"Sie sind wohl ein ziemlich mieser Typ"

26. März 2013, 18:11
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Großbritanniens Premier David Cameron kommt ein medialer Ausrutscher seines Rivalen Boris Johnson gerade recht

Die Rede zur britischen Einwanderungspolitik war misslungen, und die Fragen der Journalisten klangen dementsprechend säuerlich. Großbritanniens Premierminister David Cameron fühlte sich sichtlich nicht wohl bei seinem Auftritt in Ipswich. Doch dann malte sich plötzlich ein seliges Lächeln auf das rosige Gesicht des Regierungschefs. Der Reporterfrage nach dem schweren Missgeschick des Londoner Bürgermeisters Boris Johnson, seines Parteifreunds, mochte der Konservative nicht ausweichen. Im Gegenteil: "Sie sollten niemals Boris' Fähigkeit unterschätzen, sich aus einer schwierigen Position zu befreien" , sagte Cameron.

Unausgesprochen ließ der Premierminister anklingen, was politische Beobachter in London seit Jahren halb kopfschüttelnd, halb bewundernd sagen: Johnson verfügt zwar tatsächlich über Steher-Qualitäten, zeigt aber auch hohe Kunst darin, zunächst bis zum zerzausten Haaransatz im Fettnapf zu verschwinden. So geschehen in einer einstündigen BBC-Dokumentation am Montagabend, so geschehen tags zuvor im morgendlichen Politikmagazin des öffentlich-rechtlichen Senders.

Im Live-Interview sah sich der ehrgeizige 48-Jährige mit Sünden der Vergangenheit konfrontiert, über die die Londoner Medien sonst gern großzügig hinwegsehen: die gefälschten Zitate des Jung-Journalisten Johnson, weshalb ihn die Times damals feuerte; die zahlreichen Affären des verheirateten Vaters von vier Kindern, die zu mindestens einem weiteren Spross führten; die Hilfszusage für einen Freund, der einem Journalisten "die Rippen brechen" wollte. Stotternd ließ der sonst so gewandte Bürgermeister seinen Interviewer gewähren, dessen Angriff in der Feststellung gipfelte: "Sie sind wohl ein ziemlich mieser Typ."

David Cameron kann die Demütigung des früheren Schulkameraden am feinen Internat Eton nur recht sein, schließlich trifft es den härtesten parteiinternen Rivalen. Und das in einer Phase, in der Tories verzweifelt nach einer Alternative zu ihrem glücklosen Premierminister suchen.

Zum Lunch beim Premier

Die ungeliebte Koalition mit den Liberaldemokraten, der dauerhafte Umfragerückstand hinter der wenig überzeugenden Labour Party, die Bedrohung durch die Ukip-Nationalpopulisten - in der Fraktion brodelt es so heftig, dass Cameron die meist ignorierten Hinterbänkler zu persönlichen Gesprächen einlädt. "Ich bin zum Lunch beim Premier eingeladen", tönte Mark Pritchard kürzlich lautstark auf den Gängen des Unterhauses. Die Prahlerei hatte ihre Wirkung auf neidische Labour-Veteranen, die es während der Regierungszeit Tony Blairs nie in die Downing Street geschafft hatten.

Außer Johnson haben sich seit Jahresbeginn auch der ehrgeizige Hinterbänkler Adam Afriyie sowie Innenministerin Theresa May für Camerons Job ins Gespräch gebracht. "Die Tories benehmen sich, als sei der Premier bereits eine lahme Ente auf dem Abflug", wundert sich Benedict Brogan vom konservativen Telegraph. Da kommt Johnsons TV-Bauchfleck für Cameron gerade recht. (Sebastian Borger aus London, DER STANDARD, 27.3.2013)

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    Der konservative Londoner Bürgermeister Boris Johnson (li.) hätte gern David Camerons Posten als britischer Premier, patzte aber zuletzt arg bei einem TV-Interview.

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