit längerem als Open Data an, bisher offenbar problemlos. Wien geht nun noch vor dem Sommer 2013 an den Start: ein grosses Lob meinerseits hierfür. Ich hoffe, dass der Erfolg in Wien zu einem Umdenken bei den anderen Städten, Regionen und Verkehrsbetrieben Österreichs führt. Zeit wird's. (Patrick Wolowicz, 2.4. 2013. Der Autor  ist selbstständiger Softwareentwickler, arbeitet am App für öffentliche Verkehrsmittel "Wann" und ist Mitbegründer der "Offene Öffis" Initiative)

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    Die Wiener Linien geben ihre Öffi-Daten "bis zum Sommer" frei

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